FLÜELEN: Franz Muheim spielt mit Kopf und Herz Orgelmusik

Er studierte Musik und Mathematik gleichzeitig. Nun blickt Franz Muheim auf eine Karriere zurück, die sowohl Hochs als auch Tiefs kannte.

Florian Arnold
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Franz Muheim: «Man sollte immer wissen, wo man steht.» (Bild: Florian Arnold)

Franz Muheim: «Man sollte immer wissen, wo man steht.» (Bild: Florian Arnold)

Die Orgel stand immer im Vordergrund. Das mächtige Instrument, das Technik und Kunst, Kopf und Herz vereint, entsprach genau dem, was Franz Muheim wollte. Dass der Musiker und Mathematiker den Anforderungen der Orgel gewachsen ist, hat er längst bewiesen: Am 30. November 1974 erlangte er mit dem Konzertdiplom auf der Orgel die höchste Auszeichnung. Am kommenden Wochenende nun jährt sich das Ereignis zum vierzigsten Mal. Am Sonntag gibt Muheim in der Pfarrkirche Flüelen aus diesem Anlass ein Matinee-Konzert.

Primarschüler setzt sich an Orgel

Es begann schon in der Kindheit. «Von Haus aus waren wir sehr intensiv mit der Kirche verbunden», erzählt der heute 65-Jährige. «Das hat stark nach der Orgel gerufen.» Schon in der Primarschule setzte sich Muheim an die Orgel. Während er mit den Händen spielte, übernahm sein Primarlehrer das Pedal mit den Füssen.

Das Elternhaus prägte. Muheim wuchs mit sechs Brüdern und zwei Schwestern auf. Die fünf älteren Brüder gaben den Takt vor. Gute Noten waren gefragt. Fehler wurden gezählt. «Ohne das Streben, perfekt zu sein, hätte ich zu Hause nicht bestehen können», blickt Muheim zurück. Der Perfektionismus trieb ihn an, sollte ihm aber später auch zur Hürde werden.

Eltern drängen auf anderen Beruf

Muheim wechselte ins Internat nach Einsiedeln. Mit dem Orgelunterricht musste er sich noch gedulden, da er als «Kleiner Sänger» nicht noch ein weiteres Musikfach belegen durfte. So sammelte er Konzerterfahrung: In grossen Orchestermessen sang er Sopran-Soli. Mit dem Stimmbruch war dann aber endlich der Orgelunterricht möglich. Der Flüeler zeigte, dass er Talent besass. Noch vor Abschluss der Matura leitete er den Kirchenchor Bürglen. In Muheim wuchs der Wunsch, Musik zu studieren. Doch das kam für seine Eltern nicht in Frage. «Es hat immer geheissen, Musiker sei ein brotloser Beruf», erinnert sich der Organist. Muheim begann ein Mathematikstudium. Doch er liess sich nicht davon abhalten, parallel dazu Orgel, Klavier und Kammermusik zu studieren. Ihm gelang das Kunststück. Musik schloss der Urner vor Mathematik ab und unterrichtete fortan am Lehrerseminar in Altdorf. «Das hat gut getan», so Muheim.

Trotzdem musste er den Eltern mehr eingestehen, als er wollte. «Es zeigte sich, dass Musiklehrer in Uri kein einfacher Beruf war», so der Organist. Muheim wechselte in die Rüstungsindustrie als Mathematiker. «Auch wenn ich mich nicht ganz mit den Absichten der Rüstungsindustrie identifizieren konnte, war es ein guter Weg für mich, Geld zu verdienen und daneben Musik zu machen.» Muheim musste feststellen, dass es gar unbeschwerter ging. Die Kirchenmusik liess Muheim während all der Jahre nicht mehr los. «Ich bin nach wie vor überwältigt von der Kunst und Architektur, welche die Kirche über all die Jahrhunderte hinweg hervorgebracht hat», sagt Muheim heute. Aber er setzt auch Fragezeichen hinter die Ansichten, welche die offizielle Kirche heute vertritt. «Manchmal wünschte ich mir, dass die Kirche den Bedürfnissen der aktuellen Zeit noch mehr Rechnung tragen würde.» Auch die Kirchenmusik habe an Ansehen verloren. Dass sie allerdings verloren gehen wird, glaubt Muheim nicht. «An einen Johann Sebastian Bach wird man sich immer erinnern.» Dieser Johann Sebastian Bach ist es, der Muheims unangefochtene Bewunderung geniesst. «Es ist die Vielschichtigkeit der Musik, die mich fasziniert. Sie spricht verschiedene Ebenen an.» Bachs Musik sei nicht einfach schön zu hören. Es stecke mehr dahinter. So ist es heute unbestritten, dass Bach in seinen Kompositionen symbolhafte Zahlen versteckte. Bewundernswert ist aber gerade auch die Technik, die es braucht, um Bach überhaupt spielen zu können.

Muheim zieht einen Strich

Doch für Franz Muheim gab es, was die Spieltechnik anging, praktisch keine Grenzen während seiner Musikerkarriere. «Mit dem entsprechenden Aufwand war alles zu bewältigen.» Hürden baute er sich selber auf. Mit dem Streben nach Perfektion machte er sich selber Druck. Das Lampenfieber wurde immer stärker. Das führte dazu, dass der Musiker Anfang der 2000er-Jahre einen Strich zog. Er hörte auf, in der Kirche Messen zu begleiten. «Ich habe mich nach all den Jahren gefragt, was ich eigentlich mache und ob es das ist, was ich wollte.»

Chorleitung, Klavier, Improvisation: Diese Dinge seien rückblickend zu kurz gekommen, sagt Muheim. Einiges holt er nun nach, seit er vor einem Jahr in Pension ging. Als Erstes konnte er sich einen Traum erfüllen: die Aufführung des Klavier-Concertos von Bach im Theater Uri. In Sachen Gesang bildete er sich jüngst in der Ukraine und in England weiter.

Über die Grenzen hinaus

«Man sollte immer wissen, wo man steht», sagt Muheim. «Man sollte sich nicht über, aber auch nicht unter den Scheffel stellen.» Und das funktioniere nur, wenn man auch über die Kantonsgrenzen hinausschaue. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass man sich im eigenen Rahmen zu wohl fühle und sich nicht mehr neuen Herausforderungen stelle. «Die Erfahrungen, die ich durch den Kontakt nach aussen gemacht habe, möchte ich deshalb nicht missen», so Muheim.

Eine der nächsten Herausforderungen wird das erste Konzert auf der frisch gebauten Orgel der Pfarrkirche Schattdorf sein, das am 8. Dezember stattfindet. «Es ist immer wieder eine Spannung da, wie die Orgel zur Kirche passt und wie das Konzertprogramm zur neuen Orgel passt.»

Florian Arnold

Hinweis

Die halbstündige Matinee findet am Sonntag, 30. November, um 11 Uhr in der Pfarrkirche Flüelen statt.