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FALL WALKER: Für Jaeggi lösen sich Ungereimtheiten im Konstrukt auf

Verteidiger Linus Jaeggi schliesst ein neues Haftentlassungsgesuch nicht aus. Und: Zwei Entscheide der Urner Behörden irritieren ihn.
«Das ist aber eine vollkommen falsche Interpretation des Urteils», Linus Jaeggi, Verteidiger von Ignaz Walker. (Bild: Neue UZ)

«Das ist aber eine vollkommen falsche Interpretation des Urteils», Linus Jaeggi, Verteidiger von Ignaz Walker. (Bild: Neue UZ)

Im Oktober 2012 ist Sasa Sindelic vom Landgericht Uri wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er soll im November 2010 im Auftrag von Ignaz Walker versucht haben, Nataliya K., die damalige Ehefrau von Walker, zu erschiessen. Sasa Sindelic hat die Tat zwar nie gestanden, das Urteil des Landgerichts aber akzeptiert. Seine Strafe verbüsst er in der Haftanstalt Thorberg. «Ignaz Walker hat damit nichts zu tun», sagte Sindelic am vergangenen Mittwoch in der «Rundschau» von Fernsehen SRF. Er selber sei zusammen mit Nataliya K. und deren Freund an der Tat beteiligt gewesen. «Wir haben dies gemeinsam geplant, um Walker hinter Gitter zu bringen.» Nun nimmt Linus Jaeggi, der Verteidiger von Ignaz Walker, zu den Aussagen des rechtmässig verurteilten «Auftragskillers» Stellung.

Linus Jaeggi: Was sagen Sie zur neusten Tatversion, die Sasa Sindelic in der «Rundschau» geäussert hat?

Linus Jaeggi: Es gibt sehr viele und wichtige Indizien, die tatsächlich darauf hindeuten, dass Ignaz Walker an diesem Mordanschlag nicht beteiligt war und dass es genau so gewesen sein könnte, wie Herr Sindelic dies in der «Rundschau» gesagt hat.

Welche Indizien meinen Sie?

Jaeggi: Ich denke zum Beispiel an die Verwendung einer Tatwaffe, von der jedermann wusste, dass sie seitens der Behörden unverzüglich mit Walker in Verbindung gebracht würde. Erwähnt seien aber auch das mangelhafte Alibi von Walker oder die mangelhafte Fluchtplanung von Sindelic et cetera. Was aber genauso entscheidend ist: Es gibt auch ganz viele Widersprüche, die von der Faktenlage her bisher nicht aufgegangen sind. Geht man nun aber von einem vorgetäuschten Mordanschlag aus, so werden bisher praktisch unüberbrückbare Ungereimtheiten auf einmal stimmig.

Können Sie etwas konkreter werden?

Jaeggi: Die Aussagen von Sasa Sindelic schliessen Lücken im bisherigen Konstrukt des möglichen Tathergangs. Da Nataliya K. volle Akteneinsicht geniesst, will ich diese Indizien momentan bewusst nicht weiter darlegen.

Sie sagen «momentan». Kann man das so interpretieren, dass Sie verlangen werden, dass Sindelic im Berufungsprozess vor Obergericht als Zeuge oder allenfalls als Auskunftsperson befragt werden kann?

Jaeggi: Diesen Antrag habe ich bereits gestellt. Die Urner Staatsanwaltschaft hat aber bereits signalisiert, dass sie ein solches Begehren ablehnen wird. Es gehe in der Berufungsverhandlung nicht mehr um die Schüsse auf Nataliya K., sondern nur noch um den Fall Johannes P. respektive um den auf ihn abgegebenen Schuss. Es gelte einerseits, alles zu tun, um den Hauptbelastungszeugen Johannes P. zu finden. Anderseits sei in der Berufungsverhandlung die vermeintliche DNA-Spur von Walker auf der Patronenhülse nicht mehr als Indiz zu werten. Im Übrigen habe das Bundesgericht die Beschwerde vollumfänglich abgewiesen, soweit es überhaupt darauf eingetreten sei. Alles andere müsse also nicht mehr beurteilt werden. Das ist aber eine gelinde gesagt – vollkommen falsche Interpretation des Urteils der Lausanner Richter vom Dezember 2014.

Werden Sie aufgrund der neusten Aussagen von Sasa Sindelic ein weiteres Haftentlassungsgesuch für Ignaz Walker stellen?

Jaeggi: Wenn ich der Meinung bin, dass ein Haftentlassungsgesuch erfolgreich sein könnte, dann werde ich ein solches einreichen. Meines Erachtens ist es aufgrund der Aussagen von Sasa Sindelic nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, dass ein Mann seit Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt. Anders gesagt: Es zeichnen sich zunehmend gute Gründe ab, dass man Walkers Haft nochmals überprüfen muss.

Verstehen Sie, dass im Kanton Uri vielerorts an der neuen Tatversion und an der Glaubwürdigkeit des rechtmässig verurteilten «Auftragskillers» Sasa Sindelic gezweifelt wird?

Jaeggi: Entscheidend ist meines Erachtens nicht die angebliche Glaubwürdigkeit einer Person. Es ist nicht wegzudiskutieren: Ein sehr gut beleumundeter Bürger kann lügen, eine schwer vorbestrafte Person kann die Wahrheit sagen. Entscheidend ist viel mehr der Inhalt einer Aussage respektive die Glaubhaftigkeit einer Aussage. Da ich die Aussagen von Sindelic noch nicht im Detail kenne, kann ich das im Einzelnen nicht kommentieren. Ich bin aber der Überzeugung, dass die Aussage, der Anschlag sei vorgetäuscht gewesen, durch sehr massgebliche, unumstössliche und auch unbestrittene Fakten untermauert wird. Ich denke etwa an das Verhalten von Nataliya K. und ihres Freundes nach den Schüssen. Das macht die Aussagen von Herrn Sindelic sehr glaubhaft.

Wie interpretieren Sie die Tatsache, dass der Kanton Uri einen ausser­ordentlichen Staatsanwalt eingesetzt hat?

Jaeggi: Ich muss vorausschicken, dass ich dies den Medien entnehmen musste. Es irritiert mich sehr, dass ich als Verteidiger nicht darüber orientiert wurde, zumal dieser ausserordentliche Staatsanwalt offensichtlich Untersuchungen führt, die direkt und im Kern nichts anderes als den Fall Ignaz Walker betreffen. (Es soll sich um falsche Anschuldigung und Irreführung der Justiz handeln, wobei Nataliya K., die Ex-Frau von Ignaz Walker, und Personen aus dem Umfeld von Nataliya K. im Visier stehen sollen; Anm. d. Red). Eine juristische Konstellation, in der sich gleichzeitig zwei Staatsanwälte mit der gleichen Sache befassen, habe ich noch nie erlebt. Welche juristischen Konsequenzen dies haben wird, kann ich noch nicht sagen.

Und was sagen Sie zur Tatsache, dass die Urner Anwältin von Sasa Sindelic die Ausstrahlung des «Rundschau»-Beitrags vom Mittwoch im Auftrag ihres Klienten verhindern wollte?

Jaeggi: Das kann und will ich nicht kommentieren. Ich weiss auch nicht, ob die besagte Anwältin ein zivil- oder strafrechtliches Mandat wahrnimmt, und ich weiss auch nicht, unter welchen Umständen sie für Sindelic tätig geworden ist.

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