Fortsetzungsgeschichte
Carmen

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren für die beiden lokalen Zeitungen. Der Anfang ist derselbe, aber es entwickeln sich zwei unterschiedliche Geschichten. Heute: Teil 13.

F.A.
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Carmen war eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie zählte zu jenen, die in der Chefetage einer französischen Versicherung das Sagen hatte. Etwas ausserhalb von Paris nannte sie ein Einfamilienhaus im Grünen ihr Eigen. Man konnte bedenkenlos annehmen, dass sie ihr früheres Leben inmitten der Schweiz überwunden hatte. Nur selten dachte sie ans Bergdorf im Zentrum der Schweiz zurück, dem sie vor 30 Jahren den Rücken gekehrt hatte. Aus persönlichen Gründen, wie sie einem Reporter einer Businesszeitschrift einst zu Protokoll gegeben hatte.

An ihrem freien Tag hatte sie keine Lust auf Nostalgie und schob ihre aktuelle Lieblings-CD in die Stereoanlage. Während sie mit dem Fuss den Bass mitwippte, fiel ihr Blick wieder auf den Brief, den sie Tage zuvor auf dem Wohnzimmertisch parkiert hatte. Ohne Absender, aber die Schrift löste in ihr ein mulmiges Gefühl aus. Sie gab sich einen Ruck und öffnete den Umschlag. Nach dem ersten Satz griff sie nach ihren Autoschlüsseln: «Es ist so weit!»

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden. 

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (red)

Gleichzeitig, ein paar hundert Kilometer östlich: Sefa Schuler führte den Unbekannten in Gucci-Loafers zu den wenigen Werken der deutschen Philosophin Ricarda Huch. Unbeeindruckt vom Baulärm setzte sich der Mann an ein Tischchen und schien jede Seite genauestens zu studieren. So hatte es Sefa zumindest immer wieder beobachtet. Mit ihren Gedanken schweifte sie zu den drei Klassikern, die Alex als Schlüssel für das Rätsel identifiziert hatte. Dass es in allen drei Büchern um Zigeunerinnen ging – sogleich korrigierte sie sich: «Fahrende» – konnte nicht der einzige Hinweis sein, den man aus dem Zettel ziehen konnte. Sefa musste sich mächtig anstrengen, um sich an die genauen Handlungen zu erinnern.

Da war der bucklige Quasimodo, der als Kind auf die Treppe der Notre-Dame-Kathedrale gelegt wurde. Davor war er gegen die hübsche Tochter einer Prostituierten ausgetauscht worden: Agnès, die später bei den Zigeunern den Namen Esmeralda erhielt. Sefa dämmerte es: Esmeralda konnte unmöglich aus Zufall ihren Namen erhalten haben. Und Ugo Tenebroso, der belesene Liebhaber von Esmeraldas Mutter, musste mehr gewusst haben als das, was er Sefa mit dem Rätsel vermacht hatte. Beim Streit am Telefon mit seinem Anwalt, der Ugo schliesslich den tödlichen Herzinfarkt einbrachte, musste es um die Familienverhältnisse gegangen sein. Und der Fleck auf dem Zettel war ebenfalls kein Zufall, sondern Ugo hatte sein Blut ganz bewusst hinterlassen.

Und «Carmen»? Brutalität musste man auf jeden Fall nicht vermissen, erinnerte sich Sefa: Die verführerische Carmen, die Don José um den Finger wickelt und ihn zum Dieb und zum Mörder macht. Ja, zum Mörder von Carmen selbst. Sefa schauderte es: Mord und krumme Machenschaften waren also in der Familiengeschichte um Esmeralda auch nicht auszuschliessen. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich der Gucci-Loafers-Träger kurz vor 17 Uhr freundlich verabschiedete.

Vor der Bibliothek blickte sich Sefa nochmals vorsichtig um, doch sie konnte nichts Auffälliges feststellen. Das änderte sich, als sie zu Hause ankam. Vor dem Haus stand ein schwarzer Sportwagen mit französischen Nummernschildern. Auf dem Treppenabsatz erwartete sie schon eine Frau, die in einem schwarzen Deuxpièces steckte. «Sefa Schuler? Mein Name ist Carmen. Wir müssen uns über Esmeralda unterhalten.»

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