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GOTTHARD: «Als Welterbe wäre der Betrieb gesichert»

Die Zukunft der Bergstrecke ist offen. Der Luzerner Buchautor Kilian T. Elsasser präsentiert nun eine Idee, um den Erhalt des historischen Abschnitts langfristig zu garantieren.
Die Gotthard-Bergbahn führt unter anderem durch das Urner Reusstal und die ­Gemeinde von Wassen, wo sich den Fahrgästen ein wunderschönes Panorama bietet. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Die Gotthard-Bergbahn führt unter anderem durch das Urner Reusstal und die ­Gemeinde von Wassen, wo sich den Fahrgästen ein wunderschönes Panorama bietet. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Kari Kälin

«Die Gotthard-Bergstrecke», sagt der Luzerner Historiker und Verkehrsexperte Kilian T. Elsasser, «ist eines der wichtigsten Baudenkmale der letzten 150 Jahre.» In der Tat hat es die 90 Kilometer lange Strecke von Erstfeld bis Biasca in sich. Die Kehrtunnels auf der Urner- und Tessinerseite sind einzigartig, der 15 Kilometer lange Scheiteltunnel bescherte der Schweiz bei dessen Inbetriebnahme im Jahr 1882 einen Welt­rekord, zahlreiche Betonbogenbrücken, verkleidet in Stein, und andere Kunstbauten runden das Bahnerlebnis ab.

50 Millionen Betriebsdefizit

Ein neuer Weltrekord, der 57 Kilome­ter lange Gotthard-Basistunnel, schmälert die Bedeutung der Bergstrecke. Im nächsten Dezember wird der Neat-Tunnel fahrplanmässig in Betrieb genommen. Ab diesem Zeitpunkt wird auf der Bergstrecke nur noch stündlich in beide Richtungen ein Regio-Express zwischen Erstfeld und Lugano verkehren. Die langfristige Zukunft der Bergstrecke ist offen. Wegweisende Entscheide dazu werden frühestens 2025 fallen, wie der Bundesrat vor eineinhalb Jahren in einem Bericht zu einem Postulat des Urner CVP-Ständerats Isidor Baumann festhielt. Derzeit fahren die SBB auf der Bergstrecke ein jährliches Betriebsdefizit von rund 50 Millionen Franken ein.

«Label lässt sich gut vermarkten»

Die vagen Perspektiven der Bergstrecke bereiten Elsasser Bauchschmerzen. Seiner Meinung nach büsst sie schon ab nächstem Dezember massiv an Attraktivität ein – weil man neu in Erstfeld umsteigen muss, um auf historischen Pfaden ins Tessin zu gelangen.

Damit sie nicht einen «langsamen Tod» sterbe, wie Elsasser befürchtet, schlägt er eine Kandidatur der Bergstrecke für das Unesco-Weltkulturerbe vor. «Mit dieser Auszeichnung würde es schwierig, die Strecke zu schliessen», sagt Elsasser. In der Tat würde sich der Bundesrat verpflichten, den Bestand und Betrieb der Bergstrecke langfristig zu sichern.

Von einer Aufnahme in die Liste weltweit schützenswerter Werke verspricht sich Elsasser auch einen touristischen Nutzen. «Das Label lässt sich gut vermarkten.» Die Rhätische Bahn mache es vor und bewerbe die Landschaft Albula/Bernina, seit 2008 Teil des Un­esco-Welterbes, erfolgreich.

Bundesrat behält sich Option offen

Voraussichtlich im nächsten Jahr wird der Bundesrat eine Liste mit Welterbe-Kandidaturen erstellen. Die Chancen für die Gotthard-Bergstrecke stehen schlecht. Der Bundesrat taxiert eine Kandidatur derzeit als chancenlos. Es sei derzeit nicht möglich, ein langfristiges Erhaltungskonzept für die Gotthard-Bergstrecke zu formulieren, begründet er seine Haltung im erwähnten Bericht zur Zukunft der Bergstrecke. Bern will also zunächst abwarten, wie sich der Verkehr respektive die Nachfrage auf dem historischen Abschnitt nach Inbetriebnahme der Neat entwickelt. Der Bundesrat betont aber explizit, dass er sich die Option Gotthard-Bergstrecke als Welterbe grundsätzlich offenlassen wolle. Zuerst müsse man jedoch abklären, welche Veränderungen an der Bahn­infrastruktur im Falle einer Aufnahme ins Unesco-Welterbe noch möglich wären. Die SBB teilen die Einschätzung des Bundesrates, wie sie auf Anfrage sagen.

Elsasser kritisiert die defensive Haltung. «Es gibt keinen sachlichen Grund, die Kandidatur nicht schon jetzt voranzutreiben.» Als Co-Autor des eben erst erschienenen Buches «Drei Weltrekorde am Gotthard» propagiert er im Schlusskapitel die Idee der Gotthard-Bergstrecke als Unesco-Welterbe. Und nächsten August will Elsasser das Thema auch bei einer Tagung des von ihm präsidierten Verbandes «Industriekultur und Technikgeschichte Schweiz» aufs Tapet bringen und Politiker für seine Idee gewinnen.

Pfeiler für Urner Tourismus

Der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind (CVP) sieht derzeit keine Priorität darin, eine Unesco-Kandidatur aufzugleisen. «Die Bergstrecke ist heute eine Hochleistungsstrecke und wird gemäss Bericht des Bundesrats mindestens bis 2025 in ähnlicher Weise wie heute weiterbetrieben», sagt der Regierungsrat. Er befürchtet, dass an der Bergstrecke zum Teil Renovationsarbeiten verunmöglicht würden, sollte sie ins Unesco-Welterbe aufgenommen werden. Im Jahr 2025 müsse man Bilanz ziehen. Dann könne man – je nach Entwicklung – auch wieder die Möglichkeit einer Kandidatur für das Unesco-Weltkulturerbe prüfen.

