Filmprojekt
«Psychische Gesundheit und unter anderem Einsamkeit gehören noch immer zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft» – eine Regisseurin im Interview

Eine Schweizer Filmemacherin hat mit sieben Menschen über Einsamkeit gesprochen. Im Gespräch erzählt sie, wie sehr sie das Projekt berührt hat und was sie von der Gesellschaft erwartet.

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Einsamkeit hat viele Gesichter.

Einsamkeit hat viele Gesichter.

Bild: Mohammed Malla, 2021 Voltafilm, Luzius Wespe

In der Schweiz leiden viele Menschen unter Einsamkeitsgefühlen, Depressionen und Ängsten. Diese Themen sind laut einer Medienmitteilung der Gesundheitsförderung Uri aber noch tabu. Die Arbeitsgruppe Sozialpsychiatrie Uri (AG SPUR), die aus Fachpersonen verschiedener Institutionen aus den Bereichen Beratung, Begleitung, Betreuung, Prävention und Gesundheitsförderung in den Themen psychische Krankheiten/Gesundheit und Migration besteht, will diesem Thema im Rahmen des jährlichen Tags der psychischen Gesundheit mehr Sichtbarkeit verleihen.

Die Schweizer Filmregisseurin Romana Lanfranconi hat 2021 sieben Personen während eines Abschnitts ihres Lebens begleitet. Die Verschiedenheiten von Einsamkeit bei diesen Menschen hat sie in einem Dokumentarfilm aufgearbeitet. «Einsamkeit hat viele Gesichter» zeigt würdevoll und berührend, was es heissen kann, sich einsam zu fühlen. Der Dokumentarfilm ist frei zugänglich auf www.einsamkeit-gesichter.ch.

5 Tipps der Gesundheitsförderung, die helfen, sich aus den Einsamkeitsgefühlen zu befreien:

1. Steh zu dir: Selbsthilfe beginnt bei sich selbst. Beginnen Sie mit Selbstwertschätzung und -pflege. Kochen Sie sich Ihr Lieblingsessen für sich. Geniessen Sie, das tun zu können, was Ihnen Spass macht, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Alleinsein kann durchaus Vorteile haben.

2. Halte Kontakt: Gehen Sie es langsam an. Für den Anfang können Sie mit kleinen Gesprächen im Supermarkt oder beim Spazieren beginnen. Dabei können Sie über das Wetter, aktuelle Themen oder eine Frage, die Sie gerade beschäftigt, sprechen. Fällt Ihnen das Sprechen schwer, kann auch ein kurzer Blick oder ein freundliches Lächeln den ersten Kontakt bilden.

3. Entdecke Neues: Ein gemeinsamer Freizeit-Kursbesuch verbindet Menschen. Dies bietet die Möglichkeit, sich über die gleichen Interessen auszutauschen und zusammen Zeit zu verbringen. Vielleicht trifft man sich auch mal ausserhalb des Kurses.

4. Beteilige dich: Warum nicht ein wohltätiges Engagement? Es werden überall Leute gesucht, die bei einer Sache mithelfen. Vielleicht bekommt Ihr Leben durch diesen kostenfreien Freiwilligeneinsatz einen neuen Sinn.

5. Spass und Entspannung mit vier Pfoten Tiere sind Freunde fürs Leben. Dieser neue «Lebensgefährte» hat die Kraft, Ihr Leben zu verändern. Tiere freuen sich, wenn Sie nach Hause kommen, geben Ihnen Zuneigung und eine neue Aufgabe. Falls es Ihre Wohnsituation nicht erlaubt, Tiere zu halten, oder Sie unsicher sind, ob Sie ein Tierleben lang diese Verantwortung wünschen: Tierheime sind immer dankbar, wenn Hunde von Freiwilligen Gassi geführt werden.

«Wer möchte sich schon als einsam outen?» Mit dem Film «Einsamkeit hat viele Gesichter» möchte der Verein für Familien- und Frauengesundheit FFG-Videoproduktion für Themen der psychischen Gesundheit sensibilisieren. Der Dokumentarfilm gibt Einblick in die Leben von sieben Protagonistinnen und Protagonisten und zeigt, wie sie auf ihre Art und Weise einsam sind.

Wieso ein Film über «Einsamkeit»?

Romana Lanfranconi: Bislang gab es noch wenig filmisches Material zur psychischen Gesundheit, welche den Aspekt Einsamkeit beleuchtet. Das Medium Film gibt die Möglichkeit, Menschen sehr direkt mit einem solchen Thema zu berühren. Psychische Gesundheit und unter anderem Einsamkeit gehören noch immer zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft.

Welches war die grösste Herausforderung bei dieser Produktion?

Die grösste Herausforderung war es, Personen zu finden, welche sich bereit erklären, über ihre Einsamkeit zu sprechen. Wer möchte sich schon als einsam outen? Ich habe eine Fachgruppe zusammengestellt mit Personen, die mit älteren Menschen zu tun haben oder im Bereich Einsamkeit forschen. Über diese Fachgruppe bin ich zu Kontakten gekommen.

Was hat Sie während der Produktion am meisten überrascht?

Obwohl sich die Suche von Protagonistinnen und Protagonisten schwierig dargestellt hatte, waren die Gespräche sehr offen. Sie erzählten überraschend ehrlich und tiefgründig über ihre Einsamkeit. Dabei flossen teilweise auch Tränen.

Was hat die Zusammenarbeit mit den Protagonistinnen und Protagonisten persönlich bei Ihnen ausgelöst?

Es ist eine wunderschöne Arbeit, so nahe am Menschen zu sein und so viel Vertrauen von ihnen zu bekommen. Es wurde mir aber auch bewusst, dass Einsamkeit jeden treffen kann und dies auch in jungen Jahren. Mir ist bewusst geworden, dass es nicht selbstverständlich ist, in einem sozialen Netz eingebunden zu sein. Eine Lebenssituation kann sich sehr schnell ändern und darum muss man sich ständig engagieren. Dazu gehört, neue Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Einsamkeit ist sehr individuell und mit dieser Produktion wird dies würdevoll dargestellt. Welche Botschaft möchten Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern damit vermitteln?

Der Film soll die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu animieren, offener über das Thema Einsamkeit zu sprechen. Ebenfalls sollen gesellschaftliche Hemmschwellen abgebaut werden. Es kann sein, dass der Film eine gewisse Traurigkeit auslöst. Jedoch hoffe ich, dass er auch hoffnungsvoll wahrgenommen wird und dass konkrete Ideen und Szenen im Film, zum Beispiel zu gedanklichen Wanderungen in der Wohnung, inspirieren.

Das Interview wurde der «Urner Zeitung» von der Gesundheitsförderung Uri zur Verfügung gestellt.

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