FALL WALKER: Linus Jaeggi stellt Polizisten unter Verdacht

Die zweite Berufungsverhandlung vor dem Obergericht ist zu Ende. Walkers Verteidiger vermutet eine «direkte Linie» eines Drogendealers zur Polizei.

Bruno Arnold
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Oberstaatsanwalt Thomas Imholz betonte gestern: «Die Replik der Verteidigung hat nichts Neues und Wesentliches hervorgebracht.» (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz betonte gestern: «Die Replik der Verteidigung hat nichts Neues und Wesentliches hervorgebracht.» (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Bruno Arnold

Mit dem Schlusswort des Angeklagten (siehe Box unten) ist gestern vor dem Obergericht Uri die zweite Berufungsverhandlung im Verfahren gegen Ignaz Walker zu Ende gegangen. Dem Schlusswort waren die beiden letzten Parteivorträge von Verteidiger Linus Jaeggi und Oberstaatsanwalt Thomas Imholz vorausgegangen. Im Zentrum stand erneut die vor Gericht unterbliebene Befragung des Hauptbelastungszeugen Peeters (siehe auch unsere Zeitung vom 23. Februar). Für Jaeggi ist klar, dass es sich im ganzen Fall um ein Komplott gegen seinen Klienten handelt. Peeters sei im Januar 2010 – nach dem Schuss vor Walkers Nightbar Taverne in Erstfeld – von der Polizei zu einer Falschaussage genötigt worden. Im Gegenzug hätten ihn die Urner Justizbehörden bei der Untersuchung eines Drogendeals in Uri im Mai 2010 bewusst geschont, weil er Walker nicht entlastet hatte. Um eine erneute Befragung von Peeters zu verhindern, habe man sich beim Ausfindigmachen des Holländers bewusst passiv verhalten.

Jaeggi: «Ganzen Fall beurteilen»

Am Montag hatte Oberstaatsanwalt Thomas Imholz der Verteidigung vorgeworfen, sie versuche, auf irgendwelchen Nebenschauplätzen Blendgranaten zu zünden und so Verwirrung zu stiften. Nach dem Bundesgerichtsurteil vom Dezember 2014 gehe es im laufenden Berufungsverfahren nur noch um die Ausschreibung von Peeters und um die Nichtverwendung der DNA-Spur auf der nach dem Schuss vom Januar 2010 gefundenen Patronenhülse. Das liess Jaeggi in seiner gestrigen Replik nicht gelten: Wenn das Bundesgericht die DNA-Spur als Beweismittel verbiete, dann sage es damit auch, dass die Frage, ob Walker überhaupt einen Schuss abgegeben habe, vollkommen neu beurteilt werden müsse. Weil die DNA nicht gelte und Peeters nicht vor Gericht ausgesagt habe, würden die tragenden Säulen für eine Verurteilung von Walker fehlen. Und zu den Richtern meinte Jaeggi: «Wenn Sie in Ihrem Urteil die Verwendung der gleichen Waffe sowohl beim Schuss auf Peeters als auch beim Schuss auf Walkers damalige Frau Nataliya K. im November 2010 als zentrales Beweismittel ansehen, dann ist ja wohl auch klar, dass dieses zentrale Beweismittel dahinfällt, wenn der Schuldspruch in Sachen Peeters wegfällt, weil sich unüberwindliche Zweifel an Walkers Täterschaft auftun.»

Gericht hinters Licht geführt

Zum Vorwurf der Blendgranatentaktik meinte Jaeggi: «Auch wenn sich der Nebel verzogen hat, werden die Fakten noch da sein: Die Staatsanwaltschaft hat das Gericht in einer Art und Weise hinters Licht geführt, die nun direkt kausal dazu führt, dass die Aussagen von Peeters unverwertbar werden.»

Jaeggi bemängelte weiter, dass zum Strafverfahren Peeters vom Mai 2010 keine Akten zur Auswertung von Telefondaten aufzufinden seien – im Gegensatz zu Untersuchungen bei Fällen mit «kleinen Drogendeal-Fischen». Der Verteidiger äusserte die Vermutung, dass diese «verschwunden» sein könnten, weil sich daraus «eine direkte Linie zur Urner Polizei» ergeben hätte.

Jaeggi betonte erneut, dass er «mit Herzblut» auf die Vorladung von Peeters bestanden habe – auch wenn der Wunsch nach einer Befragung eines Hauptbelastungszeugen für einen Verteidiger «eigentlich ein Anfängerfehler» sei, da dies unter Umständen zu einer Verschlechterung der Situation des Angeklagten führen könne. Er habe es auf Wunsch seines Klienten trotzdem getan, weil dieser immer überzeugt gewesen sei, dass ihn Peeters entlaste. Im Gegensatz dazu habe die Staatsanwaltschaft diese Befragung zu verhindern versucht, weil sie befürchtete, dass Walker entlastet werden könnte.

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz hielt sich in seiner Duplik kurz: «Die Replik der Verteidigung hat nichts Neues und Wesentliches für das vorliegend zu verhandelnde Verfahren gegen Ignaz Walker hervorgebracht», sagte er einleitend. «Die Staatsanwaltschaft ist der Wahrheitsfindung verpflichtet und spinnt selbstverständlich keine Intrigen gegen Ignaz Walker, um diesen zu Unrecht hinter Gitter zu bringen», betonte der Ankläger erneut. Gegen Walker seien im Kanton Uri «auch nie einfach so und grundlos irgendwelche Verfahren» geführt worden. «Ebenso wenig begünstigt die Staatsanwaltschaft Tatverdächtige in anderen Verfahren, um Walker in Haft zu bringen.»

Keine Treuwidrigkeiten

Imholz wies die «haltlosen Beschuldigungen» der Verteidigung zurück. «Das Gericht wird erkennen, dass das Strafverfahren gegen Peeters korrekt durchgeführt und zu Recht eingestellt wurde, dass das Rechtshilfeersuchen aus Frankreich ebenfalls korrekt beantwortet wurde und dass sich aus diesen beiden Verfahren keine Treuwidrigkeiten der Staatsanwaltschaft ergeben», zeigte sich Imholz überzeugt. Im Übrigen bestünden ja nicht nur Aussagen von Peeters, die Walker betreffend den Schuss auf Peeters belasten würden. «Entgegen der Ansicht der Verteidigung gibt es weitere Aussagen, es gibt Spurenberichte und – ganz wichtig – es gab die DNA-Spur auf der Hülse», erklärte Imholz. «Zwar darf das Obergericht diese DNA-Spur nicht mehr als Indiz verwerten, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese damals vorhanden und ein wichtiges Beweismittel war.»

Für Imholz ist klar: «Walker hat die Taten begangen und ist dafür zu bestrafen.» Geht es nach dem Urner Oberstaatsanwalt, so soll der 48-jährige Erstfelder wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchten Mordes in Mittäterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt werden. Die Verteidigung fordert erneut einen umfassenden Freispruch. Das Urteil ist frühestens im April/Mai zu erwarten.

Hinweis: Das Schlusswort in voller Länge »

«Ich kann drei Amtspersonen nennen, die das unter Eid bestätigen»

AH/bar. In seinem Schlussplädoyer wurde der beschuldigte Ignaz Walker deutlich: «Oberstaatsanwalt Imholz möchte Ihnen suggerieren, dass das Strafverfahren Peeters nichts mit der Strafsache Walker zu tun hat», hielt Walker fest. «Das ist grundlegend falsch.» Beim vergangenen Entscheid sei das Bundesgericht nicht im Besitz aller Akten über den Hauptbelastungszeugen Peeters gewesen. Laut Walker hat die Staatsanwaltschaft «bewusst Informationen unterschlagen».

Walker spricht von Vertuschung

Der Angeklagte betonte, dass er von Oberstaatsanwalt Imholz Fakten und Erklärungen erwartet hätte. Dies, weil das Vertrauen in die Urner Justiz laut Walker durch die Enthüllungen der Medien schwer erschüttert sei. Das könne aber nicht geschehen, wenn die Staatsanwaltschaft dem Gericht darlege, dass «Wahrheit und Tatsachen nicht entscheidend» seien, so Walker. «Obwohl man sich kollektiv um Vertuschung bemüht, tauchen seit Oktober 2015 immer wieder neue Dokumente auf, die meine Aussagen – die ich seit fünf Jahren wiederhole – untermauern.» Walker sieht es als vermessen an, wenn behauptet wird, Peeters hätte seine belastende Aussage gegen ihn im Januar 2010 nicht zurückziehen wollen.

Deutlich zeigte der Beschuldigte Widersprüche in den Äusserungen der Staatsanwaltschaft auf: «Sie erinnern sich – die Staatsanwaltschaft Uri behauptete mehrmals, Peeters hätte nichts, gar nichts mit Drogen zu tun», so Walker. «Sie hat dem Gericht also nicht nur die durchgeführte Strafuntersuchung von 8 Kilo Amphetamin unterschlagen, sondern auch einen rechtsgültigen Strafbefehl.»

«Polizei hat von Peeters gewusst»

Für Walker ist auch die Aussage der Staatsanwaltschaft – man hätte nicht gewusst, wo Peeters sei – eine Lüge. Wenn die Behörden weiterhin auf dieser Lüge beharren würden, werde er der Presse die Namen von drei Urner Amtspersonen liefern, die unter Eid bestätigten, «dass die Urner Polizei, mit Ausnahme von wenigen Tagen, immer gewusst hat, wo Peeters zu erreichen ist». Für Walker ist auch klar, weshalb die Behörden Peeters nicht gefunden haben: «Peeters hätte mich entlastet und zugleich wahrscheinlich andere belastet. Fakt ist, ich habe nicht auf Peeters geschossen und keinen Auftrag gegeben, meine damalige Frau umzubringen.»

Walker sagte, er sei ein geduldiger Mensch. «Wenn sich das Gericht jedoch weigert, selber tätig zu werden, werde ich reagieren müssen», sagte er. «Die Staatsanwaltschaft hat sich ganz klar strafbar gemacht.» Für das weitere Vorgehen brauche er weder Hand noch Fuss – sondern seinen Kopf: «Jeder Bauer sollte die Gelegenheit haben, seinen Schweinestall selber auszumisten, bevor er dazu gezwungen wird.»

Gewaltenteilung funktioniert nicht

Der beschuldigte Walker kritisierte in seinem Schlusswort auch die Urner Justizdirektorin Heidi Z’graggen hart: «Die Behauptung, in Uri funktioniere die Gewaltenteilung, ist völlig realitätsfremd», sagte er. Allein die Anzahl der E-Mails zwischen der Staatsanwaltschaft und der Regierung würde ein anderes Bild zeigen. «Oberstaatsanwalt Imholz hat Heidi Z’graggen in einem E-Mail geschrieben: ‹Wir befinden uns in einer delikaten Situation›», zitierte Walker. Ihm leuchte es deshalb nicht ein, weshalb die Regierung zurzeit bei jedem Wahlkampfauftritt behaupte, dass die Gewaltentrennung im Kanton Uri wichtig sei.

Es begann 2010

bar. Der 48-jährige Ignaz Walker soll im Januar 2010 in Erstfeld auf den Holländer Johannes Peeters geschossen und den Kroaten Sasa Sindelic beauftragt haben, seine Ehefrau Nataliya K. zu töten. Bei beiden Taten wurde dieselbe Waffe verwendet. Im ersten Fall wurde Walkers DNA auf einer Patronenhülse sichergestellt. Im September 2012 verurteilte das Landgericht Uri Walker zu zehn Jahren Haft, ein Jahr später verschärfte das Obergericht Uri das Strafmass auf 15 Jahre, und im Dezember 2014 hob das Bundesgericht das Urteil auf und wies den Fall zurück. Es untersagte dem Obergericht, die DNA-Spur als Indiz zu verwenden. Zudem müsse das Obergericht weitere Anstrengungen unternehmen, um Peeters ausfindig zu machen. Sollte der Holländer nicht auffindbar sein und nicht vorgeladen werden können, dürfe das Gericht die Aussagen aber trotzdem verwenden. Sie müssten jedoch «besonders vorsichtig und zurückhaltend» gewürdigt werden. Peeters ist 2015 an einem Krebsleiden verstorben. Die zweite Berufungsverhandlung wurde gestern beendet. Das Urteil erfolgt Ende April oder im Mai.