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Reto Gamma: «Für einige war die Neugier respektlos»

Er ist einer der Protagonisten im neuen Film «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler. Der 65-jährige Reto Gamma hat die linke Zeitschrift Alternative mitgeprägt und setzte sich für die Abschaffung der Armee ein. Nun blickt er zurück.
Interview: Markus Zwyssig
Reto Gamma ist im neuen Film «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler zu sehen. (Bild: Screenshot)

Reto Gamma ist im neuen Film «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler zu sehen. (Bild: Screenshot)

Heute ist er zwar pensioniert. Zum politischen Geschehen hat Reto Gamma aber nach wie vor eine pointierte Meinung. Er sagt, was ihm sein politischer Einsatz gebracht hat und weshalb er sich bei der SP zuhause fühlt.

In Luzern und andernorts rumorte es damals nach 1968 gewaltig. Wie sah das im Kanton Uri aus?

Reto Gamma: Wir hatten bei uns nie derartig heftige Auseinandersetzungen wie in der Stadt. Das hat damit zu tun, dass man auf dem Land näher beisammen ist und man sich kennt. Die Menschen sind auch direkter voneinander abhängig. Das hat Vor- und Nachteile. Wir wurden als Linke zwar schräg angeschaut. Aber, wir haben es überlebt.

Wie fanden Sie eigentlich zur Politik?

Alles begann am Kollegi. Wir haben uns gegen einen Lehrer gewehrt, den wir nicht mehr tragbar fanden. Die Konsequenz unseres Aufstands war, dass unserer Gruppe der Ausschluss aus der Schule drohte. Nach langem Hin und Her erhielten wir alle das Ultimatum, das heisst: beim nächsten Mal fliegt ihr raus! Wir fanden, diese Sanktion schiesse weit über das Ziel hinaus. In diesem Umfeld entstand in den 1970er-Jahren die Zeitschrift Alternative. Das war mein Weg, mich in Uri politisch zu engagieren. Wir steckten viel Freizeit in die «Alternative» und machten als Journalisten auf Missstände aufmerksam. Damals studierte ich in Zürich und am Wochenende habe ich in Uri meine Freunde getroffen und die «Alternative» mitgestaltet.

Sie nahmen damals kein Blatt vor den Mund. Hatten Sie keinen Respekt vor Andersdenkenden?

In diesem Zusammenhang von Respekt zu sprechen finde ich ein bisschen ein komisches Wort. Es ging eher um Neugier – aber für einige war diese Neugier respektlos. Wir haben einfach darauf hingewiesen, was uns nicht gepasst hat. Es ging um die Verweigerung des Militärdiensts, um Drogenkonsum oder um Polizeiverhöre wegen Haschischbesitz. Es war zuerst Hilfe zur Selbsthilfe.

Und dann wurde es politischer.

Genau. Wir begannen uns mit der Geschichte in Uri zu beschäftigen. Es ging um Kraftwerke, um das Stauseeprojekt im Urserntal, um die Armee, die Munitionsfabrik und um den Steuerskandal der Dätwyler AG. Wir entdeckten, dass Uri von CVP und FDP beherrscht war. Die SP war damals eher rechts orientiert. Das Sagen in der Partei hatten ältere SP-Männer, die vom Wohlwollen der Bürgerlichen abhängig waren. Daher gründeten wir unsere eigene Partei, das Kritische Forum Uri. Später wechselten viele von uns zur SP Uri. Die Partei hat sich auch in Uri inzwischen ziemlich nach links entwickelt. Was wir vor dreissig Jahren wollten, macht heute die SP. Ich wohne inzwischen seit 19 Jahren in Bern und kann dies nur aus Distanz beurteilen. Ich sehe aber keine andere Partei, die meine Vorstellungen besser vertritt.

Hat sich der grosse Einsatz für die Politik gelohnt?

