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FLÜELEN: «Taxi Carlo» – Eine Legende verabschiedet sich

Im Mercedes mit dem Nummernschild UR 882 haben sich schon unzählige Personen nach Hause chauffieren lassen. Doch Ende Jahr ist damit Schluss. Nicht nur die Gäste bedauern diesen Schritt.
Alter Taxameter und mit Schaffell überzogene Sitze: Das Interieur des Mercedes von «Taxi Carlo» ist Kult. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 28. Dezember 2017))

Alter Taxameter und mit Schaffell überzogene Sitze: Das Interieur des Mercedes von «Taxi Carlo» ist Kult. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 28. Dezember 2017))

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Irgendwie erinnert er an den 1955 verstorbenen US-amerikanischen Schauspieler James Dean: modische Schuhe, enge Jeans, offene Lederjacke, darunter ein elegantes weisses Hemd, genüsslich an einer Zigarette ziehend. Die Rede ist von Karl Arnold-Wüest aus Flüelen. Wenn man das 1958 entstandene Passfoto in Arnolds Führerausweis anschaut, erkennt man weitere Parallelen zu James Dean: wellenförmig nach hinten gekämmte Haare, markanter Augenaufschlag, süffisantes Lächeln im Gesicht.

Es handelt sich dabei um Karl Arnold-Wüest, Installateur, Gotthardstrasse 35, Flüelen. So lautet der offizielle Telefonbucheintrag. Doch nur ganz wenige Leute wählen Arnolds Festanschluss. Viel geläufiger ist 079 202 82 82. Hunderte von Urnern dürften diese Nummer auf ihrem Mobiltelefon gespeichert haben – unter T wie Taxi oder unter C wie Carlo. Doch ab Neujahr wird man unter dieser Nummer kein Taxi mehr bestellen können. Karl Arnold-Wüest alias «Taxi Carlo» geht in den Ruhestand. Jahrgang 1940 nimmt ihm (fast) niemand ab. Aber der Blick in den abgegriffenen Führerausweis beweist es schwarz auf blau: Im Februar 2018 wird Carlo, wie ihn Jung und Alt nennen, 78-jährig. «Ich habe zwar nach wie vor den Plausch, aber einmal muss einfach Schluss sein», betont er.

«Es geht auch ohne mich weiter»

«Das kannst du nicht machen!»: Diesen Satz bekommt der Flüeler in den letzten Tagen des Jahres 2017 immer wieder zu hören, wenn er von der bevorstehenden Geschäftsaufgabe spricht. Und er gesteht offen: «Manchmal würgt es schon ein bisschen, wenn ich ans Aufhören denke. Ich hatte eine irrsinnige Kundschaft, vor allem super Stammkunden.» Mit Wehmut schildert er eine Situation, die diese Aussage treffend unterstreicht. Den Tränen nahe – und wohl mit einer Prise unfreiwilligen Humors – drückte ein junger Mann sein Bedauern folgendermassen aus: «Wer fährt mich künftig sicher nach Hause, ohne dass ich sagen muss, wo ich wohne?» Das nennt man Stammkundschaft par excellence! «Es geht auch ohne mich weiter», antwortete «Taxi Carlo» mit stockender Stimme und feuchten Augen. «In diesem Moment hätte ich allerdings nichts sehnlicher gewünscht, als dass auf der Stelle jemand da gestanden wäre, der meinen Mercedes gekauft hätte, um ‹Taxi Carlo› weiterzuführen», gesteht er. «Ich gebe mein Geschäft sofort in jüngere Hände. Aber nur, wenn ich spüre, dass es der neue Inhaber wirklich seriös meint.»

Zurück zu James Dean: Dieser ist nach seinem Tod zur Kultfigur, zur Legende und gar zum Mythos geworden. «Taxi Carlo» ist schon zu Lebzeiten Kult und Legende – nicht zuletzt bei den jungen Urnern. Das beweisen etwa die herzlichen und meist von Hand geschriebenen Dankesbriefe, die ihm zum Abschied – oft klammheimlich – zugesteckt werden. Kult ist der innen und aussen stets auf Hochglanz polierte Mercedes, mit dem er seine Gäste herumchauffiert. Kult ist auch das Interieur des Fahrzeugs mit dem fast schon museumsreifen Taxameter sowie mit dem mit Schaffell überzogenen Fahrer- und Beifahrersitz. «Doch zu einer Legende zu Lebzeiten macht ihn vor allem seine Art», meint ein Altdorfer Gast, der seit Jahren die Dienstleistungen des Flüelers in Anspruch nimmt. «Für Carlo ist Taxifahren spürbare Leidenschaft, echter Spass am Hobby. Sein Flair für die Gäste – ob jung oder alt –, seine Ausstrahlung, sein Verständnis, seine Abgeklärtheit, seine Ruhe und Ausgeglichenheit sind nicht lernbar», schwärmt der Stammgast. «Für Carlo ist Taxifahren nicht einfach ein Beruf, sondern eine Berufung.»

