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GOTTHARD: Eingeklemmt zwischen Autobahn und Zuglinie

Landwirt Hans Arnold wäre direkt betroffen, falls das Volk die zweite Gotthardröhre am 28. Februar ablehnt. Für die Verlade- stationen müsste er einen breiten Streifen Land hergeben.
Deborah Stoffel
Bauer Hans Arnold auf seinem Land im Rynächt. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue UZ)

Bauer Hans Arnold auf seinem Land im Rynächt. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue UZ)

Schattdorf Rynächt, nördlich von Erstfeld. Hier liegt der Hof von Hans Arnold – auf der flachen Sohle eines breiten Tals, in dem auf der einen Seite die Bahnlinie und auf der anderen die Autobahn die Flanke entlangführt. Überall sind die Spuren des Baus des Gotthard-Basistunnels zu sehen: Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise ist das Informationszentrum der Bauherrin Alptransit Gotthard AG gut sichtbar, gleich neben Arnolds Hof verläuft eine Teerstrasse, die gebaut wurde, um den Schutt aus dem Tunnelloch für den Basistunnel herauszufahren. Diesen Streifen Land soll Arnold spätestens 2018 wieder zurückbekommen. «Ich rechne fest damit», sagt er. Es handle sich zwar um vergleichsweise wenige Quadratmeter, doch für seinen Betrieb, der von der Milchwirtschaft und Viehaufzucht lebt, sind sie dennoch wichtig.

Ein Tal der Baustellen

Jetzt wartet Arnold gespannt auf das Resultat der Volksabstimmung vom 28. Februar. Während die Gegner einer zweiten Gotthardröhre sagen, es drohe Mehrverkehr und die Neat würde durch einen zweiten Strassentunnel weniger rentieren, hat der Landwirt ganz andere Sorgen. Sagt das Volk Nein zur zweiten Röhre, wird eine Anlage auf sein Land gestellt, um die Lastwagen auf die Schiene zu verladen. Der Bund sieht für den Fall, dass das Volk Nein sagt zur zweiten Gotthardröhre, ein Verladekonzept vor. Für den Personenverkehr soll zwischen Göschenen und Airolo ein Autoverlad und für den Güterverkehr zwischen Erstfeld und Biasca eine Rollende Landstrasse (RoLa) eingerichtet werden.

Für die Verladestationen würden in Erstfeld gemäss Bundesamt für Strassen (Astra) etwa 55 000 Quadratmeter Land benötigt. Das entspricht knapp acht Fussballfeldern. Bei einem Ja an der Urne hingegen wären in Uri 150 000 Quadratmeter – eine Fläche von 21 Fussballfeldern – nötig für die Baustellen der zweiten Röhre. Allerdings wurden 90 Prozent dieser Fläche bereits beim Bau des Gotthard-Strassentunnels gebraucht, und 46 Prozent davon seien bereits asphaltiert oder überbaut, hält das Astra fest. So müsste für den Bau der zweiten Röhre praktisch niemand sein Land hergeben.

Aber Hans Arnold würde mit der Verladestation im Rynächt etwa 1,5 seiner insgesamt 6,5 Hektaren Land verlieren. «Ich könnte dann etwa vier Kühe weniger halten», sagt er. Das klingt nach wenig. Aber das würde seinen Betrieb in Schwierigkeiten bringen. Heute kann er mit seinem Land 20 Milchkühe und 10 bis 15 Rinder halten und das Futter für sie herstellen wie auch die Gülle auf seinem Land wiederverwenden. «Mit den geschätzten 7500 Franken Pachtzins, den ich für die 1,5 Hektaren vom Bund erhalten würde, könnte ich kein Futter kaufen. Denn damit hätte ich wiederum mehr Mist, für den ich mit weniger Land keine Verwendung hätte.»

Blick Richtung Süden zum Gotthard. 1,5 von 6,5 Hektaren müsste Landwirt Hans Arnold für den Bau einer Verladestation hergeben. (Bild: Alptransit AG)

Blick Richtung Süden zum Gotthard. 1,5 von 6,5 Hektaren müsste Landwirt Hans Arnold für den Bau einer Verladestation hergeben. (Bild: Alptransit AG)

Betrieb mit drei Stufen

Hans Arnold führt mit seiner Frau Agnes und seinen Töchtern Monika und Petra einen sogenannten Stufenbetrieb. Neben dem Hof im Rynächt besitzen sie einen Hof in Bürglen, auf 900 Meter über Meer, sowie eine Alp auf dem Urnerboden. Im Sommer ist ihr Vieh für 100 Tage auf der Alp. Für Arnolds heisst das pendeln, denn die Wiesen im Rynächt und in Bürglen müssen gemäht werden. «Das eigene Heu und Silofutter reichen aus, um die Tiere im Winter zu füttern», sagt der Landwirt. Die restliche Zeit des Jahres verbringen die Milchkühe im Tal beim Rynächt und die Jungtiere und das alte Vieh auf den steileren Weiden in Bürglen.

