GESCHICHTE: Urner Pfarrer hinterlässt wertvolle Filme

Otto Rutz war vor rund 50 Jahren als katholischer Priester in Schattdorf und Bristen tätig. Mit seiner dazumal hochmodernen Filmkamera dokumentierte er Anlässe. Die Qualität der Aufnahmen ist bemerkenswert.

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Die Passion von Otto Rutz war das Filmen: Einheimische bei einer Schneeball-Schlacht auf dem Klausenpass 1959 (oben links). Zudem filmte er als Präses der Pfadi Schattdorf den Alltag im Pfadilager in den Jahren 1959  und 1960. (Bilder: Videostill)

Die Passion von Otto Rutz war das Filmen: Einheimische bei einer Schneeball-Schlacht auf dem Klausenpass 1959 (oben links). Zudem filmte er als Präses der Pfadi Schattdorf den Alltag im Pfadilager in den Jahren 1959 und 1960. (Bilder: Videostill)

Salome Infanger

salome.infanger@urnerzeitung.ch

Er war eine ungewöhnliche Gestalt im Schattdorf der 1950er-Jahre: Weisse Hosen, ein weisser Pullover und dazu eine weisse Schirmmütze. Der ehemalige Urner Landammann Ambros Gisler erinnert sich genau: «In einem Restaurant fragte ihn einmal ein Malermeister, ob er Arbeit suche. Als er entgegnete, er sei ein katholischer Geistlicher, entschuldigte sich der Maler in aller Form.» Gisler spricht über Otto Rutz. Von 1954 bis 1963 war er in Schattdorf als Pfarrhelfer tätig. Dort lernte ihn Gisler über die Pfadi kennen und schätzen.

Dass man heute noch von Otto Rutz spricht, ist seinem Vermächtnis zu verdanken. Nach seinem Tod 2013 hat er wertvolle Zeitdokumente hinterlassen: 16-Millimeter-Farbfilme, die den Kanton Uri in den 1950ern bis Anfang 1970er-Jahre zeigen. Ambros Gisler war es, der die Filme aus einer Mulde im bündnerischen Samnaun retten konnte.

Kino und Disco für die Pfadfinder

«Otto Rutz hat sehr viel Herzblut in die Pfadi gesteckt und alles mitgemacht», erzählt Gisler. Er sei zum einen ein ernsthafter Erzieher gewesen, zum anderen aber auch ein unkonventioneller Typ. Was die Jugendlichen super fanden: Der kettenrauchende Katzenliebhaber kaufte sich jede Schallplatten-Single, die neu herauskam. Beim wöchentlichen Pfadi-Hock wurden jeweils Wunschkonzerte in voller Lautstärke veranstaltet. Die Schlager «Ganz Paris träumt von der Liebe» oder «Komm ein bisschen mit nach Italien» der Sängerin Caterina Valente liessen die Schattdorfer Pfadi-Buben von der Welt träumen.

Der Pfarrhelfer nahm auch Hörspiele auf Tonband auf oder mietete Filme und spielte sie mit seinem Kodak-Filmprojektor den Jugendlichen ab. «Durch Rutz hatten meine Kameraden und ich Zugang zu Medien, die wir uns nicht hätten leisten können», sagt Gisler. Rutz war überall dabei und wurde auch überall geschätzt. Jeder Verein habe gewusst, dass er auf die Unterstützung des Pfarrhelfers zählen konnte.

Die braune Ledertasche, die zum Schutz seiner Eumig-Filmkamera diente, musste auf Ausflügen immer ein Pfadfinder tragen. Seinem Hobby ging er überall nach. Und für Rutz war nur das Modernste gut genug. «8-Millimeter-Filme waren das Übliche», erklärt Gisler. Rutz wollte jedoch eine 16-Millimeter-Kamera mit Farbfilmen und einen entsprechenden Projektor haben. Eine kostspielige Angelegenheit.

Mit dem ehemaligen Altdorfer Fotogeschäft Aschwanden arbeitete Rutz einen langfristigen Finanzierungsplan aus. Denn allein die Eumig-Filmkamera kostete Ende der 1950er-Jahre um die 1000 Franken, etwa doppelt so viel wie Rutz’ Monatslohn. Die Filmrolle dazu, mit der man 3 Minuten und 40 Sekunden filmen konnte, kostete 52 Franken.

«Rutz hat an anderen Orten gespart, damit er mit seinen Hobbys den Leuten eine Freude machen konnte», so Gisler. So verzichtete er auf eine Pfarrköchin. «Das war ihm sowieso lieber. So konnte er zu Hause tun, was er wollte, essen, wann er Hunger hatte, und seine Musik zu jeder Tages- und Nachtzeit abspielen.» Die Frauen vom Dorf hätten ihm oft etwas zu essen vorbeigebracht.

