GOTTHARD-BERGSTRECKE: «Skibusse sind Chance und Gefahr»

Isidor Baumann kämpft für attraktivere SBB-Verbindungen ins Urner Oberland. «Es geht nicht prioritär um die Anliegen der lokalen Bevölkerung. «Im Mittelpunkt steht die ganze Tourismusregion San Gottardo», betont er.

Interview Bruno Arnold
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Bis zu dreimal umsteigen: Auf der Gotthard-Bergstrecke verkehren seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2016 praktisch keine direkten Verbindungen mehr von Zürich, Luzern oder Zug ins obere Reusstal. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Wassen, 6. Mai 2016))

Bis zu dreimal umsteigen: Auf der Gotthard-Bergstrecke verkehren seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2016 praktisch keine direkten Verbindungen mehr von Zürich, Luzern oder Zug ins obere Reusstal. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Wassen, 6. Mai 2016))

Interview Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Seit dem Fahrplanwechsel vom Dezember hat sich das SBB-Angebot für Gäste, die aus Basel, Zürich, Luzern, Zug oder Lugano nach Andermatt reisen wollen, massiv verschlechtert. Sie müssen bis zu dreimal umsteigen (siehe Grafik). Die Verantwortlichen der Andermatt Swiss Alps AG (ASA) von Samih Sawiris wollen deshalb ab der Wintersaison 2018/19 Skibusse aus diesen Städten nach Andermatt und zurück einsetzen. Ständerat Isidor Baumann, der für den Erhalt der SBB-Bergstrecke am Gotthard kämpft, zeigt Verständnis für die ASA-Pläne, sieht aber auch eine Gefahr für den Schienenverkehr

 

Was sagen Sie als Präsident der Neat-Aufsichtsdelegation und als Urner Ständerat zu den Busplänen der Andermatt Swiss Alps AG?

Für einen Unternehmer wie Samih Sawiris, der Hunderte von Millionen in den Aufbau eines Resorts und in die Erweiterung der Skianlagen im Urserntal und im Oberalpgebiet investiert, ist eine gute Erschliessung von existenzieller Wichtigkeit. Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass das Urserntal sowohl über die Strasse wie über die Schiene gut erschlossen wird. Fakt ist: Strassenseitig wird ausgebaut, das Angebot auf der Schiene wird hingegen völlig unnötig abgebaut. Dass die ASA-Leute nicht zuwarten wollen, weil sie zweifeln, dass das Bahnangebot besser wird, kann ich durchaus nachvollziehen. Busse nach Andermatt sind eine Chance für das Resort, aber auch eine Gefahr für den Schienenverkehr. Die SBB würden nicht nur zwischen Erstfeld und Göschenen Kunden verlieren, sondern auf dem ganzen Schienennetz Richtung Gotthard. Auch die Schöllenenbahn müsste darunter leiden. Kommt hinzu, dass das Sawiris-Bussystem auch für andere Regionen Schule machen könnte, was den SBB zusätzlichen Schaden bringen würde.

Wie interpretieren Sie persönlich die Buspläne aus dem ASA-Umfeld?

Die ASA-Pläne sind ein Signal, das man nicht unterschätzen darf. Die SBB erhalten von der ASA die Quittung für schlechte Leistungen, mangelnde Flexibilität und nicht zuletzt auch für ihre falsche Strategie: Die SBB verärgern ihre Kundschaft mit einem ungenügenden Angebot und provozieren dadurch den Verlust von Fahrgästen respektive das Umsteigen von der Bahn auf die Strasse, statt mit einem attraktiveren Angebot Wachstum zu generieren.

Was heisst für Sie ein attraktiveres Angebot auf der Bergstrecke?

Attraktivität heisst möglichst wenig umsteigen. Und im konkreten Fall der Bergstrecke kann das für mich nur heissen: kein Umsteigen mehr ab Arth-Goldau bis Göschenen. Nur mit einem optimierten Bahnangebot kann die Region auch die gute Erschliessung effizient vermarkten. Wenn es keine schnellen und attraktiven Verbindungen gibt, sind die Touristiker verständlicherweise gezwungen, Alternativen zu suchen. Ich bin allerdings überzeugt, dass der Gast selber kein Interesse hat, sich in einen Bus zu zwängen, statt in einem komfortablen Zug ins Tourismusgebiet zu reisen.

Die SBB verlängern Interregio-Züge auch an Tagen mit hohen Frequenzen nicht nach Göschenen. Umsteigefreie Züge aus den städtischen Zentren über die Bergstrecke nach Göschenen gibt es längst nicht mehr. Ist dies ein Anzeichen dafür, dass die SBB gar kein Interesse an attraktiveren Angeboten haben?

In gewissen SBB-Kreisen äussert man sich relativ salopp dahingehend, dass die heutigen Verbindungen «attraktiv, wirtschaftlich und auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung ausgerichtet» seien. Das zeigt, dass sie offensichtlich nicht realisiert haben, worum es geht. Es geht nicht prioritär um die Anliegen der lokalen Bevölkerung. Im Mittelpunkt steht die ganze Tourismusregion San Gottardo mit Urserntal, Surselva, Leventina und Goms. Es geht um ein Resort, das Potenzial schafft, von dem die SBB eigentlich profitieren könnten. Und zur angesprochenen Wirtschaftlichkeit: Gut ist das Angebot höchstens für die SBB, weil sie mit dem Minimum arbeiten.

Heisst das: Uri sollte alle Hebel in Bewegung setzen, damit die Südostbahn (SOB) die Fernverkehrskonzession für die Gotthard-Bergstrecke erhält, weil sie attraktivere Angebote verspricht?

Es gibt jetzt zwei Interessierte, die sich mit dem Thema Bergstrecke befassen müssen. Gefordert sind in erster Linie die SBB. Ich kenne niemanden, der Verständnis hat für den Abbau der SBB-Leistungen, welche die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels und der Fahrplanwechsel für das Urner Oberland gebracht haben. Jetzt muss das Bundesamt für Verkehr dafür sorgen, dass die Bergstrecke als Fernverkehrslinie definiert wird und dass das Unternehmen mit dem besten Angebot die Konzession erhält. Besitzstandwahrung kann und darf bei diesem Entscheid nicht den Vorrang haben. Es geht einzig und allein um die Attraktivität des Angebots.

Wie beurteilen Sie die bevorstehende Konzessionsvergabe aus Sicht des Kantons Uri?

Die Urner Regierung ist in der glücklichen Lage, dass mit der Südostbahn ein Unternehmen in den Markt am Gotthard eindringen will, das andernorts bewiesen hat, dass es verlässliche und qualitativ gute Leistungen erbringen kann. Die SOB orientiert sich nicht am kurzfristigen Gewinn, sondern an einer langfristigen Entwicklung auf der Bergstrecke. Man hat klare Vorstellungen, wie man das Angebot am Gotthard ausbauen und rentabel gestalten könnte, etwa mit direkten Zügen von Basel oder von Chur via St. Gallen über die Bergstrecke nach Lugano mit Halt in allen grösseren Orten wie etwa Schwyz, Göschenen, Faido oder Biasca. Das ist doch hoch attraktiv. Und es ist auch grundsätzlich interessant, wenn ein «Fremder» kommt, der Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg sieht und einen «Arrivierten» konkurrenziert, der – wie in diesem Fall die SBB – auf den Status quo setzt oder gar Leistungen abbaut. Die Option SOB muss deshalb unbedingt geprüft werden.

Hat Uri in der Vergangenheit strategisch falsch operiert, indem zu sehr auf Neat-Halte in Flüelen/Altdorf und zu wenig auf genügend umsteigefreie Schnellzugverbindungen ins Urner Oberland gesetzt wurde?

Das ist schwierig zu beurteilen. Als ehemaliger Urner Volkswirtschaftsdirektor weiss ich aber: Die Urner Regierung hat damals immer, und wirklich immer, Schnellzughalte in Göschenen und eine Verlängerung der Interregio-Züge nach Göschenen verlangt. Während meiner Zeit als Regierungsrat hat die Volkswirtschaftsdirektion Uri zusammen mit der SBB-Spitze und mit Samih Sawiris auch die Notwendigkeit der umsteigefreien Verbindungen in die Zentren und zum Flughafen Kloten diskutiert. SBB-CEO Andreas Meyer hat damals für dieses Anliegen durchaus Verständnis gezeigt. Heute scheint man das aber leider vergessen zu haben.

Haben Sie – in Ihrer Funktion als Ständerat – Andreas Meyer nie an die damaligen «Versprechen» erinnert?

Wenn ich Andreas Meyer treffe, ist die Bergstrecke eigentlich immer ein Streitthema. Nachdem mich Samih Sawiris und ASA-CEO Franz-Xaver Simmen über ihre Skibuspläne ins Bild gesetzt hatten, habe ich Andreas Meyer postwendend per SMS darüber informiert: Das heutige SBB-Angebot Göschenen sei «inakzeptabel und auch Perronthema von enttäuschten Bahnbenützern und Touristen». Ich habe Andreas Meyer aufgefordert, die negativen Stimmen aus dem Volk unbedingt ernst zu nehmen. Es ist wichtig, dass die SBB mit den ASA-Verantwortlichen Kontakt aufnehmen, um andere Lösungen zur Entschärfung des Problems zu finden.

Und Meyers Reaktion?

Sie ist – entgegen seinen üblichen Gepflogenheiten – bisher ausgeblieben.

Wie interpretieren Sie das?

(Baumann schmunzelt) Entweder sucht er bereits eine bessere Lösung, oder er ist selber erstaunt über die Reaktionen.

Und wie werden Sie in Bern im Interesse der Tourismusregion San Gottardo für eine attraktive Bergstrecke kämpfen?

In einem Postulat habe ich das Anliegen beim Bundesrat deponiert. Der Bund hat uns die Aufrechterhaltung und sogar einen Stundentakt versprochen. Jetzt liegt das Problem allerdings weniger beim Bundesrat als vielmehr beim Unternehmen SBB. Diese interpretieren ihren Auftrag offensichtlich und leider so, als ob das Erfüllen des Minimums genügen würde, statt sich am Optimum und den Bedürfnissen der Region zu orientieren. Angesichts der Brisanz der ASA-Pläne und im Zusammenhang mit der Vergabe der Fernverkehrskonzession durch das BAV möchte ich zusammen mit meinen beiden Urner Kollegen in Bern und mit der Regierung das weitere Vorgehen möglichst bald besprechen.

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