Urner Polizisten: «Filz und Vetternwirtschaft sind schuld»

Zwei Mitarbeitende der Kantonspolizei Uri äussern sich zur aktuellen Stimmung im Korps – und machen sich Sorgen um das Image.

Bruno Arnold
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Am 21. November haben Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti und Polizeikommandant Reto Pfister zwei Angehörige des mittleren Kaders der Urner Polizei suspendiert. Diese Massnahme hat in der Bevölkerung und nicht zuletzt polizeiintern hohe Wellen geschlagen. Q und Z arbeiten seit Jahren bei der Urner Polizei. Beide sind frustriert, wollen aber nicht länger die Faust im Sack machen und Stellung nehmen. Allerdings möchten sie anonym bleiben, da sie um ihren Job fürchten.

«Viele von uns erachten die Stimmung als schlecht», stellen Q und Z in Gesprächen mit Korpsmitgliedern fest – unabhängig voneinander. «Das gegenseitige Vertrauen fehlt vielerorts, es herrscht gar ein Klima der Angst. Vermisst wird vor allem eine offene und ehrliche Kommunikation.» Dass die zwei suspendierten Kaderleute das Heu nicht mehr auf der gleichen Bühne gehabt hätten, sei unschwer festzustellen gewesen. Q ist aber überzeugt: «Mit der Freistellung wird die angespannte Situation sicher nicht beruhigt. Das ist höchstens Symptombekämpfung. Man will ein Exempel statuieren, um so nach aussen Stärke zu zeigen und Führungsschwächen zu kaschieren.»

Einige personelle Baustellen geschaffen

Die Suspendierung der beiden sei kein konstruktiver Lösungsansatz, auch wenn dies anscheinend eine Massnahme sein soll, die ein ausserkantonaler Experte vorgeschlagen habe (siehe Box). Es werde ein Bauernopfer dargebracht respektive einfach eine jener Personen mundtot gemacht, die es gewagt hat, den Finger auf die wunden Punkte zu legen. Auch mit dem im Sommer erfolgten Abgang des Chefs der Bereitschafts- und Verkehrspolizei sei die Situation nicht entschärft worden. «Es gibt weiterhin einige von ihm mitverursachte personelle Baustellen.»

Für Q hätte es erst gar nicht zu diesem Eklat bei der BVP Uri kommen müssen. «Die Alarmglocken haben schon lange geläutet, in den letzten paar Monaten immer lauter.» Davon zeugt auch der Inhalt eines Schreibens, das unserer Zeitung vor einiger Zeit zugestellt worden ist und von dem auch die Verantwortlichen der Urner Polizei Kenntnis haben: «Die Führung kennt die Probleme, aber niemand macht etwas. Unser Chef BVP und der Kommandant nehmen unsere Anliegen nicht ernst. Wir sind echt besorgt über die Zustände bei der Polizei und wissen nicht, wo das enden wird. Wir als Mannschaft leiden extrem unter diesem Druck, was dazu führt, dass wir unseren Job, den wir eigentlich gerne machen, nur noch machen, weil wir müssen. Ohne Leidenschaft und Freude, mit viel Misstrauen und ganz viel Frust, da unsere Führung total überfordert ist. Bitte helfen Sie uns!»


Experte schlägt Massnahmen vor

Der Suspendierungsentscheid basiert auf einem Gutachten eines ausserkantonalen Experten. Dieser war im Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt in der Bereitschafts- und Verkehrspolizei (BVP) Uri beigezogen worden. Gemäss Aussagen von Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti wurde der Experte «beauftragt, die Ursachen des aktuellen Konflikts zu identifizieren und festzustellen, inwieweit sich der Konflikt auf Mitarbeitende auswirkt. Ausserdem hatte der Experte Massnahmen vorzuschlagen, welche zur Beruhigung der Situation beitragen.» Ob es für die beiden Kaderleute dereinst zu einer Kündigung kommen wird, ist zurzeit noch offen. Aktuell läuft ein personalrechtliches Verfahren. Die beiden Männer haben Anspruch auf rechtliches Gehör. (bar)

Gefälligkeiten und Abhängigkeiten

Q und Z können nicht verstehen, dass man die «Baustellen im Personalbereich» – trotz dieses offensichtlichen Hilferufs der Mannschaft – nicht angepackt hat. Beide vermuten den gleichen Grund für die Passivität: «Filz und Vetternwirtschaft sind schuld an den Problemen. Man erweist sich Gefälligkeiten und schafft dadurch Abhängigkeiten, die sich negativ auswirken, wenn es um personelle Entscheide geht. Wer kuscht und den Verantwortlichen passt, der wird befördert. Fähige, aber unbequeme Leute werden vertröstet.» Oder wie es Q ausdrückt: «Nicht fachliche Kompetenzen, sondern die Nähe zum Beförderer respektive persönliche oder verwandtschaftliche Beziehungen sind entscheidend.»

Q nennt konkrete Beispiele. «Einem der beiden mittlerweile Suspendierten ist vom ehemaligen Kommandanten nahegelegt worden, das Korps zu verlassen. Kurze Zeit später haben ihn sein Nachfolger und der Chef der BVP ‹versetzt› respektive befördert, um peinliche Enthüllungen zu vermeiden.» Dies habe bei einem grossen Teil der Mannschaft Unverständnis ausgelöst und Fragen aufgeworfen. Antworten habe es aber kaum gegeben, dafür die lapidare Aussage: «Wenn dir das nicht passt, kannst du ja eine andere Arbeit suchen.»

Ein langjähriger Mitarbeiter äusserte in einem Chat seinen Unmut über die Arbeit und die Qualitäten von zwei Vorgesetzten. Diese erfuhren von der Kritik des Untergebenen. Der Polizist musste einen Rechtsanwalt mit der Wahrung seiner Interessen betrauen. Der Grund: Ein Direktvorgesetzter hatte ihn – in Abwesenheit des BVP-Chefs und in Anwesenheit der Kritisierten – ohne entsprechende funktionsmässige Befugnis zum Unterzeichnen eines Gesprächsprotokolls mit diversen Handlungsrichtlinien anhalten wollen. Mit seiner Unterschrift hätte der «Täter» Sanktionen und Massnahmen akzeptiert, die von der Degradierung über eine Versetzung bis hin zur Entlassung hätten reichen können.

Mobbing als weiteres Problem

Z sieht ein weiteres Problem: «Mobbing». Als Beispiel nennt er den Abgang eines langjährigen Offiziers, dem die frühzeitige Pensionierung «angeboten» worden sei, um den Platz für einen Mitarbeiter freizumachen, der am früheren Arbeitsort des neuen Kommandanten tätig gewesen war. Eine Lösung im Fall der wegen «unüberbrückbarer Differenzen» inzwischen Suspendierten sei bereits im Mai vorgelegen. Die Diskussion darüber sei aber vertagt worden.

Q und Z äussern die gleiche Vermutung: «Die Verantwortlichen schieben Entscheide lieber vor sich her und warten auf den Stellenantritt des neuen Chefs der BVP im Februar 2020. Er soll den Laden ausmisten und die Pendenzen aufarbeiten, weil sich keiner der heutigen Verantwortlichen die Finger verbrennen will.»

Q meint: «Die Fälle, die in jüngster Zeit publik wurden, schaden unserem Image und unserer Glaubwürdigkeit.» Im Leitbild der Kantonspolizei stehe: «Wir zeichnen uns durch Integrität, Einsatzwille und Zuversicht aus. Wir pflegen eine aktive, ehrliche und zeitgerechte Kommunikation nach Innen und nach Aussen.» Wenn diesen Grundsätzen aber nicht nachgelebt werde, dann könne man das Leitbild gleich schreddern.