Fortsetzungsgeschichte
Alex und Esmeralda

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren für die beiden lokalen Zeitungen. Der Anfang ist derselbe, aber es entwickeln sich zwei unterschiedliche Geschichten. Heute: Teil 10.

A. Z.
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«Die Frau hat magische Kräfte!» Alex wartete nicht, bis sich die Bürotüre geschlossen hatte, sondern sprudelte einfach drauflos. «Mir ist in den Sinn gekommen: Bevor sie kam, las ich grad einen Text über den Bau der Teufelsbrücke. Dann schlug sie mir das Buch aus den Händen und danach roch es nach Rauch und Kamille.»

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden.

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (zgc)

«Langsam, langsam», versuchte Sefa ihn zu beruhigen. «Eis nachem anderä wiä z Paris.» «Ja eben», meinte Alex, «dort lebten die Zigeuner, in Paris. Aber auch hier in Uri gab es immer wieder Fahrende. So sagt man es nämlich richtig. Und wer sagt denn, dass es ein altes Mütterchen war, das ein Kreuzzeichen in den Stein geritzt hat, sodass er zu schwer wurde für den Teufel? Es könnte auch eine Zigeunerin gewesen sein, die den Stein mit magischen Kräften so schwer gemacht hat! Also ist die Frau eine Zigeunerin?» Alex sah sie gespannt an und kniff die Augen zusammen.

Sefa dachte an die wilden Tänze zurück, die sie zu zweit aufgeführt hatten. Dabei hatten Esmeralda und sie regelmässig eigene Flamenco-Interpretationen versucht. Hauptsache ihr Gestampfe tönte schön laut. Frei und unbesiegbar hatten sie sich gefühlt. «Schon möglich, dass sie Zigeunerblut in sich hat. Ihr Vater kommt ursprünglich aus Spanien, aus der Nähe von Granada. Dort lebten auch sogenannte Zigeuner», erzählte Sefa gedankenverloren. «Was, du kennst sie und sagst mir kein Wort?», empörte sich Alex und schaute Sefa fassungslos und enttäuscht an. Ebenso schnell, wie er ins Büro gestürmt war, verliess er es wieder.

Sefa hatte nicht die Energie, Alex nachzurennen. Seine Worte dröhnten in ihren Ohren: «Ist sie eine Zigeunerin?» Wie kam er nur darauf? Sefa gab Alex’ Namen ins System ein und schaute nach, welche Bücher er ausgeliehen hatte: «Der Glöckner von Notre Dame», «Das Zigeunermädchen» und «Carmen». Esmeralda hatte ihn schon bei der ersten Begegnung an die Zigeunerin der illustrierten Ausgabe des «Glöckners von Notre Dame» erinnert, das kam Sefa nun wieder in den Sinn. Und im Buch mit der Signatur UA1009, dessen richtige Signatur ja eigentlich UE1009 war, kam in der Tat ein Text vor mit dem Titel «Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht».

Ob ihrem Vater damals beim Signieren des Buches wirklich ein Fehler unterlaufen war oder ob er damit das Geheimnis von Amelia und Ugo hatte schützen wollen, wusste sie allerdings bis heute nicht. Als sie das Buch vor rund 20 Jahren entdeckt hatte, war ihr Vater bereits tot gewesen.

Latzis kurzes Bellen riss Sefa aus ihren Gedanken. Klar, er musste mal wieder eine Runde drehen. Und sie musste unbedingt bei Alex vorbeischauen, um einiges klarzustellen. Sefa folgte beim Runterfahren des Computers gedankenverloren dem Mauspfeil auf dem Bildschirm. In dem Moment fiel ihr Blick auf Alex’ Geburtsdatum: 13. August 2009. Das hatte sie gar nicht gewusst. Am Tag seiner Geburt war das ominöse Buch schon mal verschwunden. War es gar kein Zufall, dass er das Buch in den Händen hatte, als Esmeralda es sich holte?