Fortsetzungsgeschichte
Mariahilf

Da die Kantonsbibliothek dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert, schreiben Urner Autoren zwei Geschichten mit demselben Anfang. Heute: Teil 6.

J.A.
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Andermatt im Winter.

Andermatt im Winter.

Bild: Heinz Baumann

«Latz und Platz!», befahl Sefa Schuler, als der Hund im Zug zu jaulen begann. Latzi setzte sich mit treuherzigem Blick. Eben waren sie durch das Urnerloch ins Urserental eingefahren. Hier öffnete sich das Herz! Ein Hauch von Frühling empfing sie. Sefa war überrascht, was wieder gebaut worden war. Unglaublich, wie sich ihr Dorf verändert hatte: Neue Hotels, Ferienwohnungen, Sportanlagen, und das alte Andermatt hatte sich zu einem Bijou entwickelt.

Das Projekt

Anlässlich des 50. Jubiläums der Kantonsbibliothek Uri erscheinen in den kommenden Wochen in den beiden lokalen Zeitungen («Urner Zeitung» und «Urner Wochenblatt») weitere Kapitel, die von verschiedenen Urnern geschrieben werden.

Mit der Ausgabe vom 20. Februar erschien in beiden Zeitungen der Beginn der Fortsetzungsgeschichte «Das verschollene Buch», die in der Folge von verschiedenen Personen weitergeschrieben wird. So werden sich zwei unterschiedliche Geschichtsstränge entwickeln. Die Geschichten werden auf der Website der Bibliothek aufgeschaltet und laufend ergänzt. Zum Ende des Projekts ist eine öffentliche Lesung angedacht. Dann werden auch die Identitäten der Autorinnen und Autoren bekanntgegeben. (zgc)

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Sefa stieg mit Latzi aus. Auch hier alles neu. Sie marschierte zügig durch die Unterführung Richtung Dorf. Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden! «Ich drehe langsam durch!», seufzte Sefa und nahm den Weg der Reuss entlang. Auf der Brücke blieb sie stehen. Hier hatte sie mit Esmeralda gespielt und ihre Abenteuer erlebt. Beim Schulhaus las sie den Spruch an der Fassade: «Skeptisch gingen wir hinein...» Sefa dachte: «Noch skeptischer stehe ich heute da.» Bei der Kirche dann wieder das eigenartige Gefühl, aber weit und breit war keine Menschenseele auszumachen. Wirklich nicht? Also los, dem «Ochsen» zu. Dort zog es Latzi plötzlich auf die andere Seite. Der Geruch aus Ferdinovs Metzgerei war unwiderstehlich. Sefa mahnte Latzi, auch wenn er russisch bellen würde, gäbe es jetzt kein Wursteli. Ihre Augen waren auf den «Ochsen» gerichtet. Erinnerungen kamen auf: Hier hatte sie mit Esmeralda im Stübli Hausaufgaben gemacht. Hier hatte sie mit ihrer besten Freundin vor dem Fernseher erlebt, wie Russi Weltmeister wurde, und hier hatten sie darüber beraten, wer von ihnen mehr in Russi verliebt sei, oder ob eventuell auch Tresch eine Option wäre.

Und in diesem «Ochsen» sollten sie später als Erwachsene ein Gespräch mithören, das nicht für ihre Ohren bestimmt war! Ein italienischer Tunnelbauingenieur stritt am Telefon mit jemandem, machte sich eifrig Notizen und fiel tot um.

Der «Ochsen» war zu. Scheinbar schon länger. Rechts neben der vergilbten Menukarte hing aber ein Zettel: «Frau mit Hund. Heute Abend 20 Uhr bei der Mariahilf-Kapelle. E.»

Voller Spannung stieg Sefa gegen 20 Uhr die Stufen zur Mariahilf-Kapelle hinauf. Das Dorf lag in Nacht und Nebel. Oben angekommen hörte Sefa keinen Ton. Keine Bewegungen in der Dunkelheit. Als es in der Pfarrkirche unten die volle Stunde schlug, öffnete sich auf einmal die Tür zur Mariahilf-Kapelle. Latzi begann ängstlich zu winseln. Sefa fasste Mut und betrat die Kapelle. Sie wollte sich jetzt der Situation stellen. Eine einsame Kerze flackerte. Auf der vordersten Bank kniete jemand und rauchte. «Hast du nun endlich deinen intellektuellen Bibliothekarinnenarsch an unseren alten Geheimtreff schieben mögen!» Eine rauchige Stimme fing an zu lachen. Die Person drehte sich um und strahlte im Kerzenlicht. «Endlich, Sefa!» Sefa fasste sich: «Also wirklich, Esmeralda, was für eine Show!» Esmeralda gluckste: «Unter dem ‹Namen der Rose› läuft ja gar nichts bei dir!» «Und du hast Alex so einen Schreck eingejagt?», fragte Sefa vorwurfsvoll. «Der wird das überleben», gab Esmeralda trocken zurück, «und übrigens, dem bleichen Bücherwurm würde etwas Urschnersonne nicht schaden! So, und jetzt ab in den ‹Ochsen›. Wir haben die Beiz für uns und können bei einem feinen Tropfen unsere Geschichte aufarbeiten. Es wird langsam Zeit!»