FORTSETZUNGSGESCHICHTE
Detektivarbeit

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren zwei Geschichten mit demselben Anfang. Heute: Teil 9.

W.W.
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«Alex? Den habe ich letztmals gegen vier Uhr in der Bibliothek gesehen, bevor ich gestern wegging. Seither war ich nicht mehr am Arbeitsort», sagte eine verängstigte Sefa zu Hedi. Sie rief sogleich zurück, als sie die Nachricht von Alex’ Mutter vom Vorabend auf dem Beantworter gehört hatte. Hedi klang ruhig. «Ich hätte dich benachrichtigen sollen. Alex ist um sieben Uhr abends mit drei alten Büchern unter dem Arm aufgetaucht und hat sich in sein Zimmer verkrochen. Als Grund seiner Verspätung gab er an, er habe sich in der Bibliothek in irgendeinem Schmöker verloren und dabei sei ihm die Zeit davongerannt. So ist er. Jetzt sitzt er bereits wieder an seinem Pult, hat alle drei Bücher vor sich und macht Notizen, als ob er selbst ein Buch schreiben wollte.» Sefa atmete auf. Gleichzeitig stieg aber eine beunruhigende Ahnung in ihr hoch. War Alex dem Code auf dem Zettel auf der Spur, der sich mit Hilfe gewisser Bücher aus der Bibliothek entziffern lässt? Alex ist pfiffig genug, sich die paar Wörter und Zahlen des Zettels nach kurzer Betrachtung zu merken. Aber wie sollte er wissen, welche Bücher für die Entschlüsselung die richtigen sind? Bücher gibt es viele.

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden.

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (zgc)

Wenn nur Esmeralda den codierten Zettel nicht zu Gesicht bekam! Sie muss wissen, dass mit dem Buch UA 1009 ein Geheimnis verknüpft ist. Wie sonst hätte sie exakt nach diesem gesucht, es Alex buchstäblich entrissen? Aber weiss sie auch, dass das, was sie wahrscheinlich zu finden gedenkt, nur über die codierte Notiz zu erschliessen ist? Und diese hatte sie zum Glück nicht. Sefa war beruhigt. Unmittelbare Gefahr bestand nicht.

Endlich konnte sie sich dem ersehnten Milchkaffee zuwenden. Und dann musste Latzi noch sein Ding verrichten, bevor sie schleunigst in der Bibliothek aufkreuzen sollte. Durch die Zügelei wegen des Umbaus war sie mit ihrer Arbeit ganz schön im Rückstand. Möge sie heute der Bohrhammer verschonen! Da konnte sie auf weitere Topfpflanzen gut verzichten, auch wenn deren Überbringer «käi Utanä» war. So bald als möglich musste sie aber mit Alex reden.

Der Tag verging ruhig, wenn man vom ständigen Baulärm absah. An den folgenden sechs Tagen hatte Sefa die Aufregung der letzten Zeit beinahe vergessen. Bis am Mittwoch ihre Bürotüre aufgerissen wurde ...

Seit Alex daheim in jeder freien Minute die drei alten Bücher durchstöbert hatte, um dem Code auf die Spur zu kommen, war ihm vor lauter Lösungsideen beinahe der Kopf geplatzt. Jetzt war er sicher, er hatte die richtigen Bücher: Victor Hugos «Der Glöckner von Notre Dame», Miguel Cervantes’ «Das Zigeunermädchen» sowie die Novelle «Carmen» von Prosper Mérimée. Dass ein gemeinsamer Nenner im Inhalt zu den Treffern führen musste, dieser Gedanke war ihm sogleich gekommen. Und der Begriff «Zigeuner» blitzte bei ihm sofort auf, nachdem Sefa so unerwartet auf seine Feststellung, die unbekannte Frau habe wie Esmeralda im «Glöckner» ausgesehen, reagiert hatte. Die beiden neben dem «Glöckner» eingereiht gefundenen Bücher handelten, wie er wusste, auch von Sinti und Roma, in der Literatur meist als «Zigeuner» bezeichnet. Es war also sehr wahrscheinlich, dass seine Spur stimmte. Wie aber sollte er von den Büchern zum Code vorstossen? Am Mittwoch rannte er aufgewühlt mit dem Stand seiner Ermittlungen zu Sefa. Würde sie ihm helfen?