Fortsetzungsgeschichte
Faria, fariaho

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren für die beiden lokalen Zeitungen. Der Anfang ist derselbe, aber es entwickeln sich zwei unterschiedliche Geschichten. Heute: Teil 11.

L. G.
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Sefa grübelte. Was hatte Alex‘ Geburtstag mit dem damaligen Verschwinden des Buches zu tun? Wahrscheinlich war aus purem Zufall beides am selben Tag geschehen. Sie musste aufhören, alles und jeden mit dem Buch in Verbindung zu bringen. Schon in Andermatt hatte sie sich grundlos beobachtet gefühlt. Und als vor einer Woche dieser Tourist vor ihrem Haus stand, fühlte sie wieder einen Hauch von Verfolgungswahn. Sefa beschloss, den Besuch bei Alex zu verschieben. Sie brauchte Ablenkung. Also raus aus der Bibliothek, auf andere Gedanken kommen und zusammen mit Latzi an die frische Luft.

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden.

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (zgc)

Das Abschalten auf dem Weg ins Dorf gelang ihr nicht auf Anhieb. In ihrem Hirn drehte Alex mit den Fahrenden eine weitere Runde. - Fahrende? Sefa erinnerte sich an ihre Schulzeit bei Schwester Aloysia. «Lustig ist das Zigeunerleben» gehörte damals zum Standardrepertoire jeder Singstunde, und wenigstens das «faria, fariaho» sang sie immer aus voller Kehle mit. Inzwischen würde sie es sich nicht mal erlauben, die Melodie zu summen.

Beim Polizeiposten bog Sefa nach rechts. Ihr fiel die Demo ein, die hier vor ein paar Wochen stattgefunden hatte. Mit einem unguten Gefühl hatte sie damals beim Türmli den Auftritt der Treichler beobachtet. «Wenn die mit ihren Kuhglocken auftauchen», dachte Sefa, «weiss man, wo's gschället het». Die hatten sich schon bei der Zerschlagung des European Kings Club gegen den Untergang der Demokratie gewehrt.

An der ewigen Baustelle «Reiser» vorbei gelangte sie zum «Krá». Sie mochte die entspannte Atmosphäre im Lokal und war hier vor dem Lockdown gelegentlich eingekehrt. Sefa hoffte auf normalere Zeiten und steuerte auf dem Lehnplatz auf den «Offenen Bücherschrank» zu. Sie trat dicht an die ehemalige Telefonkabine, in der man sich inzwischen mit Gratisbüchern eindecken konnte. Direkt neben «Unser grosses DDR Kochbuch» und einer zerfledderten Ausgabe vom «Urner Reise(ver)führer» des ehemaligen UW-Redaktors Kurt Zurfluh entdeckte sie den Titel «Die Beschissenheit der Dinge». «Passt!», sagte sie sich, öffnete die Tür und steckte das Buch kurzerhand ein.

Beim Metzger Ulrich zog Latzi heftig an der Leine, aber Sefa hielt kräftig dagegen und sass schon kurze Zeit später wieder auf ihrem Bürostuhl. Sie fühlte sich deutlich gelöster. Erstaunlich, was so ein kurzer Spaziergang bewirken konnte. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schloss die Augen. Sogar der Baulärm war verstummt.

«Entschuldigung! Frau Schuler, können sie mir bitte helfen?» Sefa öffnete erschrocken die Augen. Vor ihr stand der Pressluft-Rambo in Arbeitskleidung und sah sie freundlich lächelnd an. «Ich habe noch kein Bibliothekskärtchen und möchte das gern ausleihen.» Der Bauarbeiter streckte ihr ein Büchlein entgegen. «Abendlicht» von Stephan Hermlin. Sie fasste es nicht. «Sind sie sicher, dass das ein Buch für sie ist?», platzte es aus ihr heraus. «Ja, ja, ich habe es schon dreimal gelesen. An den Inhalt kann ich mich kaum noch erinnern, aber die virtuose Sprache fand ich jedes Mal beeindruckend. Mein Vater hat es mir kurz vor seinem Tod geschenkt. Leider ist es mir abhandengekommen.»

«Ja dann …» Sefa wusste nicht, was sie entgegnen sollte und griff zur Maus, «… Sie heissen?»

«Tenebroso. Emilio Tenebroso.»