FALL WALKER: Sindelic soll erneut aussagen

Christof Riedo glaubt, die neusten Aussagen von Sasa Sindelic müssten als Beweismittel akzeptiert werden. Er hat aber auch Verständnis für die Zweifel an der Glaubwürdigkeit.

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Sasa Sindelic beim Interview mit dem Reporter des Schweizer Fernsehens. (Bild: Screenshot «Rundschau»)

Sasa Sindelic beim Interview mit dem Reporter des Schweizer Fernsehens. (Bild: Screenshot «Rundschau»)

Interview Bruno Arnold

Der Kroate Sasa Sindelic ist im Oktober 2012 vom Landgericht Uri wegen versuchten Mords in Mittäterschaft zu 8 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Richter sahen es damals als erwiesen an, dass er im November 2010 im Auftrag des Erstfelder Barbetreibers Ignaz Walker versucht hatte, dessen damalige Ehefrau Nataliya K. zu erschiessen. Vor Landgericht hatte Sindelic Walker noch belastet, gut vier Jahre nach den Schüssen in Erstfeld hat er ihn nun in einem «Rundschau»-Interview entlastet (siehe unsere Zeitung von gestern). Der 44-jährige Christof Riedo, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Fribourg, äussert sich zu den Aussagen von Sasa Sindelic und zu deren Verwertbarkeit, aber auch zu möglichen Auswirkungen auf das laufende Verfahren im Fall Walker.

Sind die Aussagen, die Sasa Sindelic gegenüber der «Rundschau» gemacht hat, vor Gericht verwertbar?

Christof Riedo: Ja. Es handelt sich aber in diesem Fall natürlich nicht um eine amtliche Einvernahme. Insofern haben die Aussagen einen andern Status als Aussagen einer Einvernahme durch eine Amtsperson. Aber das schweizerische Strafprozessrecht kennt grundsätzlich keinen Numerus clausus der Beweismittel.

Was meinen Sie damit?

Riedo: Das heisst: Man darf an sich alles als Beweismittel einsetzen, was irgendwie Erkenntnisse zu einem bestimmten Fall bringen kann. Deshalb ist es auch möglich, die am vergangenen Mittwoch in der «Rundschau» geäusserten Aussagen von Herrn Sindelic als Beweismittel geltend zu machen. Natürlich wird sich das Gericht bei der Neubeurteilung nicht ausschliesslich auf diese Aussagen abstützen.

Und wer muss diese neuen Aussagen als Beweismittel einreichen?

Riedo: Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der Verteidiger von Ignaz Walker diese Aussagen als ergänzendes Beweismittel einbringen und beantragen wird, Herrn Sindelic im Rahmen der Verhandlung vor dem Obergericht nochmals zu befragen. Der Entscheid, ob man diesem Begehren stattgeben will, liegt dann einzig und allein beim Obergericht. Für mich ist es jedoch naheliegend, dass man Sasa Sindelic nochmals befragt. Die Urner Richter werden danach entscheiden können, welchen der unterschiedlichen Aussagen von Herrn Sindelic sie effektiv mehr Glauben schenken wollen.

Das Gericht muss also aufgrund des «Rundschau»-Beitrags nicht von sich aus aktiv werden wie bei einem Offizialdelikt?

Riedo: An sich gilt der sogenannte Untersuchungsgrundsatz. Das heisst: Das Gericht müsste von sich aus alles unternehmen, um den Sachverhalt schlüssig abzuklären. Allerdings darf man auch nicht einfach davon ausgehen, dass das Gericht mit Sicherheit Kenntnis von den «Rundschau»-Aussagen des verurteilten Schützen hat.

Obwohl dies aufgrund des Medienechos anzunehmen ist?

Riedo: Persönlich würde ich eine neuerliche Befragung von Herrn Sindelic auch unabhängig von einem Begehren der Verteidigung veranlassen.

Wann müsste der Verteidiger diese erneute Befragung beantragen?

Riedo: Am besten verlangt er dies möglichst früh respektive bereits im Vorfeld der Verhandlung vor dem Urner Obergericht. Er ermöglicht dem Gericht damit, die notwendigen Vorkehrungen zeitgerecht zu treffen, etwa die Organisation des Transports von Herrn Sindelic von der Strafanstalt Thorberg nach Altdorf.

Kann das Obergericht Uri den Fall Walker zur Neubeurteilung auch an das Landgericht zurückschicken, weil jetzt mit den Aussagen von Sindelic neue Beweismittel vorliegen?

Riedo: Eine Rückweisung ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Im Fall Walker ist dies für mich aber eher unwahrscheinlich, denn schliesslich hat das Obergericht das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts vom Oktober 2012 im Oktober 2013 gestützt respektive keine gravierenden Verfahrensfehler bemängelt.

Und welche Möglichkeiten hat die Staatsanwaltschaft?

Riedo: Vor Gericht ist sie Partei. Sie wird versuchen, ihrem Standpunkt zum Durchbruch zu verhelfen. Im konkreten Fall sprechen die neuen Aussagen von Herrn Sindelic allerdings nicht für die Argumentation der Staatsanwaltschaft.

Vor Landgericht hat Sindelic Walker belastet, jetzt entlastet er ihn. Welchen Einfluss hat dies auf die Glaubwürdigkeit des Kroaten?

Riedo: Niemand ausser den direkt Involvierten weiss, ob die neusten Aussagen von Herrn Sindelic zutreffen oder nicht. Jetzt muss man im Rahmen einer Befragung herauszufinden versuchen, was effektiv stimmt und was nicht. Aber natürlich ist es nachvollziehbar, wenn man Zweifel an der neuen Version und somit an der Glaubwürdigkeit von Herrn Sindelic hat. Es stellen sich tatsächlich viele Fragen, vor allem im Zusammenhang mit dem Motiv für die neue Version oder auch mit der Begründung des Verzichts auf die Berufung (siehe auch Neue UZ von gestern; Anm. d. Red.). Diese Aussagen muss man jetzt genau analysieren.

Darf man Walker jetzt nach wie vor in Sicherheitshaft behalten?

Riedo: Dazu sage ich ungern etwas. Nur soviel: Herr Walker sitzt nun seit gut vier Jahren in Haft, ohne dass ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Das ist effektiv aussergewöhnlich lange. Tatsache ist zudem, dass die Beweislage mittlerweile relativ dünn geworden ist. Sollte Walker tatsächlich freigesprochen werden und das wissen wir alle nicht –, dann hätte das für die Urner zu bedeuten: Je länger Walker in Haft war, desto teurer wird es.