Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

FLÜELEN: Prominenter Bau wird Fall für Obergericht

Das Ja der Regierung zum Einbau eines Fensters am «Danioth»-Haus in Flüelen passt dem Bundesamt für Kultur ganz und gar nicht. Die Argumentation sei nicht einfach schlecht, sie enthalte sogar banale Aussagen.
Bruno Arnold
Blick vom See auf das Danioth-Haus. (Bild: Bruno Arnold)

Blick vom See auf das Danioth-Haus. (Bild: Bruno Arnold)

Es sei ein lang ersehnter Traum gewesen, sagte Markus Stadler, als er vor rund eineinhalb Jahren in das von «Teufelsmaler» Heinrich Danioth erbaute Haus «Im Ring» in Flüelen einzog. «Wir werden einzig gewisse Änderungen im Innern des Hauses vornehmen, die aber von aussen nicht sichtbar sein werden», liess sich der ehemalige Urner Regierungs- und Ständerat damals in unserer Zeitung zitieren.

Doch bereits vier Monate nach dem Erwerb stellten er und seine Frau bei der Baukommission Flüelen (BKF) ein Gesuch zum Einbau von je einem zusätzlichen Fenster an der Süd- respektive an der seeseitigen Westfassade. Das Problem: Das Haus gilt als schutzwürdig. Kanton und Bund haben vor wenigen Jahren Beiträge an der Sanierung der Fassaden gesprochen. Sie verknüpften dies mit dem Eintrag einer Nebenbestimmung im Grundbuch, wonach bauliche Änderungen am Haus nicht ohne vorherige Rücksprache mit der kantonalen Heimatschutzfachstelle und nur mit Zustimmung des Bundesamts für Kultur vorgenommen werden dürften.

Ja zu neuem Fenster auf der Südseite

Die BKF bat die kantonale Natur- und Heimatschutzkommission (NHSK) um eine Stellungnahme. Diese kam zum Schluss, dass ein Fenstereinbau an der Südfassade toleriert werden könne, an der seeseitigen Westfassade jedoch nicht. Die Baukommission entschied in der Folge gemäss Haltung der NHSK.

Die Eigentümer akzeptierten dies nicht. Mit ihrer Beschwerde blitzten sie aber beim Gemeinderat ab, weshalb sie an die Regierung gelangten. Unter anderem machten sie geltend, dass für die Nebenbestimmung im Grundbuch damals keine genügende gesetzliche Grundlage bestanden habe. Sie dürfe deshalb nicht Grundlage eines abweisenden Entscheids bilden. Zudem sei das Haus infolge baulicher Massnahmen in der Vergangenheit nicht (mehr) schutzwürdig. Die Verweigerung der Baubewilligung sei ein massgeblicher Eingriff in die Eigentumsfreiheit.

Die Gültigkeit der grundbuchamtlichen Nebenbestimmung wurde von der Regierung nicht angezweifelt. Zur Frage der Schutzwürdigkeit holte die zuständige Justizdirektion ein Gutachten ein. Dieses ergab – entgegen der Meinung der Besitzer – keine sachlichen wissenschaftlichen Argumente gegen die Schutzwürdigkeit. Der Einbau eines Fensters an der Westfassade laufe dem typischen, eigenwilligen Charakter des Hauses zuwider, so der Gutachter. Gemeinsam sei allen Fassaden, dass sich «durchgefensterte und geschlossene Partien abwechseln und gleichsam in einem ausbalancierten Gleichgewicht stehen». Als Alternative wurde die Verlängerung des bestehenden Fensters an der Nordwestecke in südlicher Richtung vorgeschlagen.

Regierung heisst Stadler-Beschwerde gut

Ende September hat die Regierung die Beschwerde der Stadlers gutgeheissen. Zudem hat sie dem Gemeinderat Flüelen eine Parteientschädigung von 1500 Franken zu Gunsten der Beschwerdeführer aufgebrummt. Die Vorinstanz habe das denkmalpflegerische Schutz­interesse am Haus zu Unrecht höher gewichtet als das öffentliche Interesse und die privaten Interessen der Beschwerdeführer, heisst es im regierungsrätlichen Protokoll vom 27. September.