Persönlich hat es sich gelohnt. Wir haben sehr viel darüber gelernt, wie Politik funktioniert und wie man sich einbringen muss, um etwas zu erreichen. Wir haben nicht immer gewonnen, feierten aber auch einige Erfolge.

Welche waren das?

Uri trat damals nicht dem interkantonalen Polizeikonkordat bei. Die geplante Landesausstellung CH 91 mit der Armeeschau in Flüelen fand nicht statt. Das Volk hatte beide Male Nein gesagt, dies zur Überraschung der bürgerlichen Parteien. In Bauen gab es kein Atommülllager. Die 3718 Urner, die 1989 für die Armeeabschaffung gestimmt haben, waren auch für uns eine Überraschung, für die Bürgerlichen aber ein Schock. Das in einem Kanton, der angesichts der vielen Arbeitsplätze in diesem Bereich damals praktisch mit Armee gleichzusetzen war. Und: Wir haben den Proporz durchgebracht. Nun versuchen einige, das Rad der Zeit wieder zurückzudrehen.

Sie sprechen die bevorstehende kantonale Abstimmung zur Änderung des Proporzgesetzes und der damit verbundenen Änderung der Verfassung an. Sagt das Volk ja, soll nur noch in Gemeinden mit fünf oder mehr Landräten, das System der Verhältniswahl gelten. Was halten Sie davon?

Der Trend geht doch ganz klar in die andere Richtung. Die Bundesversammlung und das Bundesgericht haben in letzter Zeit den Proporz gestärkt. Weil der Proporz auch Minderheiten Mitsprache in der Demokratie ermöglicht. Ich hoffe, dass das Urner Volk zweimal Nein sagt. Ich bin überzeugt, dass ein Abbau der demokratischen Stimmrechte auf Bundesebene nicht akzeptiert wird. Klar hat die Linke in Uri vom Proporz profitiert. Im Majorz brachte es die SP auf vier Sitze. Jetzt ist die Linke mit neun Landräten vertreten. Proporz ist für die grossen Parteien vielleicht unangenehm. Aber eine Demokratie muss ertragen, dass es Opposition gibt, sei das von links oder von rechts.

Trotzdem bleibt der Wähleranteil der SP mehr oder weniger stabil. Wie könnten Sie die Masse besser erreichen?

Ich weiss nicht, ob es unser Ziel ist, die Massen zu erreichen. Die SP ist eine Minderheit. Mehrheiten gibt es in der Schweiz nur, wenn eine überparteiliche Zusammenarbeit zustande kommt. Das ist gut so. Parteien müssen ihre Zielgruppen erreichen. Ansprechen will die SP vor allem Frauen, umweltbewegte und politisch offene Menschen, die sich nicht einkapseln wollen.

Wäre es gut, wenn es die Zeitschrift Alternative heute noch gäbe?

Die Medienlandschaft hat sich verändert. Damals haben die Urner Zeitungen keine Interviews geführt. Sie haben auch nicht recherchiert, sondern die Regierungspolitik abgedruckt. Sie brauchten das Telefon nicht, um zu telefonieren, sondern höchstens um den Hörer abzunehmen, wenn jemand anrief. Heute hinterfragen die Zeitungen Meldungen und hacken nach. Die «Alternative» hätte heute keine Chance mehr. Über die sogenannt «sozialen Medien» können die Leute viel direkter miteinander kommunizieren. Unsere Zeitschrift hatte ihre gute Zeit, aber die ist vorbei.

Sie sind inzwischen pensioniert. Haben Sie sich auch von der Politik verabschiedet?

Ich bin seit 1. Dezember pensioniert. Das politische Geschehen verfolge ich aber nach wie vor intensiv, wie sich das gehört als Linker.

Der Dok-Film «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler wird ab Freitag, 26. April, im Cinema Leuzinger in Altdorf gezeigt. Er läuft von Freitag bis Sonntag jeweils um 17.45 Uhr.

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