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GESCHICHTE: Guisan und die Urner Bauern

Am 25. Juli jährt sich der Rütlirapport zum 75. Mal. 1940 war aber auch für die Urner Landwirtschaft ein geschichtsträchtiges Jahr – allerdings im negativen Sinn.
General Guisan stattete am 7. September 1945 der Urner Regierung seinen Abschiedsbesuch ab. (Bild Richard Aschwanden)

General Guisan stattete am 7. September 1945 der Urner Regierung seinen Abschiedsbesuch ab. (Bild Richard Aschwanden)

Das Jahr 1940 war für die Schweiz, auch wenn sie durch die kriegerischen Handlungen nicht direkt betroffen wurde, ein schicksalhaftes Jahr. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 hatte viele drastische Veränderungen gebracht. Die wehrfähigen Männer der Schweizer Bevölkerung mussten in den Militärdienst eintreten, und viele Frauen waren plötzlich auf sich allein gestellt. Auch die Urner Bevölkerung spürte die Folgen des Krieges. So wurden beispielsweise die auf den 19. Mai 1940 angesetzten Landratswahlen vom Regierungsrat verschoben. Kurz darauf, am 27. Mai, bot man alle Schüler ab der vierten Primarklasse zum Heuen auf, da die Soldaten dafür keinen Urlaub erhielten. Ein Beschluss des Regierungsrats verbot viele Tanzveranstaltungen, nur noch der Kilbitanz am Montag fand statt. Im Folgenden wird der Fokus auf zwei wichtige Ereignisse im ersten Kriegsjahr gelegt, auf den Rütlirapport und auf die Vernebelungskatastrophe.

Im Sommer 1939 war die Kriegsgefahr enorm angestiegen, und am 30. August wählte das eidgenössische Parlament Henri Guisan zum General. Schon einen Tag später schritt der Bundesrat zur Generalmobilmachung.

Guisan-Rede ohne Manuskript

Mitte Juni 1940 veränderte sich die Situation für die Schweiz schlagartig: Frankreich kapitulierte. Somit war das kleine Land in der Mitte Europas vollständig von den Achsenmächten umschlossen und geriet dadurch unter starken politischen, wirtschaftlichen und militärischen Druck. Dies verunsicherte und entmutigte die Schweizer Bevölkerung zusehends. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz hielt daraufhin eine anpasserische, zumindest zweideutige Ansprache im Radio. General Henri Guisan reagierte auf seine Weise und versammelte am 25. Juli 1940 seine Truppenführer auf der traditionsreichen Rütliwiese zu einem Rapport. Dieser Anlass war streng geheim, da man sich vor einem Anschlag der deutschen Armee fürchtete. Auf dem Dampfschiff Stadt Luzern fuhr die gesamte Armeeführung, unter dem Begleitschutz eines mit Maschinengewehren bewaffneten Boots und von zwei bis drei Jagdflugzeugen von Luzern zum Rütli. Die Teilnehmer des Rütlirapports stellten sich an diesem geschichtsträchtigen Ort mit Blick auf die Berge und auf den Urnersee im Halbkreis auf, flankiert von einer Ehrenwache, bestehend aus vier Wehrmännern und der Fahne des Urner Bataillons 87. Guisan hielt seine gut dreissigminütige Ansprache ohne Manuskript. Er versuchte, den Versammelten den Grundgedanken des Reduitplans näherzubringen, und zeigte auf, wie die Armee sich mehr auf den Alpenraum konzentrieren sollte. Gleichzeitig rief er zum Widerstand und zur Unabhängigkeit auf.

Historischer Wendepunkt

Bernard Barbey, Chef des persönlichen Stabs von General Guisan, beschreibt in seinem Tagebuch den Ablauf des Rütlirapports. Er hat auch einen Teil der Rede des Generals festgehalten. Guisan soll folgende Worte an die versammelten Männer gerichtet haben: «Ich habe Wert darauf gelegt, euch an diesem historischen Ort auf dem für unsere Unabhängigkeit symbolischen Boden zu versammeln, um euch über die Lage zu orientieren und mit euch von Soldat zu Soldat zu reden. Wir befinden uns an einem Wendepunkt unserer Geschichte. Es geht um die Existenz der Schweiz (...). Indem wir klar in die Zukunft blicken, werden wir die immer gegenwärtigen Schwierigkeiten meistern, die schon der Bund von 1291 die Arglist der Zeit nannte.» Guisans ausdrucksstarke Rede war von grossem symbolischem Wert in der von Unsicherheit geprägten Zeit. Auch 75 Jahre nach dem Rütlirapport gilt dieser noch immer als Akt der nationalen Selbstbehauptung und des Zusammenhalts. Es muss praktisch von einem historischen Wendepunkt gesprochen werden. Von diesem Augenblick an rückte die Schweiz zusammen und versuchte, jedem Angreifer zu trotzen.

Vernebelung trifft Uri schwer

Die Schweizer Armee verfügte nach den 1920er-Jahren über ein geheimes Chemiewaffenprogramm. Als Bestandteil desselben unternahm man 1924 erste Tests mit Rauchpatronen. Im Sommer und Herbst 1940 schliesslich führte das Militär an verschiedenen Orten, vor allem aber in den Kantonen Uri und Schwyz, Versuche mit den künstlichen Vernebelungen durch. Ziel dieser Nebelwaffe war es, dem Gegner die Sicht zu nehmen und ihn dadurch zu beunruhigen. Die Rauchpetarden hatten katastrophale Auswirkungen auf die Urner Bevölkerung, und das Ereignis ging als Vernebelungskatastrophe in die Geschichte ein. Im Kanton Uri wurden 12 Tonnen dieser Nebelwaffen verschossen. Kurz nach den Versuchen traten dort, wo geweidet wurde, oder auch nach der Fütterung mit vergiftetem Heu erste Erkrankungen von Rindern und Kühen auf. Schafe, Pferde oder Ziegen erkrankten nicht an der Viehseuche. Die betroffenen Tiere wiesen verschiedene Symptome auf: Geschwüre an der Zunge und in der Maulhöhle, Tränenfluss und hängende Ohren. Sie magerten darauf sehr schnell ab, und die Produktion der Milch ging abrupt zurück. Vor allem die Kälber litten und starben nach der Aufnahme der verseuchten Milch innert weniger Tage. Stark betroffen von den Vernebelungsübungen waren das Isental, der Urnerboden, das Brunnital, das Schächental, das Reusstal und Seelisberg.

Umpflügen empfohlen

Die Armee setzte Rauchkörper ein, die aus einer Chlornaphtalin-Verbindung bestanden. Man stellte fest, dass der Stoff auf der Bodenoberfläche liegen blieb, weil er im Wasser unlöslich war. Eine Entgiftung mit chemischen Methoden erwies sich als schwierig. Um das Gift bis zu einem gewissen Grad unschädlich zu machen, wurde das Umpflügen empfohlen. Diverse Untersuchungen zeigten eindeutig, dass die Kühe wirklich an den Folgen der Vernebelungsübungen gestorben waren. Schliesslich entschied das Militärdepartement am 21. März 1941, die betroffenen Bauern zu entschädigen. Hierfür wurde eine Vernebelungskommission ins Leben gerufen, die aus Kantonstierarzt Anton Stocker, Regierungsrat Franz Furrer, Landrat Alois Müller und zwei Vertretern des Bundes, Ernst Moser und Oberst Hans Heusser, zusammengesetzt war. Das kranke Vieh musste zu einem Sammelplatz gebracht und dort zur Bewertung vorgeführt werden. Danach transportierte man die Tiere mit der Eisenbahn zum Armeeschlachthof. Total starben fast 14 000 Stück Vieh. Der Schaden belief sich auf über 7 Millionen Franken.

Bis zu dreimal notschlachten

Der Verlust der Tiere brachte viel Leid und Not in die Urner Bauernfamilien. Das Gift hielt sich hartnäckig, was dazu führte, dass auch nach den folgenden Heuernten Krankheitsfälle auftraten. Einige Urner Bauern mussten ihren gesamten Viehbestand bis zu drei Mal notschlachten. Nach der Vernebelungskatastrophe wurde die Anbaugenossenschaft Wilhelm Tell gegründet. Es kam ein Kapital von fast 1 Million Franken zusammen, und die Genossenschaft konnte 1942 mit ihrer Tätigkeit beginnen. Sie setzte sich zum Ziel, die Vernebelungsschäden zu beheben, wofür ungefähr 300 Hektaren verseuchtes Land entgiftet werden mussten. Zusätzlich steigerte man im Rahmen der Anbauschlacht, die vom Bundesrat bereits im November 1940 beschlossen worden war, durch den Mehranbau die Lebensmittelproduktion, sodass die Nahrungsmittelversorgung auch während des Kriegs gesichert sein sollte.

Die Urner Bauernfamilien hatten noch lange an den Auswirkungen der Testversuche mit den Nebelpatronen zu leiden. Sogar 1945 starben noch fünf Stück Vieh an den Rückständen des chlorhaltigen Gifts im Futter. Im selben Jahr wurde die Anbaugenossenschaft Wilhelm Tell aufgelöst. Zu Gunsten öffentlicher Unternehmen verzichtete der Bund auf die Rückzahlung des Genossenschaftskapitals. Der Kanton Uri setzte dieses Kapital zur Gründung der Bergbäuerinnenschule Gurtnellen ein, die bis 1996 als Bergheimatschule Gurtnellen bestand und voraussichtlich 2016 ihre Tore wieder öffnen wird.

Hinweis

Der Artikel wurde unserer Zeitung vom Staats­archiv Uri zur Publikation zur Verfügung gestellt. Autorin Carla Arnold arbeitet dort als wissenschaftliche Archivarin.

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