GÖSCHENEN: Jetzt laufen die Patienten davon

Seit Montag haben 21 Patienten die Dorfpraxis verlassen. Zu Unrecht, wie Geschäftsführer Abdalla findet. Schuld seien falsche Vorwürfe in Leserbriefen.

Drucken
Teilen
In Uri ist es immer schwieriger, einen Hausarzt zu finden. Dennoch stösst eine neue Art der Praxisführung in Göschenen auf Kritik. (Bild: Keystone / Christian Beutler)

In Uri ist es immer schwieriger, einen Hausarzt zu finden. Dennoch stösst eine neue Art der Praxisführung in Göschenen auf Kritik. (Bild: Keystone / Christian Beutler)

Anian Heierli

Die neu besetzte Arztpraxis in Göschenen sorgt für Ärger unter pensionierten Ärzten. In dieser Woche haben sich Dr. Karl Baumann (Altdorf), Dr. Peter Hirzel (Altdorf) und Dr. Andreas von Schulthess (Andermatt) in drei Leserbriefen sehr negativ zur Dorfpraxis geäussert.

Vor einem Jahr hat Ärztin Dorothea Stüttgen-Abdalla die Praxis übernommen. Die Ärztin arbeitet zu 50 Prozent in Uri, lebt aber ausserhalb des Kantons. Daneben praktiziert sie in einer Zweitpraxis in Beromünster. Beide Praxen gehören der Firma Helvig Arztpraxen AG an, die von Stüttgen-Abdallas Ehemann, Akmal Wassef Abdalla, geleitet wird. Aus persönlichen Gründen beteiligt sich die neue Hausärztin nicht im selben Umfang am Urner Notfalldienst wie andere Mediziner im Kanton (Siehe unsere Zeitung vom 20. März).

Happige Vorwürfe an Helvig AG

Besonders störten sich die drei pensionierten Ärzte in ihren Leserbriefen über Akmal Wassef Abdallas Aussage, dass eine vollzeitlich betriebene Praxis in Göschenen nicht rentiere. «Ein Allgemeinpraktiker, der sich zu 100 Prozent und engagiert als Arzt in Göschenen inklusive Notfalldienst betätigt, hat ein befriedigendes Einkommen», hielt Andreas von Schulthess fest. Dass ein Vollbetrieb nicht rentiere, entspreche nicht der Wahrheit.

Sein Berufskollege Peter Hirzel, der vor Jahren selber in Göschenen als Dorfarzt gearbeitet hatte, kritisierte in seinem Leserbrief zudem den Umgang mit den Patienten. «Gerüchteweise hört man, dass auch schon ein Anwalt habe eingeschaltet werden müssen, damit ein Patient zu seinem Arztdossier gekommen sei», so Hirzel. Und Karl Baumann beanstandet das Verschwinden der Röntgenanlage, mit der bereits Stüttgen-Abdallas Vorgänger gearbeitet haben: «Bei Bedarf kann kein Röntgenbild erstellt werden, weil Abdalla die noch taugliche Anlage in einer Nacht-und- Nebel-Aktion aus der Praxis entfernen liess.»

Die Leserbriefe zeigen Wirkung. Als Reaktion haben seit Montag 21 Patienten die neu besetzte Praxis in Göschenen verlassen und ihre Akten angefordert und teilweise schon abgeholt.

Abdalla: «Eine dreckige Kampagne»

«Solche Leserbriefe sind geschäftsschädigend, unfair und inkorrekt. Damit wird in den Medien eine dreckige Kampagne gegen meine Frau und mich gefahren», sagt Akmal Wassef Abdalla, Geschäftsführer der Helvig Arztpraxen AG, der sich gegen die jüngsten Vorwürfe wehrt. «Nie musste ein Anwalt eingeschaltet werden, damit wir Unterlagen zurückgeben», sagt er. Auch dass die Röntgenanlage in einer Nacht- und Nebel-Aktion entfernt wurde, sei gelogen. «Die Anlage war über 40 Jahre alt. Ein externer Gutachter hat festgestellt, dass die hohe Strahlenbelastung Patienten schaden könnte», erklärt Abdalla. Deshalb habe man die Anlage auf Mitentscheid des Gemeinderats hin entsorgt.

Laut dem Geschäftsführer würde es für Ärzte verschiedene Arbeitsmethoden geben. Seine Frau verschwende mit Sicherheit keine Zeit und sei effektiv. Abdalla hält an seinem Standpunkt fest. «Eine Vollzeitstelle als Arzt in Göschenen ist unrentabel», sagt er und erinnert dabei an seine private Situation. Denn Familie Abdalla lebt ausserhalb des Kantons und hat drei Kinder im schulpflichtigen Alter. Zudem kritisiert er die Weltanschauung der drei pensionierten Ärzte. «Vielleicht war ein Vollbetrieb vor mehr als 15 Jahren rentabel», erklärt er. Heute sähe die Situation anders aus. Im Sommer sei man sechs Tage die Woche in Göschenen gewesen, ohne voll ausgelastet gewesen zu sein.

Zusätzliche Ärztin ab Sommer

Der Wirtschaftsprofessor lässt auch Kritik am kleinen Einzugsgebiet nicht gelten. «Meine Frau hat im Winter schon Hausbesuche bis nach Realp gemacht, bei Bedarf arbeitet sie an Wochenenden und Feiertagen, und sie hilft im Notspital Andermatt aus.» Ab Sommer will Abdalla eine zusätzliche Ärztin anstellen, damit die Praxis in Göschenen täglich vier bis fünf Stunden besetzt ist.

Der Göschener Gemeindepräsident Felix Cavaletti betrachtet die aktuelle Situation mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist er froh über die neue Ärztin. «Man hat in Andermatt gesehen, wie lange die Suche nach einem Hausarzt für eine Randregion dauert», erinnert er sich. Andererseits müsse die Situation auch für die Patienten stimmen. «Die jetzige Situation ist unbefriedigend.» So hat auch der Gemeindepräsident gehört, dass die Praxis zurzeit keine geregelten Öffnungszeiten ausgeschrieben hat. Das sei aber wichtig, wenn es etwa darum gehe, Absprachen zu treffen, Medikamente oder Rezepte abzuholen, sagt Cavaletti. «Dass man an mehreren Standorten mit Medizinern eine Praxis führt, ist ein neues System, das kritisch hinterfragt werden muss.»

Gemeinde sucht das Gespräch

Cavaletti befürwortet dagegen einen Vollbetrieb, und er glaubt, dass dies auch möglich ist. «Im Einzugsgebiet von Gurtnellen bis Realp funktioniert ein 200-Prozent-Pensum zusammen mit der Arztpraxis in Andermatt inklusive Notfalldienst von den Einwohnerzahlen her sehr gut», sagt er. Dafür brauche es aber ein gewisses nachhaltiges Engagement für die Patienten.

Jetzt sei die Gemeinde gefragt: Nun will Cavaletti das Gespräch mit Ärztin Stüttgen-Abdalla suchen und klären, wie die Zukunft der Praxisführung aussieht. «Gemäss der ‹Neuen Urner Zeitung› vom vergangenen Freitag wissen wir ja bereits, dass die Ärztin in den nächsten zehn Jahren bleiben möchte.»

Wird die Ärztin nun ausgeschlossen?

AH. Die Kritik an der Arztpraxis in Göschenen wirft Wellen. Stefan Nock, Präsident der Ärztegesellschaft Uri, kennt den Fall und erklärt, weshalb man die Göschener Hausärztin Dorothea Stüttgen-Abdalla nicht zwingt, Notfalldienst zu leisten.

Stefan Nock, gibt es aus Sicht der Ärztegesellschaft Handlungsbedarf?
Stefan Nock:
Bislang war der Notfalldienst im Kanton Uri für Ärzte selbstverständlich. Gemäss Gesundheitsgesetz hat man als Arzt in Uri eine Dienstverpflichtung. Dabei ist aber der juristische Spielraum breit, weshalb aktuell niemand zum Notfalldienst gezwungen werden kann.

Überlegt man sich, Stüttgen-Abdalla aus der Gesellschaft auszuschliessen?
Nock:
Dazu wäre eine Abstimmung innerhalb der Ärztegesellschaft nötig. Bis jetzt ist es nicht so weit gekommen. Immerhin haben wir nun in Göschenen eine Ärztin, die zu 50 Prozent arbeitet. Auch das Altersheim Wassen ist auf Stüttgen-Abdallas Arbeit angewiesen. Zudem braucht es für den Ausschluss einen triftigen Grund.

Was für Konsequenzen hätte ein Ausschluss?
Nock:
Trotz Ausschluss dürfte Stüttgen-Abdalla praktizieren. Die Berufsbewilligung müsste der Kanton entziehen. Und dafür braucht es massive juristische Verstösse.

Liegen solche Gründe vor?
Nock:
Nein. Mir sind nur Reklamationen betreffend Erreichbarkeit bekannt. Nicht aber, dass sie ihre Arbeit schlecht macht.

Wie ist Ihre Meinung zur Haltung der Ärztin?
Nock:
Natürlich ist es unbefriedigend, dass Stüttgen-Abdalla am Notfalldienst nicht teilnimmt. Wie sie die Praxis führen will, ist aber allein ihre Sache. Ich habe auch Verständnis, dass eine Frau, die ausserhalb des Kantons lebt und schulpflichtige Kinder hat, Teilzeit und nicht Vollzeit arbeitet.