Fortsetzungsgeschichte
Malventee und Erinnerungen

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren zwei Geschichten mit demselben Anfang. Heute: Teil 5.

L. Z.
Merken
Drucken
Teilen

Schnell schob Sefa Alex in den Pausenraum, damit er sich setzten konnte. Im alten Wasserkocher war noch heisses Wasser übrig, das Sefa geübt zu einem Malventee aufgoss, den sie Alex reichte. Der bleiche Knabe sass zusammengekauert auf dem Stuhl und schlürfte den heissen Tee. Sefa setzte sich zu ihm und achtete darauf, möglichst ruhig zu wirken. Die ganze Geschichte mit dem Notizzettel und der Frau schienen Alex mehr zuzusetzen, als Sefa es hatte wahrhaben wollen. Eigentlich hätte sie es ja wissen müssen. Schliesslich war Alex erst elf Jahre alt. Aber jetzt war es zu spät. Sie hatte ihn in die Geschichte hineingezogen. Dies hatte sie ihrer Panik zuzuschreiben, welche sie befallen hatte, als das Buch verschwunden war. In stressigen Situationen neigte sie immer dazu, andere in ihre Probleme miteinzubeziehen, ohne sich die Konsequenzen zu überlegen.

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden.

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (zgc)

«Also Alex», sagte sie ruhig, «die Frau, die du mir beschrieben hast, sah aber anders aus als Esmeralda vom Glöckner der Notre Dame.» «Ich habe sie an ihrem Verhalten und an den Augen wiedererkannt», berichtete Alex überzeugt. Sefa musste fast ein bisschen schmunzeln. Was für eine lebhafte Fantasie der Junge doch hatte. Genauso wie sie früher. Mit den Jahren hatte sie diese verloren. Die Realität hatte sie längst eingeholt.

Sie musste wieder an die Esmeralda denken, die als Kind eine grosse Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Das Mädchen mit den irischen Zügen seiner Mutter und dem Temperament einer Südländerin. Genau wie Esmeralda im Buch Notre Dame. Es drängte sich ein Gedanke in Sefas Bewusstsein, den sie bislang zur Seite geschoben hatte: Die Frau, die das Buch an sich gerissen hatte, könnte doch Esmeralda gewesen sein. Sie müsste inzwischen um die sechzig Jahre alt sein, könnte jedoch jünger aussehen. Die roten Haare hätte sie inzwischen bestimmt braun gefärbt, weil sie sich immer über ihre auffällige feuerfarbene Haarpracht geärgert und Sefa um ihre dunkle Mähne beneidet hatte.

Aber warum suchte Esmeralda nach so vielen Jahren nach dem Buch? Wo war sie die ganze Zeit gewesen? Wie konnte sie von den damaligen Ereignissen und dem Notizzettel wissen? Schliesslich war es Sefa gewesen, die das grausige Geheimnis aufgedeckt und verschlüsselt aufgeschrieben hatte, und nur sie konnte die Buchstaben entziffern. Was also wusste Esmeralda?

Sefa versuchte, ihre Angst zu überspielen und sagte so locker wie möglich: «Alex, weisst du, du solltest Bücher schreiben. Hast du dir schon einmal überlegt, Autor zu werden?» Alex begann zu strahlen und nickte begeistert. «Ich hätte da schon einige Ideen», setzte er an. Doch Sefa hörte nicht mehr zu. Sie war in Gedanken wieder bei Esmeralda und ihrer gemeinsamen Schulzeit in Andermatt, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Sie dachte an das Buch, das sich jetzt möglicherweise in Esmeraldas Händen befand. Was, wenn ihre ehemalige Schulfreundin hinter das Geheimnis des Buches kam? Oder hatte sie es - nein, das durfte nicht sein - etwa schon entdeckt?

Sefa wusste, was zu tun war. Sie zückte ihr Handy und löste online ein SBB-Billett nach Andermatt, packte ihre Sachen und telefonierte in den «Ochsen», um ihren Besuch anzukündigen.

Die letzten Geschichten zum nachlesen: