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GÖSCHENEN: Das Tunneldorf hat Ambitionen

Für das Dorf bleibt die Anbindung an die Gotthard-Bergstrecke zentral, um sich auch touristisch zu positionieren. Mithelfen soll aber auch ein Dorfrundgang.
Gerhard Lob (sda)
Der Erhalt der Gotthard-Bergstrecke der SBB ist für die touristische Entwicklung des Urner Oberlands von grosser Bedeutung. (Bild Keystone/Urs Flüeler)

Der Erhalt der Gotthard-Bergstrecke der SBB ist für die touristische Entwicklung des Urner Oberlands von grosser Bedeutung. (Bild Keystone/Urs Flüeler)

Gerhard Lob (sda)

Wenn ab dem kommenden Dezember fast alle Züge zwischen der deutschen Schweiz und dem Tessin durch den neuen Gotthard-Basistunnel der Neat fahren, wird es in Göschenen ruhiger werden. Vor allem wird das auf 1111 Metern Höhe gelegene Dorf am Nordportal des Gotthard-Scheiteltunnels aus dem Bewusstsein der meisten Zugreisenden verschwinden, wenn diese zwischen Erstfeld UR und Bodio TI durch das Innere des Gotthardmassivs rauschen.

Im Bewusstsein präsent bleiben

Dabei strebt die Gemeinde das genaue Gegenteil an. Sie will im Bewusstsein der Nord-Süd-Reisenden präsent bleiben. Möglichst auch Reisende sollen dazu animiert werden, einmal einen Zwischenhalt einzulegen, um den Ort mit seiner jahrhundertealten Tradition im alpenquerenden Transitverkehr kennen zu lernen oder das Ausflugsgebiet in der Göscheneralp zu erkunden.

«Wir in Göschenen hoffen sehr auf die Bergstrecke», sagt Gemeindepräsident Felix Cavaletti, als wir ihn bei der alten Zollbrücke treffen. Die Brücke über die Göschener Reuss mitsamt dem Zolltor ist eines der bedeutendsten noch erhaltenen Zeugnisse aus der Zeit der Säumer. Allerdings war der Verkehr in den Zeiten nach der Erbauung um das Jahr 1500 eher bescheiden – im Schnitt drei Saumtiere pro Tag. Pro Jahr wurden nur 200 Tonnen Güter über den Gotthard transportiert. Zum Vergleich: Heute sind es 15 Millionen Tonnen pro Jahr (Schiene und Strasse).

Auf 14 Stationen erkunden

Diese Informationen zur Zollbrücke sind in einer kleinen Gratisbroschüre enthalten, die vor kurzer Zeit erschienen ist und am Bahnhof aufliegt. Das ansprechend gestaltete Booklet lädt dazu ein, das «Gotthardtunneldorf» auf 14 Stationen zu erkunden. Den Parcours entworfen hat der Verkehrshistoriker und Museumsgestalter Kilian Elsasser. «Die Gotthard-Bergstrecke ist eines der wichtigsten Bauwerke der Schweiz seit der Gründung des Bundesstaats», sagt Elsasser, der nicht nur regelmässig Gruppen durch Göschenen führt, um die Verkehrsgeschichte des Dorfes zu erläutern, sondern sich auch vehement für eine Aufnahme der Bergstrecke in die Unesco-Welterbeliste einsetzt.

Der Rundgang beginnt gleich beim Bahnhof von Göschenen, der auf Ausbruchmaterial des Gotthard-Bahntunnels gebaut ist. Das erste Gebäude von 1881 liess die Gotthardbahn-Gesellschaft (GBG) übrigens schon 1884 durch einen vom Architekten Gustav Moosdorf geplanten Neubau ersetzen. «Der erste Bahnhof wurde demontiert und in Airolo wieder aufgebaut», weiss Elsasser. Das Bahnhofbuffet von Göschenen war legendär, hat aber 1998 seine Pforten geschlossen. Heute ziert nur noch ein schmuckloses Bistro den Bahnsteig im Tunneldorf.

Denkmäler und Villa Bergruh

In direkter Nähe des Bahnhofs kann man durch den sogenannten Visierstollen gehen, der zur Vermessung des Gotthard-Scheiteltunnels gebaut wurde. Der Rundgang führt aber auch zum Ort, wo 1875 die überwiegend italienischen Mineure wegen der prekären Arbeitsbedingungen streikten – Miliztruppen erschossen vier Streikende. Am Friedhof ist neuerdings direkt beim Louis-Favre-Denkmal eine Gedenkplatte angebracht, auf der die Namen aller 199 Arbeiter eingraviert sind, die während des Baus des Gotthard-Scheiteltunnels ihr Leben verloren. Nicht weit entfernt steht die Villa Bergruh von Ernst Zahn, dem Schriftsteller und legendären Betreiber des Bahnhofbuffets.

Nur noch einige Dutzend Arbeiter

Die Geschichte von Göschenen ist eng mit der Verkehrsgeschichte via Gotthard verknüpft. Als der Gotthard-Bahntunnel gebaut wurde, lebten fast 3000 Personen in Göschenen, und es gab Dutzende von Gasthäusern und Restaurants. Heute leben noch 460 Einwohner in der Gemeinde. Die Zahl der Gasthäuser beziehungsweise Hotels hat sich auf drei reduziert.

Impulse brachte nochmals der Kraftwerkbau in den 1960er-Jahren. Mit der Einstellung des Bahnverlads 1980 – nach der Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels – ging der Bedarf für Übernachtungen definitiv zurück. Die 2001 eingeweihte Umfahrungsstrasse von der Autobahn nach Andermatt brachte eine Entlastung für die Dorfstrasse, aber natürlich blieben auch viele Transitgäste aus. Für den Bau des zweiten Gotthard-Strassentunnels werden wieder Arbeiter nach Göschenen ziehen. Allerdings rechnet man nur mit einigen Dutzend. Die Tunnelbohrmaschinen (TBM) werden dannzumal die Hauptarbeit verrichten.

Auch von Sawiris-Resort abhängig

«Wie sich das Dorf weiterentwickelt, hängt auch vom Ferienresort von Samih Sawiris in Andermatt ab», sagt Cava­letti in Sachen Dorfentwicklung. Ein Verkehrsknotenpunkt bleibt Göschenen auf alle Fälle wegen des Anschlusses an die Matterhorn-Gotthard-Bahn. Angedacht ist bereits der Bau einer Seilbahn von Göschenen direkt in die Skiarena Andermatt-Sedrun. Dann könnte Göschenen auch beim Wintertourismus stark punkten. Doch im Moment ist das noch Zukunftsmusik. Schon jetzt gibt es allerdings Touristen, die in Göschenen logieren, um im Winter mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn nach Andermatt zu pendeln.

Kilian Elsasser hat den Rundgang durch das Dorf Göschenen konzipiert. (Bild Gerhard Lob)

Kilian Elsasser hat den Rundgang durch das Dorf Göschenen konzipiert. (Bild Gerhard Lob)

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