Diskretion als unternehmerisches Credo

Ruhig, fast gemächlich und auch in Stosszeiten selten hektisch: So fährt er mit seinem Mercedes
in die entlegensten Winkel des Urnerlands – beide Hände am Steuer, die beiden kleinen Finger ausgespreizt, das Lenkrad mit ruhigen und übergreifenden Bewegungen sicher im Griff. Ab und zu schüttelt er das «Goldketteli» an der rechten Hand in die richtige Position, oder er dreht mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand am Siegelring, der an seinem rechten Ringfinger glänzt. Wen er wann und in welchem Zustand nach Hause gebracht hat, das erfährt man nicht. Wer ihn «üssfräglä» will, der erntet höchstens ein süffisantes Lächeln. «Ich verstehe die Frage nicht», sagt er nur. Verschwiegenheit ist Carlos unternehmerisches Credo. «Wer eine zufriedene Kundschaft will, der muss diskret, höflich, sauber, zuverlässig, korrekt, geduldig und auch mal grosszügig sein.» Und eines betont er ganz speziell: «0,00 Promille während der Arbeitszeit, das ist für mich ein absolutes Muss.»

Wenn der «Zufallsgast» länger warten muss

«Ganz schwierig! Ganz schwierig!» So konnte es schon mal tönen, wenn ein Stammgast nullkommaplötzlich mit Carlo nach Hause fahren wollte. Um mitleidvoll nachzufragen: «Wo bisch wo? Also, chumä grad. Aber müäsch sofort parat sii!» Und schon kurz danach hielt UR 882 am vereinbarten Einsteigeort. Die Stammkundschaft pflegen, das hiess für Carlo halt ab und zu auch, den «Zufallsgast» ein paar Minuten länger warten zu lassen ...

«Momentan wollen mich viele Leute zum Weitermachen überreden», erzählt er. «Sie bedauern es einfach, dass UR 882 nicht mehr mit dem beleuchteten Taxi-Schild vor dem Telldenkmal stehen wird.» Dieses Bedauern freue ihn und zeige, dass er seine Sache gut gemacht habe. «Aber mein Entschluss steht fest.» Definitiv? Carlo schweigt – sehr lange. Er überlegt, schaut kritisch, hebt die Schultern und sagt dann, fast schwermütig: «Schon, ja.» Seit gut 50 Jahren besitze er den Taxi-Ausweis. Abertausende von Kilometern habe er zurückgelegt. «Als bald Achtzigjähriger und nach mehr als 60 unfallfreien Jahren wird es definitiv Zeit zum Aufhören.»

Ein begehrter Trax-und Baggerführer

Die Taxi-Leidenschaft hat Carlo von seinem Vater geerbt. Dieser chauffierte seine Gäste mit Kleinbussen und dem bekannten Taxi Arnold über die Urner Strassen. Karl Arnold senior bot aber auch Schiffsfahrten auf dem Urnersee an. Sohn Carlo hat die Schiffsführerprüfung ebenfalls abgelegt, hat allerdings nie gewerbsmässige Transporte ausgeführt. Der gelernte Sanitärinstallateur war stattdessen während über vierzig Jahren mit Cars, Lastwagen, Sattelschleppern und Baumaschinen aller Art unterwegs. Und als das Unternehmen in Konkurs ging, für das er jahrzehntelang unterwegs gewesen war, steckte Carlo den Kopf nicht in den Sand. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, als Chauffeur und als äusserst gefragter und für sein Können weitherum bekannter Maschinist. «Wenn ich für Spezialaufträge oder temporäre Jobs in der Baubranche angefragt wurde, habe ich immer zugesagt.»

Faul herumliegen ist nicht sein Ding

«Ich muss einfach immer etwas tun, auch heute noch», sagt er. «Nur zu Hause faul herumliegen, das ist nicht mein Ding. Die Arbeit geht mir nie aus. Autos reparieren, die Hausfassade malen, die Umgebung pflegen. Aber am meisten Freude hat mir immer das Taxifahren gemacht», betont er. «Wenn ich die Kunden sicher nach Hause bringe, wenn meine Fahrgäste zufrieden sind und den Fahrpreis anstandslos bezahlen, dann macht mich das stolz und glücklich.»

Hat er je Zechpreller erlebt? Carlo sagt nichts, schmunzelt nur. Da ist sie wieder, die absolute Diskretion des Taxifahrers. Um dann anzufügen: «Nicht bezahlen, das macht man nur einmal mit Carlo. 99,9 Prozent waren nicht so: Ich habe eine super Stammkundschaft gehabt. Danke!» betont er. Und fährt Richtung Altdorf zu einem seiner letzten Termine als Taxifahrer. Als offizieller Taxifahrer ...

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