FUSSBALL-EM: Diesem Fan ist kein Weg zu weit

Markus Imhof reist bereits zum sechsten Mal an ein grosses Turnier. Mit dabei: meistens zwei seiner drei fussballverrückten Brüder – und Churchill.

Bruno Arnold
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Fussballfan Markus («Mäggi») Imhof packt den Koffer und freut sich schon auf spannende Spiele an der EM in Frankreich. (Bild Urs Hanhart)

Fussballfan Markus («Mäggi») Imhof packt den Koffer und freut sich schon auf spannende Spiele an der EM in Frankreich. (Bild Urs Hanhart)

Bruno Arnold

Der Koffer ist gepackt, der Rucksack steht bereit. Schweizer und Urner Fahne, Dress, Schal, Mütze, Tickets, Stadionführer: Es fehlt nichts! Heute Freitag fährt Markus («Mäggi») Imhof an die Fussball-EM in Frankreich. Zusammen mit seinen Brüdern Urs und Heinz wird er in Lille Quartier beziehen, um von dort aus zu den Spielen der Schweizer Nati in Lens (gegen Albanien) und nach Paris (gegen Rumänien) zu reisen. Die Partie gegen Frankreich wird er in Lille anschauen können, ebenso die Begegnung zwischen Deutschland («mein EM-Favorit») und der Ukraine.

Beim FC Altdorf angefangen

«Mäggi» Imhof stammt aus einer fussballverrückten Familie – «zumindest, was die männlichen Personen angeht», präzisiert er. «Meine Mutter und meine Schwester konnten mit Fussball nie etwas anfangen.» Dafür seien bei den fünf männlichen Imhofs vor dem Fernseher immer wieder die Fetzen geflogen, weil man nicht gleicher Meinung war ... Das Temperament und das Fussballfans eigene Gen dürften er und seine Brüder von Vater Josef eingeimpft bekommen haben. «Er hat zwar selber nie gespielt, ist aber auch mit seinen 91 Jahren noch ein eingefleischter Fussballfan.» Mit Ausnahme von Heinz haben alle Imhof-Brüder aktiv Fussball gespielt. «Mäggi», der Älteste des Quartetts, spielte bis zu den Inter-A2-Junioren beim FC Altdorf. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Bebbi begann ebenfalls in Altdorf. Er schoss seine Tore später als Stürmer des FC Ibach und des FC Brunnen in der 1. Liga und stand sogar eine Halbzeit lang für das Schweizer U-16-Nationalteam in einem Länderspiel gegen Malta im Einsatz. Urs glänzte als technisch versierter Libero des damaligen Zweitligisten FC Altdorf und spielte für einige Zeit bei den Reserven des NLA-Klubs Servette Genf.

Basel und die Champions League

«Mäggi» Imhof war aber auch abseits des Spielfelds für den FC Altdorf tätig. Er amtierte für eine kurze Zeit als Vizepräsident und ist noch heute Mitglied der Vereinigung Freunde des FC Altdorf. Apropos Gen: Wie sein Vater ist auch Markus Imhof seit Jahrzehnten ein grosser Fan des FC Basel. Immer wieder pilgert er in den St.-Jakob-Park, während mehrerer Saisons stand er zusammen mit einem Seedorfer Musikkollegen auch als Helfer im Stadionrestaurant des FC Basel im Einsatz, das während längerer Zeit von einer Exil-Urnerin geführt wurde. «Damals hat mich das Fieber so richtig gepackt», sagt er. «Die historischen Champions-League-Abende in Basel werde ich nie mehr vergessen», schwärmt er. Und wischt sich ein paar Tränen aus den Augen.

