Exil-Urner Claudio Fäh filmt besondere Reise

Der in Los Angeles lebende Claudio Fäh macht Action-Filme. Jetzt hat er einen berührenden Dok-Film über einen todkranken Teenager gedreht, der mit modernster Technik das Weltall kennen lernt.

Markus Zwyssig
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Claudio Fäh hat einen berührenden Dok-Film gedreht. (Bild: PD)

Claudio Fäh hat einen berührenden Dok-Film gedreht. (Bild: PD)

Da geht es um knallharte Killer, blutrünstige Wikinger oder erbarmungslose Kämpfe im Zweiten Weltkrieg: Claudio Fähs Filme leben für gewöhnlich von Action und Blut. Jetzt hat der 44-jährige Exil-Urner, der in Los Angeles lebt und arbeitet, einen ganz anderen Film gedreht. Der 12-minütige Dokumentarfilm «Child of the Earth» handelt von einem todkranken 17-jährigen Teenager, der mit Hilfe modernster Technik in seinem Wohnzimmer in Los Angeles virtuell ins Weltall reisen kann.

«Diesen Film musste ich machen», sagt er beim Besuch unserer Redaktion. Unter anderem für das Projekt Zeitsprung, das heute im Theater Uri läuft, ist Fäh zurzeit in der Schweiz. Auf die Idee für den Film gebracht habe ihn seine Frau Martina. Sie ist Ärztin und macht zusammen mit einem Team in Los Angeles Hausbesuche bei schwerkranken Menschen, die nur noch wenige Monate zu leben haben. «Bei der ganzheitlichen Pflege geht es darum, dass sie möglichst komfortabel sterben können», so Fäh. Und vor allem soll es in ihrer letzten Lebensphase für die unheilbar kranken Menschen und ihr Umfeld medizinisch, emotional und auch spirituell stimmen.

Kevin Flores reist virtuell ins Weltall. (Bild: PD)

Kevin Flores reist virtuell ins Weltall. (Bild: PD)

Oscar-Preisträger liefert die richtige Maschine

«Virtual Reality» heisst die Technik der Stunde, oder kurz VR. Mit einer VR-Brille kann man in fremde Welten eintauchen. Die medizinische Organisation, bei der Fähs Frau arbeitet, erhielt für diesen Zweck sogenannte Google Cardboards. Darauf abspielen wollte Claudio Fäh Aufnahmen aus dem Weltraum. So wandte er sich an Ben Grossmann, Oscar-Preisträger für die Spezialeffekte in Scorseses 3D-Film «Hugo». Fähs Freund hatte soeben in Zusammenarbeit mit der NASA eine «Virtual Reality Experience» kreiert, die eine Reise zur Internationalen Weltraumstation («Mission: ISS») simuliert. Grossmann war vom Projekt für die Schwerkranken begeistert, konnte sich aber nicht mit der Qualität der Google Cardboards anfreunden. Daher erklärte er sich bereit, die beste VR-Maschine zu kaufen, die es auf dem Markt gibt.

«Wenn man sich eine solche VR-Brille aufsetzt, hat man das Gefühl, tatsächlich im Weltall zu schweben», sagt Fäh. Er wollte unbedingt einen Dokumentarfilm darüber drehen, wie das Ganze bei den Patienten ankam. Fäh hat dazu den 17-jährigen Kevin Flores porträtiert, der an der Erbkrankheit Zystische Fibrose leidet, und als Erster auf die Reise gehen durfte. «Er hat gezittert vor Freude und war dermassen begeistert, dass er die Maschine am liebsten gar nicht mehr hergeben wollte», sagt Fäh. Der Teenager lebe mit seinen Eltern in einem bescheidenen Appartement. «Die VR-Maschine war für ihn eine Möglichkeit, in eine andere Welt zu reisen und für ein paar Minuten seine schwere Krankheit zu vergessen.»

Der berühmte Astronaut Scott E. Parazynski kommt zu Besuch. (Bild: PD)

Der berühmte Astronaut Scott E. Parazynski kommt zu Besuch. (Bild: PD)

Sogar ein berühmter Astronaut kam zu Besuch

Die Weltraumbehörde NASA trainiert seit den 1990er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit VR-Programmen. Fäh wollte daher unbedingt mit einem Astronauten sprechen. Der todkranke Teenager öffnete Türen, die sonst verschlossen sind. Kein Geringerer als Scott E. Parazynski meldete sich. Als Astronaut war er bei fünf Space-Shuttle-Flügen und sieben Weltraumspaziergängen dabei und schaffte es in die «Hall of Fame» der NASA. Als er von der Geschichte hörte, war Parazynski so gerührt, dass er Kevin Flores trotz vollem Terminplan persönlich besuchen wollte. Und das hatte Wirkung. Fäh erinnert sich an das Treffen:

«Ich habe den Buben noch nie so glücklich gesehen.»

Auch als es dem Buben schlechter ging, konnte er mindestens einmal pro Woche virtuelle Reisen unternehmen. Kevin Flores ist inzwischen verstorben. Geblieben sind die Erinnerungen und der Dokumentarfilm, der bereits an verschiedenen Festivals unter anderem in Palm Springs gezeigt worden ist. Und auch das Projekt geht weiter: Die VR-Maschine wird nun von Patient zu Patient weitergereicht. Auch Erwachsene oder ältere Menschen können sich auf eine virtuelle Reise ins Weltall begeben.

«Virtual Reality ist beim Bekämpfen von chronischen Schmerzen ein effektives Mittel», gibt sich Fäh überzeugt. «Das haben inzwischen auch verschiedene Studien bewiesen: Es ist eine sinnvolle therapeutische Massnahme.»

Die Zeit mit Kevin Flores hat auch bei Claudio Fäh einiges ausgelöst. «Es gab mir eine neue Perspektive von Wertschätzung», so Fäh. «Jeder Ausflug ins Weltall – auch ein virtueller – verändert einen Menschen. Es ist eine spirituelle Erfahrung, wenn man aus der Distanz auf die Erde schauen kann. Das sieht alles wunderschön aus.» Und vor allem lehre es eines: «Wir leben auf dem Planeten Erde, um füreinander da zu sein.»

Gelernt, wie man Emotionen festhalten und verstärken kann

Die Erfahrungen der Action-Filme seien für ihn wichtig gewesen. «Ich hätte den Film nie auf diese Art und Weise machen können, wenn ich nicht die Erfahrung und das Wissen aus der Arbeit an meinen früheren Filmen gehabt hätte.» Fäh denkt dabei vor allem an die Technik des Erzählens der Geschichte. Gelernt habe er bei der Arbeit an seinem neusten Dokumentarfilm, wie man Emotionen festhalten und verstärken kann. Fäh ist überzeugt: «Dieser Film ist etwas vom Besten, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe».

Nun hofft Claudio Fäh, Spitäler und Hospize dazu bewegen zu können, ebenfalls solch moderne Apparaturen anzuschaffen: «Vielleicht könnte man eine solche virtuelle Reise auch todkranken Menschen in Uri ermöglichen.»

Den Film finden Sie unter www.claudiofaeh.com/child