Zeitzeuge: Fürs Holzen riskierte dieser Urner einst sein Leben

Bis Anfang der 1980er-Jahre wurde im Etzlibach Papierholz geflösst. Auch der heute 87-jährige Gustav Kieliger erinnert sich an viele Stunden am Bachbett, gespickt mit mehr als nur einer brenzligen Situation.

Christof Hirtler
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Gustav Kieliger scheute weder beim Bau des Rechens (Zweiter von rechts) .... (Bild: Filmteam Fredi M. Murer, 1973)

Gustav Kieliger scheute weder beim Bau des Rechens (Zweiter von rechts) .... (Bild: Filmteam Fredi M. Murer, 1973)

Der 1932 geborene Gustav Kieliger ist mit sieben Geschwistern auf dem Heimet Limi in Bristen aufgewachsen. Damals lebte die Familie als Selbstversorger vom Bauernbetrieb, von den Geissen und Kühen und den Allmendgärten, wo sie Kartoffeln und Gemüse anpflanzte. Am 1. September 1939 läuteten die Kirchenglocken. «Es war Krieg, Mobilmachung», erinnert sich Kieliger. Auch sein Vater war daraufhin wochenlang im Dienst, die Mutter musste mit den Kindern die Arbeit alleine bewältigen.

Im Winter gab es für die Landwirte eine einzige Verdienstmöglichkeit: das Holzen. Dabei arbeiteten vier bis fünf Bauern in Holzergruppen zusammen. Im Herbst zeichneten der Bannwart und der Förster die zu fällenden Bäume. Danach fand in Bristen in einem Restaurant die Holzsteigerung statt. Kieliger erinnert sich daran, wie sich die Holzergruppen häufig gegenseitig überboten, sodass sich die Arbeit kaum mehr lohnte. Doch immerhin gab es etwas Geld. Und Zeit hatte man im Winter genug.

... noch beim anschliessenden Rausziehen der Holzträmel aus dem Etzlibach (Bildmitte) nasse Füsse. (Bild: Filmteam Fredi M. Murer, 1973)

... noch beim anschliessenden Rausziehen der Holzträmel aus dem Etzlibach (Bildmitte) nasse Füsse. (Bild: Filmteam Fredi M. Murer, 1973)

Kieliger arbeitete vorwiegend mit seinen Brüdern in einer Holzergruppe. «Ich bezahlte das Holz und war verantwortlich für alles – von der Holzgewinnung bis zum Verkauf an die Papierfabrik und der Auszahlung der Löhne.» Im Herbst fällten sie die Bäume. Dazu stiegen sie in unwegsames, steiles Gelände im Lauchernwald oder im Etzliboden. «Schon der Weg dorthin war anstrengend», erzählt Keiliger. Gefällt wurden die Bäume mit Waldsägen, Motorsägen gab es zu jener Zeit noch keine. Nachdem die Bäume von Ästen befreit waren, reisteten die Brüder die Stämme zum Etzlibach. Dort wurde das Holz in metrige Trämel zersägt und war nun zum Flössen bereit. Wenn dann im Frühling mit der Schneeschmelze im Etzlibach der Wasserstand und die Strömung anstiegen, war es Zeit zum Flössen. Der Bach transportierte die meterlangen Holzträmel bis zum Rechen oberhalb des Dorfes. Dort zogen Kieliger und seine Brüder das Holz aus dem Bach und machten sie für den Abtransport zur Papierfabrik Perlen bereit.

Wenn Holzträmel steckenblieben, musste er auf volles Risiko gehen

Soweit die Theorie. In der Praxis gestaltete sich das Ganze weitaus beschwerlicher, wie aus den Schilderungen von Kieliger hervorgeht. Bereits der Bau des Rechens war harte Arbeit. Dafür wurden zwei rund 16 Meter lange Stämme im Abstand von anderthalb Metern quer über den Bach verankert und daran vertikal 60 bis 70 Holzlatten mit 200er-Nägeln befestigt. War der Rechen zusammengebaut, galt es, auf den idealen Tag zu warten. Erst wenn im Mai der Wasserstand im Etzlibach stieg, war auch die Strömung reissend genug, um das Holz zu transportieren. Beim Etzliboden stiessen Kieliger und seine Brüder die Trämel ins Wasser, um sie bis zu 4 Kilometer zum Rechen fliessen zu lassen. Die Holzergruppe lief währenddessen entlang des Flussbetts talwärts. In kurzer Zeit waren die Flösser durchnässt. «Das hat uns damals nichts ausgemacht», sagt Kieliger. «Die Folgen davon spürten wir erst Jahrzehnte später.»

Heute, mit 87 Jahren, bleibt Gustav Kieliger lieber im Trockenen. (Bild: Christof Hirtler, 10. Mai 2019)

Heute, mit 87 Jahren, bleibt Gustav Kieliger lieber im Trockenen. (Bild: Christof Hirtler, 10. Mai 2019)

Die Holzträmel glitten jedoch nicht immer reibungslos zum Rechen. Ab und zu blieben sie zwischen Steinen am Ufer stecken und mussten mit 4 Meter langen Flösserhaken weiterbewegt werden. Manchmal blieb das Holz auch unter dem Lawinenschnee stecken. Zwar hatte das Wasser einen Tunnel in den Lawinenkegel gefressen. War der Durchlass zu klein, sprengten die Stämme den Lawinenkegel und rissen Lawinenholz und Erlenbüsche mit. Sodass auf einmal viel Holz kam und der Rechen innert kurzer Zeit voll war. Einmal vermochte die Masse Holz sogar den Rechen zu zerstören, sodass die Trämel bis in den Urnersee geschwemmt wurden. Durch diese Erfahrungen war sich Kieliger den Risiken des Flössens bewusst. «Man musste immer vorsichtig sein, dass niemand ins Wasser fiel», betont Kieliger:

«Der Bach hätte dich mitgerissen, hätte dich getötet, so stark ist die Strömung. Schwimmen konnten wir nicht. Das hätte ohnehin auch nichts genützt.»

Die gefährlichste Stelle im Bachbett befindet sich unterhalb der Herrenlimi. Dort stürzt der Etzlibach in einer Schlucht über zwei Wasserfälle, eingezwängt zwischen hundert Meter hohen Felswänden. Der grosse Wasserfall ist über 40 Meter hoch. Wenn sich im darüber befindenden Becken die Trämel durch die Strömung im Kreis drehten und nicht mehr weiter kamen, mussten die Flösser die Stämme im Bachbett bewegen, bis sie vom stiebenden Bach in die Tiefe gerissen wurden. Blieben die Holzträmel weiter unten zwischen den Steinen stecken, musste man gar in die Schlucht absteigen. Auch Kieliger blühte dieser Abstieg mehrmals, wie er erzählt. «Ich habe dann an einer schweren Buche ein Seil festgemacht, mich rückwärts abgeseilt, die Trämel gelöst und mich anschliessend am Gletscherseil wieder hochgezogen.» War das Holz endlich beim Rechen angekommen und aus dem Wasser gezogen, musste es zuerst trocknen, danach wurden die von den Steinen zerschlagenen Enden abgesägt und das Holz bis zum Kohlplatz transportiert.

Beschäftigung für weniger als 4 Franken Stundenlohn

Das Fällen der Bäume mit Waldsägen, das Reisten und Vermetern, der Bau des Rechens und schliesslich das Flössen und der Abtransport: Der Aufwand, den die Holzergruppen betrieben, war riesig. Hat er sich denn wenigstens ausgezahlt? Kieliger winkt ab. Man hätte im Etzlital viel mehr Holz zeichnen müssen, sagt er. «Dann wäre unser Verdienst höher gewesen und die Arbeit hätte sich gelohnt.» Oft habe es nur noch ein Trinkgeld gegeben, der Verkaufspreis für einen Ster Holz nur wenig über dem Einstandspreis gelegen. 1973 habe er 38 Franken für einen solchen Raummeter Holz gezahlt, das Papierholz für 45 Franken verkaufen können. Der Stundenlohn lag also unter 4 Franken. «Das war dann nur noch Beschäftigung. Wir haben quasi gearbeitet, damit wir abends müde waren und was zu tun hatten.»

Von Frühling bis Herbst gab es für die Familie auf dem Bauernbetrieb mehr als genug Arbeit. Im Winter dann war Gustav Kieliger im Tessin, im Bündnerland oder im Kanton Glarus am Holzen – im Akkord. Nebenbei war er jahrelang Störmetzger. Manchmal arbeitete er im Winter auf dem Bau, eine Festanstellung hatte Kieliger jedoch nie. «Man musste fragen, wo es Arbeit gab. Kanntest du den Chef nicht persönlich, warst du chancenlos.» Als von 1947 bis 1949 die Hochspannungsleitung im Etzlital gebaut wurde, gab es Arbeit vor Ort. Dabei wurde das Kies für den Beton mit acht Seilbahnen bis unter die Mittelplatte geseilt. «Die 100 Kilogramm schweren Benzinmotoren für Seilwinden trugen zwei Personen auf Latten bis zu ihrem Einsatzort», erinnert sich Kieliger. Allen Anstrengungen zum Trotz ist der 87-Jährige, der heute bei seinem Sohn Gustav in Erstfeld lebt, im Sommer nach wie vor gerne im Heimet Limi in Bristen.

Hinweis: Weitere Infos über Waldarbeit von anno dazumal bietet die Ausstellung «Holz und Eisen» im Historischen Museum Uri in Altdorf noch bis am 30. Juni und vom 17. August bis 13. Oktober, jeweils mittwochs, samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr.