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GÖSCHENEN: «Vers darf nicht missbraucht werden»

Ob Hochzeitsfeier, Firmenfest, Samichlaus-Abend des FC Altdorf oder «Geschner Lälli»: Peter Fedier ist seit Jahren der «Värslibrinzler» Nummer 1 des Urner Oberlands.
Peter Fedier freut sich über den gelungenen «Geschner Lälli» 2015. (Bild: Bruno Arnold / Neue UZ)

Peter Fedier freut sich über den gelungenen «Geschner Lälli» 2015. (Bild: Bruno Arnold / Neue UZ)

Bruno Arnold

Peter Fedier verbindet Fasnacht vor allem mit «Värsli brinzlä». «Schnitzelbänke singen ist aber ganz und gar nicht mein Ding», betont der 66-jährige Göschener augenzwinkernd. «Ich bin ziemlich unmusikalisch und muss aufpassen, dass ich nicht schon beim einfachen ‹Chatzämüüsigmarsch› aus dem Takt falle», erklärt der pensionierte Posthalter bei unserem Treffen im «Weissen Rössli». «Verse schreiben, das liegt mir schon eher.» Fedier zieht die druckfertige Fassung des Göschener Narrenblatts 2015 aus seinem Rucksack. Wie viele Stunden er in den «Geschner Lälli» so der offizielle Name des Fasnachtsblatts – investiert hat, weiss der rüstige Rentner nicht. «Das spielt ja auch keine Rolle. Im Gegensatz zu dir habe ich Zeit», meint er augenzwinkernd. «Und was noch viel wichtiger ist: Es macht mir Spass.»

Der «Lälli» als Beweis

«Ein paar Reime und Pointen sind mir nicht so schlecht gelungen», sagt er und macht damit wohl etwas gar auf Understatement. Denn Fedier versteht das «Värslibrinzlä» sehr gut. Auf die Frage, woher er sein «Dichtertalent» habe, meint er bescheiden: «Ich weiss nicht, ob ich effektiv Talent habe.» Fedier hat! Das wird deutlich, wenn man den «Geschner Lälli» 2015 liest. Er ist nämlich voll von rhythmischen Versen, gekonnten Reimen und überraschenden Pointen. Die meisten stammen aus der Feder von Fedier – seines Zeichens Finanzchef des 71 Jahre alten Göschener Faschingclubs. Faschingclub? «Woher diese Bezeichnung stammt, weiss ich gar nicht. Die Mitglieder sorgen wohl seit der Gründung dafür, dass an der Dorffasnacht etwas läuft», mutmasst er.

Was auffällt: Keiner der rund 80 Verse im «Geschner Lälli» zielt unter die Gürtellinie. Das wäre einerseits schon grundsätzlich nicht im Sinne von Peter Fedier. «Ein Vers im Narrenblatt darf nicht missbraucht werden, um mit einer Person abzurechnen. Vielmehr soll ein vermeintlich untergegangenes Missgeschick in humorvoller Art ans Tageslicht gebracht werden», lautet sein «schriftstellerisches Credo». Wenn Fedier dichtet und reimt, dann hat er ein grosses Ziel vor Augen: «Der Betroffene sollte selber lachen können. Es muss fast schon eine Ehre sein, wenn man im ‹Lälli› erwähnt wird.»

Einerseits grundsätzlich nicht in seinem Sinne und anderseits? «Schreibe ich mit zu spitzer Feder, dann zensuriert der Chef», erklärt Fedier – und lacht herzhaft. «Meine Frau Gabi wägt ab und entscheidet, ob meine Verse öffentlichkeitstauglich sind oder nicht. Wenn sie eine Pointe als zu hart erachtet, dann wird kurzerhand gestrichen – oder zumindest etwas entschärft.» Gerade in einem kleinen Dorf wie Göschenen sei es wichtig, dass auf die Befindlichkeiten der Leute Rücksicht genommen werde, erklärt der Verseschmied von Göschenen. «Man begegnet sich schliesslich fast tagtäglich und will jedem jederzeit in die Augen schauen können.» Diese Kleinheit des Dorfes bringt nach Meinung Fediers aber auch einen grossen Vorteil: «Man kennt die Leute, und man weiss, wer was ‹verlyydet› und wer nicht. Dann darf man eine Pointe ruhig auch mal etwas zuspitzen.» Die gleiche Erfahrung habe er übrigens auch bei seinen Auftritten an rund vierzig Samichlausabenden des FC Altdorf, bei «Kompanyy-­Abigen» oder bei privaten Anlässen gemacht. «Wenn man die Reaktionen abschätzen kann, dann ist es immer einfacher.»

Die Pointe als Ratschlag

Fediers Narrenblattverse weisen eine auffällige Eigenart auf: Die Pointe wird oft als Ratschlag formuliert. Das geschieht allerdings nicht etwa in der Art des Besserwissers oder gar auf arrogant-lehrmeisterliche Weise. Auch hier setzt Fedier auf Humor und Ironie. Um ein Beispiel zu nennen: Einem Freak, der mit seinem teuren Modellhelikopter nach kurzer Zeit ein irreparables Grounding auf einem Hausdach erleidet, rät Fedier im «Geschner Lälli» kurzerhand: «Loss Peter gitts bi dr Polizii einsch Drohnä / ä Kurs dervoor, där wurd sich lohnä.»

Mit Ideen bombardiert

Längst vorbei sind in Göschenen übrigens die Zeiten, als in den (damals noch in einer Vielzahl vorhandenen) «Beizen» Büchsen platziert waren. In diese konnten Zettel geworfen werden, auf denen Vorfälle oder Missgeschicke notiert waren. «Die Narrenblattschreiber haben dann zuerst einmal alles Material gesichtet und in der Folge die verwertbaren Angaben in die passende Versform gebracht», erinnert sich Fedier. Heute macht er das fast im Alleingang. «Ich werde mit Angaben und Ideen bombardiert», sagt Fedier. «Dass immer wieder die gleichen Leute im Narrenblatt erscheinen, ist aber keinesfalls gezielte Absicht, eher Zufall», glaubt er. «Es gibt halt einfach tollpatschige oder vom Pech verfolgte Leute, denen mehr Missgeschicke passieren als anderen», sagt er und schmunzelt dabei fast spitzbübisch. Gegen das Absichts- respektive für das vom Verfasser erwähnte Zufallsprinzip› spricht auch die Tatsache, dass Fedier sich selber nicht verschont. So liest man im «Gesch­ner Lälli» 2015: «Dr Fedier ­Peter und dr Walker Vivian gend ga fischä / nachrä Stund hed dr Peter keinä – dr Vivian scho drii inzwischä / da meint der Vivian: ‹Ich glaibs, dü lehrsch äs niä / wenn einä dra isch, müäsch am Fadä und nit a dr Pfiiffä ziäh!›»

«Die Vorgeschichte aufrollen»

Fedier schwärmt vom Altdorfer Narrenblatt. Die Zwei- bis Vierzeiler haben es ihm besonders angetan. «Möglich sind so kurze Verse nur, weil nationale oder kantonale Themen aufgegriffen werden und die meisten Leser bereits das notwendige Vorwissen haben», glaubt Fedier. In Göschenen würden sich aber fast 80 Prozent der Verse auf kommunale Themen beziehen. «Da muss ich halt immer auch die Vorgeschichte aufrollen, bevor ich zur Pointe oder zum Ratschlag kommen kann.» Und genau diese Kunst versteht Verseschmied Fedier wie kein Zweiter.

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