Flüchtlinge lernen beim Nähen die Schweizer Kultur kennen

In einem Projekt in Schattdorf stellen Flüchtlinge Taschen und Etuis her – und verbessern in der internen Schule ihre Deutschkenntnisse.

Florian Arnold
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Die JLT Company stellt in Uri mit Flüchtlingen Taschen und Etuis her. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Die JLT Company stellt in Uri mit Flüchtlingen Taschen und Etuis her. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Das Mercedes-Emblem prangt gross am Gebäude neben der Umfahrungsstrasse in Schattdorf. Doch im obersten Stock hört man keine Motoren. Es ist das Säuseln von Nähmaschinen. In einer fein säuberlich aufgereihten Kolonne sitzen daran Arbeiterinnen und Arbeiter. Von grossen Stangen rollen sie Stoff, Blachen oder Leder ab, und schneiden sie in die gewünschten Stücke, um diese an den Maschinen zusammenzunähen. Im Büro nebenan ist an der weissen Wand zu sehen, was am Schluss dabei herauskommt: Handtaschen, Etuis und Bags in allen möglichen Formen und Farben. «Kokoté» steht darauf, Suaheli für «wohin».

«Das fragen wir uns jeden Tag», sagt Franz Huber, «wohin sollen wir uns entwickeln?» Und dabei geht es nicht nur um die Produkte. Vielmehr steckt hinter der Werkstatt ein Integrationsprojekt. Denn die Arbeiterinnen und Arbeiter sind Flüchtlinge, die der Kanton Uri aufgenommen hat. Getragen wird das Projekt von der «Association Equilibre», die Franz Huber mit seiner Frau Yvonne Herzog ins Leben gerufen hat. Dem Beirat der Vereinigung gehört niemand geringeres als alt Bundesrätin Ruth Dreifuss an. Aber auch für das Projekt selber konnte ein renommierter Designer gewonnen werden. Die Taschen werden unter dem Namen JLT Company gefertigt.

Die JLT Company stellt in Uri mit Flüchtlingen Taschen und Etuis her. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Die JLT Company stellt in Uri mit Flüchtlingen Taschen und Etuis her. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Arbeiter sollen auch Kultur kennen lernen

Das Programm besteht aber nicht nur aus Arbeit. Wichtig ist der Organisation auch, dass die Mitarbeiter Deutsch lernen. Deshalb sind zwei Halbtage fest für Bildung eingeplant. Dazu gehören aber auch Lektionen in Mathematik. «Die Mitarbeiter sollen alles lernen, um hier leben zu können», erklärt Huber. «Dazu zählt auch, die Kultur kennen zu lernen.» Den Teilnehmern ist oft nicht klar, dass hier die Busse um eine gewisse Zeit fahren und nicht erst dann, wenn sie voll sind.

Für die Schulung der Menschen konnte Huber pensionierte Lehrer gewinnen. Diese kümmern sich aber nicht nur um die Lektionen, sondern sehen sich auch als Mentoren. «Sie hören sich die Probleme der Flüchtlinge an und suchen mit ihnen Lösungen», so Huber. Es komme auch vor, dass man zusammen ins Kino gehe. «Die Menschen müssen mit den Einheimischen in Kontakt kommen.» Zwei Frauen konnten etwa dazu bewogen werden, in den Turnverein einzutreten. Und auch mit der Musikschule Uri wurde ein Projekt aufgegleist, bei dem Flüchtlinge mit Einheimischen in Kontakt kommen.

Syrerin sieht Arbeit als ein Sprungbrett

An einer der Nähmaschinen sitzt die 51-jährige Najiba. Mit zwei Töchtern und einem Sohn sowie ihren eigenen Eltern flüchtete sie in die Schweiz. Nach einem Jahr Praktikum hat sie nun eine feste 80-Prozent-Stelle angetreten. «Hier zu arbeiten ist für mich wie ein Hobby», sagt sie. Die Syrerin sieht darin aber mehr ein Sprungbrett: Später möchte sie eine Bürolehre beginnen. Denn mit Zahlen kennt sie sich aus, arbeitete sie in ihrer Heimat doch als Buchhalterin. Mehr Schwierigkeiten bereitet ihr das Deutsch. «Ich lerne gerne, aber es ist schwierig», meint die Frau.

Stolz ist sie, dass ihre Kinder alle eine Ausbildung begonnen haben: Die ältere Tochter arbeitet in einem Restaurant, während die jüngere eine Verkaufslehre antrat. Der Sohn absolviert zurzeit ein Praktikum als Velo-Mechaniker.

Das sind die Produkte der JLT Company. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Das sind die Produkte der JLT Company. (Bild: Florian Arnold, Schattdorf, 22. November 2019)

Menschen sollen in den freien Markt gelangen

Dass die Näherin auf dem Sprung zu einer anderen Ausbildungsstelle ist, stört den Chef keineswegs. Denn das Projekt sei darauf ausgelegt, die Menschen in den freien Arbeitsmarkt zu überführen, sagt Huber. «Das braucht aber Geduld. Man muss die Menschen begleiten, sonst klappt es nicht.» Die Flüchtlinge müssten sich erst an die Umstände gewöhnen. «Sie müssen zum Beispiel begreifen, dass man in der Schweiz Wert auf Pünktlichkeit legt und dass es einen den Job kosten kann, wenn man zu oft spät zur Arbeit erscheint.»

Aus Erfahrung weiss er, dass die Flüchtlinge gerade in den ersten Jahren übermässig viel krank seien. «Es ist logisch, dass das auf dem freien Markt nicht geduldet wird.» Aber auch im Umgang miteinander müsse man viel lernen. «Wenn man jemandem sagt, eine Naht sei krumm, fassen das die einen so auf, als ob sie selber krumm seien.» Die Erfolgsquote bei der Überführung in eine andere Arbeit oder Ausbildung liege bei 60 Prozent. Rund 20 Flüchtlinge haben bis jetzt das Programm durchlaufen.

«Es ist kein Verdienst, hier geboren zu sein»

«Ich bin ein hoffnungsloser Optimist», sagt Huber, der einen grossen Teil der Finanzierung zusammen mit seiner Frau selber stemmt. «Für mich ist es kein Verdienst, in der Schweiz geboren zu sein. Mit diesem Projekt gebe ich anderen die Möglichkeit, an meinem Glück teilzuhaben.»

Ihm sei es wichtig, aufzuzeigen, dass jeder etwas gegen das Leid auf der Welt tun kann. «Sich einfach zu entsetzen, was im Mittelmeer passiert, nützt nichts.» Diesen Gedanken gebe er allen mit, die ein Produkt der JLT Company kaufen.

Hinweis: Am 23. sowie am 30. November kann die Werkstatt im Ried 2B in Schattdorf auf dem Dach der Mercedes-Garage jeweils von 10 bis 16 Uhr besichtigt werden.