Urner Regierung gegen Röhre

Mitte Dezember hat der Urner Landrat Ja gesagt zur zweiten Gotthardröhre. Und er hat dem Regierungsrat empfohlen, sich ebenfalls für die zweite Röhre einzusetzen. Bisher vertrat dieser die Nein-Parole. «Konsequenterweise müsste der Regierungsrat nun umschwenken», sagt Arnold. Uri musste bereits viel Land opfern für den zunehmenden Nord-Süd-Verkehr. Neben den Bauten der Neat wurde 2008 in Erstfeld gleich neben der Autobahn ein Schwerverkehrszentrum gebaut, um die Lastwagen zu wägen, bevor sie durch den Gotthard fahren. «Bereits zu Gunsten dieses Baus verloren Bauern ihr Land», sagt Arnold. «Wenn das so weitergeht, gibt es bald keine Grünflächen mehr in diesem Tal.»

Schon lange in Familienbesitz

Für Arnold steht auch ein Stück Familiengeschichte auf dem Spiel. Er ist in Bürglen geboren und als Sechsjähriger mit seiner Familie auf den Hof im Rynächt gezogen. Sein Vater hatte den Standort seinem Bruder abgekauft, um den Stufenbetrieb weiterführen zu können. Entsprechend viel liegt Arnold an diesem Ort. Für ihn ist der Bau der zweiten Röhre das kleinere Übel und die praktikablere Lösung. «Die Hoffnung besteht, dass der Verkehr mit dem zweiten Tunnel besser fliesst und weniger stehende Autos mit laufendem Motor die Luft verschmutzen», sagt er. «Und seien wir ehrlich: Jeder, der entscheiden kann, fährt doch eher mit dem Auto über den Gotthard, als dass er bis zu zwei Stunden bei der Ladestation ansteht, um durch den Tunnel gefahren zu werden.»

Weichenstellung am 28. Februar

Eine einfachere Sanierung, mehr Sicherheit und trotzdem keine zusätzlichen Lastwagen: Diese Ziele verfolgt der Bund mit dem Bau einer zweiten Tunnelröhre durch den Gotthard. Die bestehende Röhre ist 35 Jahre alt und muss saniert werden. Um auch während der Instandstellung des Tunnels die Fahrt durch den Berg zu ermöglichen, will der Bund ein zweites Loch durch den Gotthard bohren.
Das Parlament stimmte diesem Vorhaben in der Herbstsession 2014 zu. Der Tunnel soll ab 2020 in etwa sieben Jahren gebaut und die alte Röhre anschliessend gesperrt und saniert werden. Ab 2030 sollen dann beide Tunnel in je einer Richtung nur einspurig befahren werden; die zweite Spur soll dann als Pannenstreifen dienen.

Zwei Spuren gesetzlich verankert

Die Gegner einer zweiten Röhre – darunter der Verein Alpen-Initiative, der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) und die Parteien SP, Grüne und GLP – glauben aber nicht, dass eine Spur pro Tunnel gesperrt bleibt. Sie reichten im Januar das Referendum ein, das Volk stimmt darüber am 28. Februar ab. Sie argumentieren, dass wegen der regelmässigen Staus am Gotthard bestimmt rasch die Forderung laut würde, die bestehenden Kapazitäten zu nutzen. Weiter sagen die Gegner, auch die EU würde die Schweiz unter Druck setzen.

Verkehrsministerin Doris Leuthard hält die Befürchtungen der Tunnel-Gegner für unbegründet. «Der Verfassungsartikel im Alpenschutz wird eingehalten», sagte Leuthard anlässlich der Debatte im Frühling 2014 im Ständerat. Der Artikel untersagt, dass die Strassenkapazität, um die Alpen zu queren, erhöht wird. Folglich dürfen nur zwei Spuren befahren werden. Leuthard sagt zudem, das seit 2001 praktizierte Dosiersystem werde eingehalten, darum passierten künftig auch nicht mehr Lastwagen den Tunnel.

Beide Seiten sorgen sich um Neat

Der Bau der zweiten Röhre und die Sanierung des jetzigen Tunnels sollen 2,8 Milliarden Franken kosten. Zwar ist diese Variante teurer als die alternative Lösung mit Bahnverlad, deren Kosten der Bund auf etwa 1,5 Milliarden schätzt. Die Investition in die zweite Röhre ist laut Leuthard aber nachhaltiger. Der bestehende Tunnel müsse alle 30 bis 40 Jahre saniert werden. Baue man stattdessen jeweils Verladestationen auf und wieder ab, bringe das grosse Nachteile für die betroffenen Landpächter und -besitzer mit sich.

Den Verein Alpen-Initiative beeindruckt das nicht. Er sagt, dass mit einer zweiten Tunnelröhre das Ziel, mit der Neuen Alpentransversale (Neat) den Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern, bereits verwässert würde. Der Verein sagt auch, dass die Neat weniger rentiere, wenn die zweite Röhre gebaut würde. Er stützt sich dabei auf eine Studie des Forschungsbüros Interface, welche die Einbussen der SBB auf 54,7 bis 161,2 Millionen Franken pro Jahr beziffert.

Aus einem ganz anderen Grund glauben hingegen die Befürworter, dass sich ein Nein zur zweiten Röhre negativ auf die Neat auswirken würde. Mit dem Verlad der Lastwagen auf die Bahn zwischen Erstfeld und Biasca werde «aus einer Hochgeschwindigkeitsbahn eine langsame und für Pannen anfällige Verladependlerstrecke», schreibt der Schweizerische Gewerbeverband in einer Mitteilung. Es brauche beides, Strasse und Schiene, und sie dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, so der Verband.

Deborah Stoffel

Quelle: Uvek (Bild: Grafik: Oliver Marx / Neue LZ)

Quelle: Uvek (Bild: Grafik: Oliver Marx / Neue LZ)

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