GESCHICHTE: Schuhnägel-Abdrücke verfolgen ihn

Linus B. Fetz war 6?-jährig, als sein Vater zerschunden, verprügelt und verletzt nach Zürich gebracht wurde, verjagt aus Andermatt. Ein Blick zurück ins Jahr 1946.

Erich Herger
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Gesammelt und abgelegt, aber was im Februar 1946 geschah, beschäftigt ihn bis heute: Linus B. Fetz in seiner Wohnstube in Niederlenz. (Bild Erich Herger)

Gesammelt und abgelegt, aber was im Februar 1946 geschah, beschäftigt ihn bis heute: Linus B. Fetz in seiner Wohnstube in Niederlenz. (Bild Erich Herger)

Ich sitze in der Stube seines Hauses in Niederlenz – bei Kaffee und Gipfeli. Linus B. Fetz freut sich über den Besuch aus dem Urnerland. Unterlagen und Bücher liegen auf dem Tisch, Ordner, Fotos, Zeitungsausschnitte, Pläne, Dokumente, Karten, Niederschriften seines Vaters. Als «Sohn vom Fetz» vergesse er nie, in welchem Zustand sein Vater damals nach Hause gebracht worden sei. 2009 schrieb Hans Danioth im Historischen Neujahrsblatt über das «Grossprojekt im Spiegel der Zeit» zur Frage «Der 19. Februar 1946 – Krawall oder Volksaufstand?» Die «Neue Urner Zeitung» publizierte im Februar 2011 zu den Ereignissen vor 65 Jahren einen Beitrag über Andermatts Kampf gegen den Stausee. Und der «Tages-Anzeiger» schrieb im Juni des gleichen Jahres: «Mehr Wasserkraft statt AKW», propagiert Bundesrätin Leuthard. Dazu braucht es einen neuen, grossen Stausee. Solche Projekte können allerdings dramatisch enden – wie das Jahrhundertwerk am Gotthard.» 2012 titelte die «Aargauer Zeitung»: «Drama eines Ingenieurs an der Teufelsbrücke». Der Sohn des Ingenieurs Fetz hatte sich 66 Jahre nach den geschichtsträchtigen Ereignissen mit Ludwig Regli, einem Beteiligten, getroffen. Und an dieser Stelle gehört nun ihm allein, Linus B. Fetz, dem pensionierten ETH-Bauingenieur, die Aufmerksamkeit. Er schildert seine Erinnerungen an die Folgen des Geschehens am 19. Februar vor 70 Jahren.

Urschnerinnen und Urschner waren in Aufruhr. «De Fetz isch da! De Fetz isch da!» So tönte es an jenem Abend im Dorf. Karl J. Fetz, damals 38-jährig, logierte in der «Sonne» in Andermatt, als er um etwa 20 Uhr von einer aufgebrachten Menge aufgefordert wurde, sofort das Tal zu verlassen. Er wolle keinen Aufruhr machen und am nächsten Morgen mit dem ersten Zug abreisen, versuchte er zu reagieren.

Erfahrungen im Orient gesammelt

Karl J. Fetz hatte an der ETH Zürich studiert. Als junger Kulturingenieur ging er ins Ausland. Er wurde Ingenieur d’Etat de France en Syrie, Liban et des Alou­ites. Seine Aufgabe war, im Auftrag von Frankreich die überlebenden Armenier in Aleppo, Hama und Homs anzusiedeln und als Kulturingenieur vor allem für die Wasserversorgung und Kanalisation zu sorgen. «Mein Vater liebte herausfordernde Aufgaben und suchte einvernehmliche Lösungen. Er liess sich auch nicht so schnell einschüchtern. Als er einmal bei Haile Selassie in Äthiopien eingeladen war, weigerte er sich als Einziger der Delegation, ‹am Tisch eines Despoten zu speisen›. Er zog es vor, bei den Fellachen draussen sein Mahl einzunehmen.» Karl J. Fetz sprach Arabisch.

Als er zurück in die Schweiz kam, arbeitete er für den Bund. Er war Chef des Büros für Landerwerb. Danach machte er sich selbstständig. Als Spezialist für Landerwerb und Wasserbau kam er zum Auftrag, für die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) im Urserntal Land zu erwerben. Geplant war das grösste Wasserkraftwerk der Alpen, dreimal so gross wie Grande Dixence. Mit reichlich Handgeld versehen, sollte er die Urschnerinnen und Urschner überzeugen, zu verkaufen. Karl J. Fetz zog den Zorn der Einheimischen auf sich, ohne durch sein Verhalten besonderen Anlass geboten zu haben.

Den 20. Februar in Erinnerung

Sie warteten in Andermatt keine Sekunde länger. Rund 250 Einheimische trieben und prügelten den Unterländer und «Agenten» der CKW am 19. Februar 1946 nachts johlend und jauchzend auf der Strecke der Schöllenenbahn nach Göschenen hinunter, durch die finsteren Tunnels. Die Strasse war zugeschneit. Die Polizei war unterwegs, das Militär kam zu spät. Ein Polizist habe in die Luft geschossen, glaubte Karl J. Fetz gehört zu haben, der damit vielleicht noch Schlimmeres verhinderte. Oder war es die Mahnung des Andermatter Gemeindepräsidenten, dass es nicht dazu kam, was hinterherschallte: «Werft ihn von der Teufelsbrücke!» Karl J. Fetz war nicht der Verantwortliche, aber das Opfer. Man schlug den Sack und meinte den Esel. Krawall oder Volksaufstand? «Ich habe den 20. Februar 1946 in Erin­nerung, als mein Vater, begleitet von einem Urner Polizisten, in einem blauen VW-Käfer nach Haus gebracht wurde. Wir wohnten in Zürich. Er war schaurig traktiert, konnte kaum sitzen und litt unglaubliche Schmerzen. Er stöhnte nur. Der Zustand meines Vaters war erbärmlich», sagt Linus B. Fetz. Unvergesslich haben sich dem damals 6?-jährigen Kind die Abdrücke der Schuhnägel auf dem Rücken seines Vaters eingeprägt. «Sie sind mit den ‹Trigüüni›-Schuhen auf ihm herumgetrampelt. Das geht mir heute noch nach.» Die Diagnose gemäss Arztbericht an die Bezirksanwaltschaft Zürich liest sich wie folgt: viele Quetsch- und Risswunden am Kopf, im Bereich des Brustbeins, an Ober- und Unterschenkel, Strangulationsspuren am Hals, Querfissur des Kreuzbeins, Rippenbruch mit Brustfellkomplikationen, Gehirnerschütterung und Labyrinthstörung infolge der Schläge auf den Kopf. Karl. J. Fetz war 95 Tage arbeitsunfähig.

Mutter mit Nervenzusammenbruch

Frau Fetz erlitt einen Nervenzusammenbruch und einen Herzanfall. Sie musste für längere Zeit ins Spital eingeliefert werden. Sohn Linus wurde zu seinen Grosseltern nach Chur gebracht, wo er auch die Schule besuchte. «Der Krawall in Andermatt hat mich geprägt. Die Angst, dass meine Mutter sterben würde, belastete mich sehr. Auch später, als ich wieder bei meinen Eltern war, blieb die Angst, sie könnte eines Tages plötzlich tot sein, denn ihre Herzbeschwerden hörten nicht mehr auf. Meine Mutter hat sehr gelitten. Sie war durch dieses Erlebnis sehr ängstlich geworden.»

Eine traurige Rolle habe die «Urner Sancta Ecclesia» gespielt. Linus B. Fetz meint damit den damaligen Pfarrer von Andermatt und das Priesterkapitel Uri. Die Jungmannschaft sei vom Pfarrer aufgehetzt worden, und das Priesterkapitel Uri habe dem Rechtsanwalt seines Vaters einen infamen Brief geschrieben. Es beschuldigte ihn, als Katholik die Sache gegen das Urschner Volk zu vertreten. Denn: «Das Problem ‹Stausee Urseren› bildet in unseren Augen nicht bloss eine wirtschaftliche, sondern eine die geistigen und kirchlichen Belange unseres Urnerlandes ungemein ausschlaggebende Angelegenheit, die ganz im Pflichtbereich unserer Hirtenseelsorge liegt», heisst es in diesem Brief.

Die einäugige Urner Justitia

Schlimmer als die Prügel empfand Karl J. Fetz, wie sich sein Sohn erinnert, die Verurteilung durch die Urner Justiz wegen falscher Anschuldigung. Denn er hatte sich zusammen mit Architekt Friedrich Ramseyer erlaubt, Regierungsrat und Ständerat Ludwig Danioth und den Präsidenten der Korporation Ursern, Alfred Regli, moralisch in die Verantwortung einzubinden und wegen Anstiftung in die Untersuchung miteinzubeziehen. Die Urner Politprominenz aber wurde in Uri von Schuld und Strafe freigesprochen. «Sie sprach von Notwehr und sah im Opfer auch den Mittäter. Das war für meinen Vater obendrein eine unglaubliche Beleidigung. Alle gegen einen.» Die «Tat», damals eine sozial-liberale Zeitung, titelte am 1. Mai 1948: «Das Schandurteil von Andermatt». Das Verdikt des Gerichts sei «eine eigentliche Gemeinheit». Die NZZ wunderte sich über die Samthandschuhe der Urner Gerichte. In Uri rügte die «Gotthardpost» das «Urner Wochenblatt», die Ereignisse schöngefärbt zu haben. Der «Nebelspalter» publizierte eine einäugige Urner Justitia.

Nichtwahl als Genugtuung

Linus B. Fetz bemerkt dazu: «Zu demonstrieren, das wäre durchaus gesetzeskonform gewesen. Die Schläge und Tritte hat mein Vater auch irgendwie verarbeiten können. Vor allem dem Verhalten der Jungen gegenüber, die aufgewiegelt worden seien, konnte er ein gewisses Verständnis abringen. Aber die Gerichtsprozesse hat er nie verdaut.» Karl J. Fetz zog das Urteil ans Bundesgericht weiter. Es wies das Urteil zurück. Die Urner Justiz musste ihn freisprechen und ihm eine Entschädigung ausrichten. «Und eine grosse Genugtuung für ihn war, dass Gustav Muheim, der damals in Uri vor Gericht gegen meinen Vater plädiert hatte, nicht Bundesrichter geworden ist.»

Sein Vater sei ein Stehaufmännchen gewesen. «Er war ein Bündner Steinbock und hatte zum Glück eine robuste Natur. Es war zwar schwierig für ihn, danach im Beruf wieder Fuss zu fassen.» Karl J. Fetz erhielt schliesslich den Auftrag, das Wasserkraftwerk Chapfensee-Plons in Mels zu bauen. Das war 1947/48. Später wurde er Ingenieur des Elektrizitätswerks des Bezirks Schwyz mit der Herausforderung, die Wasserkraft der Muota im «Eigäwärch» zu nutzen.

1951: Was wollen Andermatter?

Eine Erinnerung ist für Linus B. Fetz bis heute allerdings ungeklärt. Es war nach dem Lawinenwinter 1951. Innert drei Tagen gingen in der Schweiz über 1000 Lawinen nieder, die 75 Todesopfer forderten. Heimgesucht wurde auch Andermatt, wo drei Grosslawinen Tod und Verwüstung brachten. Linus B. Fetz erzählt: «Mein Vater kam betrübt, auch irgendwie verwirrt nach Hause und sagte: Der Gemeinderat Andermatt in corpore habe ihm in Zürich einen Besuch abgestattet und nachgefragt, ob man das Stauseeprojekt nicht wieder aufgreifen könne, um das Dorf aus der Gefahrenzone zu verlegen. Doch damals gab es bereits Pläne für einen Stausee in der Göscheneralp.»

Karl J. Fetz war später ab und zu wieder im Urserntal zu Besuch. «Er hatte keine Ressentiments gegen die Schläger. Doch eine Entschuldigung blieb aus», sagt Sohn Linus B. Fetz. «Groll hegte er allein gegen die Urner Gerichte.» Karl J. Fetz starb 74-jährig.
 

Erich Herger

 

Linus B. Fetz

Zur Person ehg. Linus B. Fetz, Bauingenieur, war Assistent am Institut für Grund- und Wasserbau der ETH Zürich, kam in die Zementforschung und leitete im Kanton Aargau das Forschungslabor der Vereinigten Schweizerischen Zementindustrie. Schliesslich arbeitete er im Unternehmen von Stephan Schmidheiny, das weltweit eine Pionierrolle im Ausstieg aus der Produktion asbesthaltiger Baustoffe (Eternit) spielte. Linus B. Fetz war verantwortlich für die Kommunikation und Mitglied des Teams für Recht, Wissenschaft und Umwelt. Er war Präsident der Sektion Aargau des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) und gab im Gesamtverein den Anstoss für nachhaltiges Bauen, und er war Präsident der Freunde des Aargauischen Kunsthauses.

Eine Postkarte aus den 1940er-Jahren zeigt, wie Neu-Andermatt nach dem Stauseebau ausgesehen hätte. (Bild Staatsarchiv Uri)

Eine Postkarte aus den 1940er-Jahren zeigt, wie Neu-Andermatt nach dem Stauseebau ausgesehen hätte. (Bild Staatsarchiv Uri)