FLÜELEN: Der «Ochsen» in Flüelen ist das älteste Holzhaus im Kanton Uri

Das ehemalige Gasthaus Ochsen in Flüelen wurde 1327 erbaut. Damit ist der bedeutende und stattliche Bau viel älter als bisher angenommen.

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Das Haus Ochsen in Flüelen von innen. (Bild: zvg / Georg Sidler, Schwyz)

Das Haus Ochsen in Flüelen von innen. (Bild: zvg / Georg Sidler, Schwyz)

Die Balkenlagen liegen frei. Das Haus ist im Innern ausgehöhlt, und es steht nur noch das Gerippe. Das ehemalige Gasthaus Ochsen wird zurzeit vollständig renoviert. Im Zentrum von Flüelen sollen neue Wohnungen entstehen.

Jetzt bringen die Arbeiten aber auch neue Erkenntnisse für die Urner Geschichtsschreibung: Bisher galt das Wohnhaus Buchholz in der Gemeinde Seelisberg als das älteste Holzhaus im Kanton Uri. Als Baujahr wurden 1340/43 datiert. Laufende, im Auftrag der Justizdirektion des Kantons Uri durchgeführte Bauuntersuchungen im ehemaligen Gasthaus Ochsen in Flüelen zeigen, dass der Ursprungsbau aus dem Jahre 1327 stammt. Bis anhin wurde aufgrund der Akten angenommen, dass er im 16. Jahrhundert erbaut worden ist.

Führung durch die Neuentdeckung: Denkmalpfleger Artur Bucher zeigt auf ein Indiz. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
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Diese Mauern beinhalten ein Holzhaus: Das ehemalige Gasthaus Ochsen in Flüelen. (Bild: Georg Sidler, Schwyz)
Bauforscherin Ulrike Gollnick vor einer historischen Balkenwand. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
Zwischen Decke und Abgrund: Ulrike Gollnick erläutert, was es mit der Decke auf sich hat. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
Die Stirnseite der Balkenlage wird in der Türaussparung sichtbar. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
Unter der Verkleidung sind geschwärzte Balken zum Vorschein gekommen. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
Im Keller stützen Backsteinsäulen und Eisenträger die Balkenlage. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)
Von der Zeit gezeichnet: der nördliche Blockbau aus dem Jahr 1327. (Bild: Georg Sidler, Schwyz)
Das Haus ist bis auf die tragenden Elemente ausgehöhlt. (Bild: Georg Sidler, Schwyz)
Der westliche Teil des grossen Saals mit Balken-Bohlen-Decke. (Bild: Georg Sidler, Schwyz)
Imposante Zeugen früherer Zimmermannskunst: In der Mitte der ursprüngliche Blockbau aus den Jahren um 1330, darüber Riegel- und Dachwerk aus dem Jahr 1608. (Bild: Georg Sidler, Schwyz)

Führung durch die Neuentdeckung: Denkmalpfleger Artur Bucher zeigt auf ein Indiz. (Bild: Urs Hanhart / Neue ZZ)

Dorf war bedeutend für Warenverkehr

Flüelen erhielt um 1200 mit der Erschliessung des Gotthards für den Warenverkehr eine wichtige Bedeutung. Das Dorf am Südende des Vierwaldstättersees wurde zu einer Hauptstation auf der Gotthardroute. Die gleichzeitige Einrichtung einer Reichszollstätte deutet darauf hin, dass bereits damals eine beträchtliche Menge an Gütern in Flüelen umgeschlagen wurden. Aufgrund der Quellenlage ist anzunehmen, dass im 14. Jahrhundert eine stattliche Anzahl von Gaststätten vorhanden war, welche von den Händlern und Transporteuren als Übernachtungsorte genutzt wurden. Der ehemalige Gasthof Ochsen dürfte eines dieser bedeutenden Gasthäuser gewesen sein.
 
Im Rahmen der laufenden Renovation konnten nach dem Entfernen der modernen Wandverkleidungen sowie nach dem Freilegen der Kernbauten bauarchäologische Untersuchungen gemacht werden. Die Holzalterbestimmung aufgrund der Jahrringe zeigte, dass das Gebäude zwei Blockbauten beinhaltet, die im Jahr 1327  beziehungsweise 1330 errichtet worden sind.
 
Denkmalpfleger Artur Bucher und Bauforscherin Ulrike Gollnick wiesen am Dienstag vor den Medien auf die Besonderheiten des Hauses hin. Gleichzeitig sind zahlreiche Zeugnisse der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit wie auch des mittelalterlichen Aberglaubens zutage getreten: Geisterbanndübel, ein in einen Schwundriss gelegter Angelhaken und verpflöckte Mensch- und Tierhaare sollten böse Geister oder unliebsame arme Seelen vom Hause fernhalten.
 
Die Untersuchungen zum Gebäude sind noch nicht abgeschlossen; derzeit werden diese in einen gesamt-wissenschaftlichen Zusammenhang gestellt.
 

Markus Zwyssig
 

Das Haus Ochsen von aussen. (Bild: zvg / Georg Sidler, Schwyz)

Das Haus Ochsen von aussen. (Bild: zvg / Georg Sidler, Schwyz)