Filme zeigen das Leben in Uri

Heute sind die Filme von Rutz auf DVD gebrannt. Gisler spielt ein paar Ausschnitte ab. Pfadi-Buben rennen im Freien herum und kämpfen gegeneinander: das Pfadilager im Jahr 1960. Auch die Reise der Marianischen Jungfrauenkongregation Schattdorf – eine damalige kirchliche Vereinigung für ledige Frauen – im Jahr 1959 hat er festgehalten. Die Bilder sind farbig und die Qualität überraschend. An der diesjährigen Don-Bosco-Feier der Pfadi Schattdorf überraschte Gisler die ehemaligen Pfadfinder mit den alten Filmen. «Die Anwesenden waren sehr erfreut darüber, solch seltene Aufnahmen aus ihrer Jugend zu sehen», beschreibt er. Gisler, mit Pfadinamen Brosy, war selber lange Zeit in der Pfadi aktiv. 18 Sommerlager hat er besucht, war Abteilungsleiter der Pfadi Don Bosco, von 1963 bis 1966 im Kantonalverband Kantonalfeldmeister und von 1967 bis 1973 Kantonalpräsident.

Rutz filmte aber auch verschiedenste Urner Anlässe wie den Schattdorfer Fasnachtsumzug im Jahr 1959 und das kantonale Schwingfest 1960, Kirchenfeste wie Firmungen und Hochzeiten oder das Leben der Älpler. Auf den Filmen ist auch Rutz selber zu sehen. Und von seiner Zeit in Bristen, wo er von 1963 bis 1972 Pfarrer war, sind 43 Minuten Film gerettet worden. Zu sehen ist etwa, wie bei einem Hausbau bereits Kinder mithelfen oder wie die Bristner Dorfmusik ein Platzkonzert spielt – mit einer Mitgliederzahl, die heute nicht mehr vorstellbar wäre. Ein Höhepunkt der Filme ist die Bristner Katzenmusik, bei der das ganze Dorf auf den Beinen war.

Zur Freude von Ambros Gisler und seiner Frau Margrith konnten auch vier Minuten Film ihrer eigenen Hochzeit im Jahr 1963 erhalten bleiben. Das Ehepaar unternahm viel mit dem Hobbyregisseur, und als dieser im Jahr 1974 seinen Arbeitsort wechselte und nach Samnaun zog, besuchten sie ihn jedes Jahr. «Rutz’ Bruder lebte im Bündnerland, und meine Frau und ich landeten so bei einem Ausflug nach Graubünden mit Otto Rutz in Samnaun», erzählt Gisler «Er war vorher noch nie dort, aber offensichtlich hat es ihm gefallen.»

Blechspulen aus der Abfallmulde gerettet

Im Jahr 2010 wurde in Samnaun das Pfarrhaus umgebaut und saniert, in dem Rutz lange Zeit gewohnt hatte, bevor er wohlversorgt ins Seniorencenter kam. Weil keine Verwandten mehr lebten, kümmerte man sich eher wenig um Rutz’ Hinterlassenschaften. Durch einen Freund in Samnaun erfuhr Gisler, wie es um die Habseligkeiten von Otto Rutz stand. «Mir wurde bewusst, dass es da vielleicht noch wertvolle Zeitdokumente gab, die nicht verloren gehen dürfen», sagt Gisler und vermutet: «Dutzende Schallplatten und VHS-Kassetten sind wohl verloren gegangen.» Der Freund in Samnaun konnte einen Teil der Blechspulen aus der Mulde retten.

Die geretteten Filmrollen hat Gisler zusammen mit Vreni Aschwanden, der ehemaligen Besitzerin des Fotogeschäfts Aschwanden und Altpfaderin, im Staatsarchiv durchgearbeitet. «Mehrere Nachmittage lang haben wir das Material durchgeschaut und gemerkt, dass viele Sequenzen nicht mehr brauchbar waren, da sie verschmutzt oder beschädigt waren», sagt Gisler. Das gesäuberte Material wurde von einer Spezialfirma digitalisiert. Als Bevollmächtigter von Otto Rutz hat Gisler die Filme dem Urner Staatsarchiv übergeben. «Rutz war mehr als nur ein Pfarrhelfer oder Pfarrer», sagt Gisler. «Er war überdurchschnittlich engagiert für die Gemeinde, und viele Schattdorfer und Bristner dankten ihm das mit Besuchen bis ins hohe Alter.» Und so wird in Bristen heute noch jedes Jahr eine kirchliche Jahrzeit für ihn abgehalten.