Albanien: Ein Sieg ist Pflicht

Mit im Gepäck für die EM hat Imhof auch Siegerzigarren der Marke Churchill Morning. «Die erste möchte ich am Samstag anzünden, nach dem Sieg gegen Albanien», sagt er. «Wenn die Schweiz eine Runde weiterkommen will, dann ist ein Sieg gegen Albanien Pflicht», betont der 63-jährige Flüeler. «Die Albaner stehen hinten nicht so gut», gerät er ins Fachsimpeln. «Da müssen einfach Schweizer Tore her.» An der Motivation werde es gegen die vielen in der Schweiz aufgewachsenen oder zumindest Super-League-erfahrenen Spieler wie Gashi, Kukeli, Ajeti, Aliji, Abrashi, Basha, Lenjani, Sadiku, Taulant Xhaka und Co. sicher nicht fehlen. Mit dieser Aufzählung aus dem Effeff gibt der Finanzfachmann und heutige «Kollegi»-Verwalter zu verstehen, dass er nicht nur ein Fussballfan ist, sondern auch ein Kenner der Materie. Doch Imhof warnt gleichzeitig: «Gashi, Lenjani oder Sadiku sind Knipser. Wenn denen ein Tor gelingt, dann wirds ganz schwierig.» Natürlich hat er im Vorfeld seines EM-Abstechers nicht nur die Albaner genau studiert. «Die Rumänien haben in jüngster Zeit kaum einmal ein Gegentor kassiert», zollt er den Osteuropäern viel Respekt. Und Frankreich zähle als Gastgeber zu den grössten Favoriten auf den EM-Titel. «Die Schweizer haben am ehesten eine Chance, wenn es für ‹Les Bleus› im dritten Gruppenspiel um nichts mehr geht.»

Kurzfristig an die WM in Italien

Angefangen hat alles eigentlich 1990. Markus Imhof reiste damals zusammen mit seinem Bruder Heinz kurz entschlos­sen ans WM-Spiel Belgien - Südkorea in Verona und gleich anschliessend wieder nach Hause zurück. «Der Gedanke, mehrere Spiele eines grossen Turniers zu verfolgen, liess uns danach nicht mehr los.» In die Tat umgesetzt wurde das Vorhaben aber erst an der EM 2004 in Portugal. Es folgten die WM 2006 in Deutschland («Damals war auch noch Bruder Bebbi mit dabei»), die EM 2008 in der Schweiz und Österreich, die WM 2010 in Südafrika und die WM 2014 in Brasilien. Mit den Brüdern unterwegs sein, etwas von der Welt sehen, andere Länder, Sitten und Kulturen kennen lernen, spannende Spiele geniessen: Das seien die Hauptziele der Reisen, wobei der Fussball natürlich klar im Mittelpunkt stehe. «Nach Südafrika oder Brasilien wäre ich sonst vermutlich kaum je gereist.»

«An EM- und WM-Spielen herrscht eine völlig andere Fankultur als beim Klubfussball in der Schweiz», hat Imhof festgestellt. Er nennt ein Beispiel, das ihm speziell unter die Haut gegangen ist: «In Südafrika sind wir Schweizer zusammen mit etwa ebenso vielen Fans unseres Gegners Chile im gleichen Bus zum Stadion gefahren, haben abwechslungsweise Lieder gesungen, einander zugeprostet, uns mit Worten, aber auch mit Händen und Füssen zu verständigen versucht. Diese Stimmung werde ich nie mehr vergessen.» Oder: «In Portugal haben wir kurz vor Spielbeginn für nur 100 Euro noch drei Billette für die Partie Schweden - Bulgarien erworben. Die Tickets wurden am Eingang anstandslos entwertet, aber die nummerierten Sektoren waren einfach nicht zu finden.» Der Grund: Der «Händler» hatte das Brüdertrio mit Tickets für eine Partie in einem anderen Stadion übers Ohr gehauen ... Aber offenbar hatte man mit den Imhofs Mitleid. Sie durften den Match schliesslich von drei der besten nicht besetzten VIP-Plätze aus verfolgen.

Keine Angst, aber Respekt

Und wie hat es Imhof mit der Angst vor Anschlägen in Frankreich? «Es kann immer etwas passieren. Angst habe ich nicht, aber ein gewisser Respekt ist sicher da, ab und zu auch ein mulmiges Gefühl wie etwa damals in São Paulo», sagt Imhof. «Wenn man im falschen Moment am falschen Ort ist, dann ist das einfach Schicksal.» Allzu viel Zeit an solche Gedanken wolle er aber gar nicht erst verschwenden. «Ich freue mich jetzt einfach auf interessante Begegnungen mit Leuten aus unterschiedlichsten Ländern», sagt er. «Und darauf, dass ich möglichst viele ‹Churchill Morning› geniessen kann ...»

Der heisse Redaktionstipp für das Spiel Schweiz – Albanien.

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