GÖSCHENEN: Knochenjob tief im Staudamm

Der Stausee ist abgelassen, und die Anlagen werden inspiziert. Dafür sind sechs Arbeiter Tag und Nacht vor Ort und trotzen im Damm den widrigen Umständen.

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Die steilen, glitschigen Treppen im Staudamm erlauben keine Fehltritte und halten die Männer fit. (Bild Anian Heierli)

Die steilen, glitschigen Treppen im Staudamm erlauben keine Fehltritte und halten die Männer fit. (Bild Anian Heierli)

Ausgerüstet mit einer Taschenlampe klettert Dammwart Bernhard Mattli in die Druckleitung des Staudamms bei der Göscheneralp. Er prüft, ob in den vergangenen Jahren Schäden entstanden sind. Eine Arbeit, die selbst für den Routinier nicht alltäglich ist, denn normalerweise strömen hier Tausende Liter Wasser pro Sekunde durch.

Im Moment jedoch ist der Stausee verschwunden. Das Wasser wurde in den vergangenen Wochen abgelassen, damit nun die Inspektionsarbeiten durchgeführt werden können. Ein Arbeiter- und Mechanikerteam prüft die baulichen Anlagen im See und am Druckstollen auf Mängel. Kontrollen in dieser Grössenordnung, die eine komplette Entleerung erfordern, finden lediglich alle zehn Jahre statt. Denn bis der Staudamm wieder aufgefüllt wird, dauert es Monate, und die Kosten für die Arbeiten belaufen sich auf 650 000 Franken (siehe unsere Zeitung vom Donnerstag, 14. Januar).

Harte Bedingungen im Stollen

Dammwart Mattli (53) ist wegen der Revision zurzeit mit seinem Team während 6 Wochen täglich tief im Damm. Hier arbeitet die Gruppe von morgens bis abends mindestens 12 Stunden – ohne Tageslicht, bei modriger Luft und hoher Feuchtigkeit. Nicht einmal am Abend gehen die Arbeiter nach Hause. Von Montag bis Freitag schlafen die Männer vor Ort in einem Massenlager. «Die Arbeitsbedingungen stören mich nicht», sagt Mattli. «Daran habe ich mich längst gewöhnt. Ich bin im Staudamm aufgewachsen.» So war schon Mattlis Vater Dammwärter und hat ihn als Kind oft mitgenommen.

Auch sein Arbeitskollege Martin Dubacher, der bei der Revision als Mechaniker mithilft, hat kein Problem mit den erschwerten Umständen. «Als wir die Arbeit im Kraftwerk angetreten sind, haben wir gewusst, auf was wir uns einlassen», sagt er. Der 59-Jährige kennt sogar ein Geheimrezept, das die Laune hebt: «Gutes Essen ist ganz wichtig», betont Dubacher. Das sei früher im Militär schon so gewesen und gelte auch hier im Kraftwerk. Und der Mechaniker weiss, wovon er spricht. Der ehemalige Gastwirt bekocht die sechsmannstarke Arbeitergruppe. Offensichtlich mit Erfolg: Denn obwohl die Männer täglich aufeinanderhocken, herrscht zwischen ihnen eine gute Stimmung. «Wir kennen uns alle sehr gut», sagt Dubacher. «Streit und Spannungen gibt es nicht.»

«Beim Öl passen wir extrem auf»

Jetzt im Winter sind die Männer hier oben auf einer Höhe von 1792 Metern mutterseelenallein. Es bleibt kaum Zeit für Spässe und Vergnügen. Während der Kontroll- und Instandsetzungsarbeiten sind alle hoch konzentriert. So könnte schon ein kleiner Fehler schwere Folgen mit sich bringen. «Gerade beim Öl müssen wir extrem aufpassen», sagt Dubacher. «Es darf nichts ins Grund- und Fliessgewässer rinnen.» Deshalb wurde vor allem beim Entfernen alter Leitungen penibel darauf geachtet, dass kein Öl ausläuft. Als Vorsichtsmassnahme bereiteten die Arbeiter mehrere Auffangbecken und Sperren vor.

Bündner Katastrophe im Hinterkopf

Zudem kontrolliert das Amt für Umweltschutz die Arbeiten regelmässig. Denn im leeren Stausee befindet sich noch immer etwas Restwasser mit Fischen, die es zu schützen gilt. Die Bach- und Regenbogenforellen sind empfindlich. Schon kleinste Veränderungen können für sie zum tödlichen Risiko werden. Wenn man beispielsweise das Wasser des Stausees zu schnell ablässt, wirbelt Schlamm auf, der die Kiemen der Fische in unterliegenden Gewässern verstopft. Ein solcher Fall hat sich 2013 in Graubünden beim Livignio-Stausee und dem Fluss Spöl ereignet, woraufhin es im Engadiner Nationalpark zu einem Fischsterben gekommen ist.

Das Auffüllen dauert Monate

Noch müssen die Fische einige Wochen im Restwasser ausharren. Wenn die Arbeiten nach Plan verlaufen, endet die Betriebsaufnahme am 18. März, und der Stausee kann wieder aufgefüllt werden. Wie lange das Auffüllen dauert, ist schwierig zu sagen. «Voraussichtlich sollte das Wasser im Oktober den Maximalpegel erreichen», sagt Remo Infanger, Geschäftsführer der Kraftwerke Göschenen AG (KWG). «Dann können die Wasserreserven rechtzeitig auf den Winter zur Stromproduktion genutzt werden.» Wie lange das Auffüllen effektiv dauert, hängt vom Zufluss und der Stromproduktion der SBB und der CKW ab. So fliesst schon während des Auffüllens etwas Wasser zur Produktion durch den Damm ins Kraftwerk. Bis der Maximalpegel erreicht wird, fliesst so 1,5 Mal das Fassungsvolumen des Staudamms nach Göschenen. Bislang ist KWG-Geschäftsführer Infanger mit der Inspektion zufrieden. «Seit der vergangenen Grossinspektion vor 10 Jahren hat es nur wenig Schäden gegeben», erklärt er. Damals beliefen sich die Kosten für die Instandsetzung auch auf ein vielfaches gegenüber der diesjährigen Ausgaben. Und trotz aktuell tiefer Strompreise lohnen sich die Investitionen aus Infangers Sicht.

Anian Heierli