Unzumutbarer Eingriff in Eigentumsfreiheit

Konkret argumentierte die Regierung, dass das Baugesetz genügend Tageslicht verlange, damit die gesundheitlichen Anforderungen zum Wohnen und Arbeiten erfüllt seien. Und: Das im Gutachten genannte «ausbalancierte Gleichgewicht» zwischen Fenstern und Sichtbeton erschliesse sich dem Betrachter nicht: «Sein Blick erfasst nie das Objekt als Ganzes, sondern nur die jeweilige Fassadenseite», schreibt die Regierung. «Kommt hinzu, dass das Fenster seeseitig angeordnet werden soll, sodass die Einsichtnahme einzig aus grosser Distanz und vom Schiff aus überhaupt möglich ist.» Ein Verbot des Fenstereinbaus sei nicht verhältnismässig und ein unzumutbarer Eingriff in die Eigentumsfreiheit der Besitzer. «Es ist nachvollziehbar, dass die Aussichtslage des Hauses am Urnersee wesentlich zum Kaufentscheid beigetragen hat und den materiellen und ideellen Wert der Liegenschaft massgeblich mitbestimmt», so die Regierung. «Dass die Beschwerdeführer die Aussicht auf den See ausgerechnet vom Wohnzimmer nicht in vollem Ausmass geniessen können, bedeutet zweifellos eine gewisse Härte.»

Die Regierung empfiehlt den Einbau des Fensters auf der Seeseite aber auch aus Lärmschutzgründen. Wenige Meter östlich des Hauses verlaufe die SBB-Gotthardstrecke. «Mit dem geplanten Fenster an der ruhigen Westfassade kann im Wohnraum künftig ein Fenster geöffnet werden, ohne dass der Bahnlärm in das Hausinnere eindringt; alle anderen Fassadenseiten des Wohnraums sind dem Lärm zugewandt», so die Regierung.

Bundesamt für Kultur reicht Beschwerde ein

Überhaupt kein Verständnis für die Argumente der Regierung zeigt das Bundesamt für Kultur (BAK). Es hat deshalb beim Obergericht des Kantons Uri eine Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereicht und eine Aufhebung des Regierungsentscheids gefordert. Zudem soll der Beschwerde aufschiebende Wirkung erteilt werden, um so zu verhindern, dass «ein bedeutendes Kulturdenkmal schwerwiegend beeinträchtigt» werden könnte.

Weil das BAK nur im Verfahren vor der Justizdirektion rechtmässig einbezogen worden sei, müsse der Entscheid der Regierung allein schon aus formellen Gründen aufgehoben werden. Die Regierung habe aber auch sachfremde Erwägungen bei der denkmalpflegerischen Beurteilung des Vorhabens in Betracht gezogen. Durch das Einfügen des seeseitigen Fensters «würde die architektonische Qualität der Fassade jedoch derart banalisiert, dass das Haus in seinem Wert als Kulturdenkmal wesentlich geschmälert würde», schreibt das BAK in seiner Beschwerde. Auch die denkmalpflegerische Beurteilung der Regierung entbehre einer fachlichen Grundlage. Das ausbalancierte Gleichgewicht mit Fenstern und Sichtbeton spiele sehr wohl eine Rolle, auch wenn es sich dem Betrachter nicht erschliesse. Dass das Haus nicht von allen Seiten gleichzeitig betrachtet werden könne, sei eine «banale Aussage» und habe mit dem kulturhistorischen Wert des Objekts nichts zu tun. Indem sich die Regierung «von derart sachfremden Kriterien» habe leiten lassen, sei ihr «Überschreitung ihres Ermessens im Sinne der Verwaltungsrechtspflegeverordnung» vorzuwerfen.

