FILM: Sie entdeckt Vater Danioth neu

Am Mittwoch feiert «Danioth der Teufelsmaler» Premiere. Madeleine Danioth, die Tochter des Künstlers, sagt, wie sie ihren Vater in Erinnerung hat und was der Film über ihn bei ihr auslöst.

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Madeleine Danioth vor einem Bild und neben der Totenmaske ihres Vaters Heinrich. (Bild: Eveline Beerkircher)

Madeleine Danioth vor einem Bild und neben der Totenmaske ihres Vaters Heinrich. (Bild: Eveline Beerkircher)

Bruno Arnold

Madeleine Danioth (75) zeigt in ihrer Wohnung in Luzern auf die Totenmaske ihres Vaters: «Für mich war er nicht der Künstler, sondern immer der Vater, ein ‹usinnig liäbä Tädi› einfach.» Und diesen Vater lernt sie jetzt, mehr als 60 Jahre nach dessen Tod, neu kennen. «Der Film von Felice Zenoni hat dazu geführt, dass ich mich seit längerer Zeit wieder sehr intensiv mit meinem Vater beschäftige», erklärt sie. «Es werden nicht nur Gefühle und Erinnerungen wach, ich lerne auch bisher unbekannte Seiten meines Vaters kennen», sagt die ältere der beiden Danioth-Töchter. «Ich erfahre viel über den künstlerischen Werdegang und über die frühen Werke meines Vaters.»

«Ich gönne ihm den Film»

Durch die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Leben ihres Vaters werde ihr erst wieder so richtig bewusst, welch grossartiger und vielfältiger Künstler er eigentlich gewesen sei. Ist der Film somit auch eine Art späte Genugtuung für die fehlende Anerkennung zu Lebzeiten? «Nein», betont sie. «Es gab schon vor ‹Tädis› allzu frühem Tod Leute, die den Wert seines künstlerischen Schaffens erkannt haben», so die gelernte Buchhändlerin. «Aber ich gönne es ihm, dass er nach dem eigenen Museum im Haus der Kunst in Altdorf nun auch noch eine persönliche Würdigung in Form eines Films erfährt.»

Mit Zenonis Werk (siehe Kasten) verbindet Madeleine Danioth eine grosse Hoffnung: «Es wäre schön, wenn der Film eine derart positive Wirkung und Ausstrahlung entfalten würde, dass es auch ausserhalb des Kantons Uri wieder einmal eine Ausstellung mit den Werken meines Vaters gäbe, beispielsweise in Aarau oder in Zürich.» Doch die langjährige Mitarbeiterin eines Auktionshauses in Luzern weiss: «Das ist heute sehr schwierig. Alles schreit nach Contemporary Art. Vaters Generation ist da halt eher nicht mehr gefragt.»

Kritik nicht wahrgenommen

Als Heinrich Danioth 1950 den Teufel in der Schöllenen an den schroffen Fels malte, war das für viele ein Skandal: Gottlos sei das Bild und auch nicht schön. Madeleine Danioth erinnert sich: «Seit wann muss ein Teufel schön sein?», habe ihr Vater damals gefragt. Und: «Wenn dieser Teufel den Urschnern nicht passt, dann sollen sie ihn doch einfach ‹appächratzä›.»

Der Künstler Danioth erregte nicht nur als «Teufelsmaler» die Gemüter seiner Zeitgenossen. «Mein Vater war halt ein Freigeist, der sich bei seiner künstlerischen Arbeit nichts sagen liess», weiss Madeleine Danioth aus Schilderungen. «Zeitgenössische Kunst erhält ja sowieso oft ein ‹Was soll das?›» Von der Kritik, die der Vater für sein Schaffen erntete, bekam sie als Tochter jedoch kaum etwas mit. Seine Kunst war längst anerkannt, als sie erst richtig realisierte, dass sie die Tochter eines Künstlers war. Auch die Zeiten, als Heinrich Danioth finanziell untendurch musste, kennt die Tochter eher vom Hörensagen als aus eigener Kindheitserfahrung. Soweit sie sich erinnert, konnte ihr Vater von der Kunst leben, vor allem dank öffentlicher Aufträge wie am Bundesbriefmuseum, im Wartsaal des Bahnhofs Flüelen oder eben in der Schöllenen. «Mein Vater verdiente mit seiner Kunst zwar nicht übermässig viel, aber es reichte, um die Familie zu ernähren», sagt Madeleine Danioth.

Einen kleinen Nebenverdienst gab es auch von der Satirezeitschrift «Nebelspalter». Heinrich Danioth verspottete etwa mit bissigen Kommentaren und Karikaturen die Vorgänge in Nazi-Deutschland selbst dann noch, als man in der Schweiz bereits riesige Angst vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen hatte. Als Kind realisierte Madeleine Danioth nicht, welcher Gefahr sich ihr Vater damals aussetzte. Dazu meinte sie vor einiger Zeit einmal augenzwinkernd: «Mein Vater hätte sich vermutlich irgendwo in den Bergen verstecken müssen, wenn sie tatsächlich gekommen wären.»

Grosszügige Mäzene

Etwas betont Madeleine Danioth immer wieder: «Wenn es finanziell eng wurde, konnte mein Vater stets auf grosszügige Mäzene zählen.» Zu diesen gehörten etwa die Unternehmerfamilie Dätwyler oder der Flüeler Pfarrer Leo Gemperli. Sie und viele weitere Personen unterstützten Danioth, indem sie seine Bilder kauften oder ihm Aufträge gaben, etwa für Geburts- und Hochzeitsanzeigen, für Jubiläen von Institutionen oder für Porträts. Diese Auftragswerke bedingten aber auch, dass Danioth Kompromisse eingehen musste zwischen Geldverdienen und künstlerischer Freiheit. «Das dürfte ihm nicht immer leicht gefallen sein», glaubt die Tochter.

Was bedeutete es eigentlich in den 1940er- und 1950er-Jahren, die Tochter eines Künstlers zu sein? «Ich wüsste viel lieber, wie mein damaliges Umfeld mich als Künstlertochter wahrgenommen hat», sagt Madeleine Danioth mit einem Schmunzeln. «Nein im Ernst: Die Flüeler waren sehr offen. Für sie gehörte der Künstler Danioth zum Dorf wie der Lehrer, der Pfarrer oder der Polizist. Ich hatte meine Kolleginnen, als Danioth-Tochter war ich nichts Spezielles.»

Madeleine Danioth hat die Rohfassung des Films gesehen. Jetzt wartet sie gespannt auf das Endprodukt: «Ich hoffe, dass wir unserem Vater gerecht werden, er kann sich ja nicht wehren. Aber er war ja ein ‹usinnig liäbä Tädi› und hat schon früher nie mit uns ‹gschumpfä›», sagt sie und lacht herzhaft.