Auch der Volkswirtschaftsdirektor zeigt sich fasziniert vom historischen Wert der Bergstrecke. «Wir müssen aber aufpassen, dass Uri nicht zu einem Freilichtmuseum wird, in dem nicht mehr gewirtschaftet wird», sagt Camenzind. Er ist überzeugt, dass die Bergstrecke einen wichtigen Pfeiler für die Urner Wirtschaft und den Tourismus darstellen wird, zumal mit ihr Andermatt und damit das Ferienresort des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris erschlossen wird. «Auch für die Verbindung ins Bündnerland (Surselva) und das Wallis (Goms) spielt die Bergstrecke eine wichtige Rolle», sagt Camenzind.

Das stellt Elsasser nicht in Frage. Für eine rasche Aufnahme der Bergstrecke ins Unesco-Weltkulturerbe wird er aber weiterhin kämpfen. «Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Der Kanton Tessin hat die Entwicklung verschlafen

Für das Tessin sind die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels im Juni und die Inbetriebnahme im Dezember Ereignisse erster Güte. «Der Tunnel ist eine einmalige Chance», sagt Regierungspräsident Paolo Beltraminelli (CVP). Auch Bellinzonas Stadtpräsident Mario Branda (SP) fiebert dem Ereignis entgegen: «Die deutsche Schweiz und das Tessin rücken näher zusammen.» Für seine Stadt hat er konkrete Erwartungen. Etwa, dass Bellinzona als Wissenschaftsstandort aufgewertet wird. Die Forschungseinrichtungen rund um das international anerkannte Institut für biomedizinische Forschung (IRB) könnten sich besser mit Instituten ennet des Gotthards vernetzen. Das Bellinzonese reagiert mit einem Fusionsprojekt auf den neuen Tunnel. 13 Gemeinden werden ab April 2017 das neue Gross-Bellinzona bilden. Die Stadt ist laut Branda so besser gerüstet für die Veränderungen.

Laut Angelo Gianinazzi, bis vor kurzem Leiter von Economiesuisse Ticino, werden vor allem die Städte Bellinzona und Lugano profitieren. Dort werden wirtschaftliche Impulse erwartet, allerdings dürften auch die Immobilienpreise steigen. Der Tessiner Wirtschaftsdirektor Christian Vitta (FDP) geht unter Verweis auf eine 2012 veröffentlichte Studie von Alptransit davon aus, dass sich im Tessin eine zusätzliche Wertschöpfung von 40 Millionen Franken jährlich erreichen lässt. Die Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze könnte bis zu 1400 betragen. Grosse Erwartungen gibt es für den Tourismus. Denn das Tessin wird von der Deutschschweiz mit dem Zug rund 30 Minuten schneller erreichbar sein.

Tunnel weckt auch Ängste

Der neue Tunnel weckt aber auch Ängste. In der von wirtschaftlicher Depression gezeichneten Leventina wird befürchtet, durch Alptransit noch stärker ins Abseits zu geraten. Man sorgt sich, dass vor allem der Tagestourismus zunehmen wird und Gäste aus der Deutschschweiz mit dem letzten Zug wieder nach Hause reisen. Zudem rückt Alptransit nicht nur das Tessin, sondern auch Konkurrenzdestinationen in Italien näher an die deutsche Schweiz. «Wir müssen attraktive Pakete schnüren, damit die Gäste auch im Tessin übernachten», sagt Lorenzo Pianezzi, Präsident der Tessiner Hoteliervereinigung.

Schliesslich wird immer offensichtlicher, dass es eine Tourismusregion wie das Locarnese verschlafen hat, sich für den aufstrebenden Event- und Kongresstourismus fit zu machen. Geeignete Infrastrukturen fehlen. Das ambitiöse Projekt für ein Kongresszentrum am Kopfbahnhof Locarno-Muralto wurde von SBB Immobilien aufgegeben. Fast symptomatisch für die Situation ist das Grand Hotel Locarno in direkter Bahnhofsnähe. Es ist seit zehn Jahren geschlossen – die Fenster am Eingang sind mit Holzbrettern vernagelt.

Mangelnder Unternehmergeist

Remigio Ratti, alt CVP-Nationalrat und Professor für politische Ökonomie an der Universität Lugano, geht mit seinem Heimatkanton hart ins Gericht. Er wirft dem Tessin einen mangelnden Unternehmergeist im Hinblick auf die Neat vor. Es gäbe keine Visionen.

Sicher ist, dass der Gotthard-Basistunnel für das Tessin nicht die gleichen Auswirkungen haben wird wie der Lötschberg-Basistunnel für das Wallis. Die Fahrzeit Visp–Bern hat sich auf 55 Minuten, also auf Pendlerdistanz reduziert. Die Reise von Zürich nach Bellinzona wird noch rund 1 Stunde 30 Minuten betragen. «Zu weit zum Pendeln», so der Ökonom Angelo Gianinazzi.

Der wahre Quantensprung für das Tessin wird möglicherweise erst kommen, wenn auch der Ceneri-Basistunnel (2020) in Betrieb geht sowie der 4-Meter-Korridor für den Güterverkehr fertiggestellt ist. Mit dem Ceneri-Basistunnel werden sich die Bahn-Fahrzeiten zwischen Lugano, Bellinzona und Locarno drastisch reduzieren und den Kanton zu einer Metropolitan-Region machen. «Das wird eine Revolution werden», sagt der Tessiner Bau- und Umweltdirektor Claudio Zali (Lega).

Gerhard Lob, Bellinzona

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