Das BAK teilt die Meinung der Regierung ganz und gar nicht, wonach die privaten Interessen gemäss PBG respektive die gesundheitlichen Anforderungen höher zu gewichten seien als die öffentlichen Interessen: «Erstens müsste daraus gefolgert werden, dass sämtliche Wohn- und Arbeitsräume ohne direkte Beson-nung den gesundheitlichen Anforderungen nicht genügten und nicht bewilligt werden könnten, was nicht ernsthafterweise behauptet werden kann.» Das von der Regierung in ihrem Beschluss zitierte Reglement erwähne das Kriterium der Besonnung nirgends. Die Forderung nach einer ausreichenden Belichtung von Wohn- und Arbeitsräumen beziehe sich nicht auf direktes Sonnenlicht, sondern auf Tageslicht. «Die Belichtung ist im ehemaligen Künstleratelier durch das grosszügige Fenster auf der Nordseite vollumfänglich gegeben», so das BAK. Es sei «geradezu das architektonische Ziel eines Atelierraums, eine gleichmässige Belichtung ohne direkte Sonneneinstrahlung» zu erreichen. Schliesslich sei die Baugesetz-Anforderung an Wohn- und Arbeitsräume für die Beurteilung von Neubauten konzipiert. «Für bestehende Bauten, insbesondere für Kulturdenkmäler, sind die Anforderungen hingegen nur bedingt anwendbar, ansonsten in einem Grossteil von Kulturdenkmälern, die zum Wohnen und Arbeiten genutzt werden, zusätzliche Fenster eingebaut werden müssten.»

Lärmschutzanforderungen sind für Bundesamt erfüllt

Nicht haltbar sei auch die Begründung der Regierung, dass die Lärmschutzanforderungen für den Wohnraum nur mit dem Einbau des seeseitigen Fensters erfüllt werden könnten. Die gesetzlichen Anforderungen seien mit dem Bau von Lärmschutzwänden entlang der SBB-Strecke umgesetzt worden. Reiche dies nicht aus, könne man Lärmschutzfenster einbauen.

Markus Stadler wollte sich gestern auf Anfrage unserer Zeitung zur ganzen Angelegenheit nicht äussern. Auch Landammann Beat Jörg und der Flüeler Gemeindepräsident Simon Arnold verzichteten auf eine Stellungnahme, und zwar mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren. Arnold bestätigte jedoch, dass der Gemeinderat Flüelen den Entscheid der Regierung nicht ans Obergericht weitergezogen habe.

Kommentar: Uri muss sein Image aufpolieren

Uri wird von aussen nicht nur positiv wahrgenommen. Filz, Befangenheit und «Häfeli-Teckäli» seien an der Tagesordnung, die Fälle von behördlichem Versagen würden sich häufen. Diese Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr: Dafür verantwortlich sind unter anderem die Fälle Ignaz Walker, Polizist X, Barbara Bär («Löwen», Seelisberg) oder Polizeikommandant Reto Habermacher (Überstunden). Wenn dann der Zürcher «Tages-Anzeiger» im Oktober 2015 auch noch das Bild einer Bananenrepublik zeichnet und vom überforderten Kleinkanton mit wenig klugen Köpfen schreibt, von einer Hinterwäldlerregion, in der Inkompetenz mit Arroganz kompensiert werde, dann geht ein lauter Schrei der Entrüstung durch den Kanton.

Sogar für einige Juristen ist der Entscheid der Regierung zum Haus «Im Ring» in Flüelen unverständlich. Er dürfte die negative Wahrnehmung noch verstärken. Dass sich das Bundesamt für Kultur einschalte, könne sogar als Hinweis auf grobe Willkür der Regierung interpretiert werden, ist aus diesen Fachkreisen zu hören. Ebenso nachvollziehbar ist, dass kommunale Behördenmitglieder angesichts solch unverständlicher Entscheide den Eindruck von Filz und «Häfeli-Teckäli» nicht loswerden. Sie vertreten die Ansicht: Nicht sachliche Argumente waren ausschlaggebend für den Entscheid, sondern die politischen Mandate des Beschwerdeführers. «Einfache Bürger hätten keine Chance gehabt», hört man bereits da und dort.

Unverständlich ist, dass die Behörden in Uri trotz ihrer häufigen Misstritte in jüngster Vergangenheit immer wieder ohne Fingerspitzengefühl agieren. Es ist höchste Zeit, dass die Verantwortlichen endlich aus ihren Fehlern lernen.

Bruno Arnold

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.