GOTTHARD: «Gesamtrahmen hat sich verändert»

Ein Urner Komitee engagiert sich für den Bau einer zweiten Röhre, um den Gotthardtunnel zu sanieren. Landammann Josef Dittli zeigt auf, was die Regierung will.

Interview Bruno Arnold
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Josef Dittli: «Es ist in der Tat nicht ganz einfach, die Urner Haltung zu vertreten.» (Bild: Keystone)

Josef Dittli: «Es ist in der Tat nicht ganz einfach, die Urner Haltung zu vertreten.» (Bild: Keystone)

Bundesrätin Doris Leuthard informiert am 14. November in Altdorf über den aktuellen Stand in Sachen Sanierung des Gotthard-Strassentunnels (siehe Box). Beim anschliessenden Podiumsgespräch wird der Urner Landammann Josef Dittli die Haltung der Urner Regierung darlegen. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, wie schwierig diese Aufgabe geworden ist.

Josef Dittli, können Sie den Begriff zweite Röhre überhaupt noch hören?

Josef Dittli: Ich muss ehrlich sein: Ein gewisser Sättigungsgrad ist erreicht. Aber die zweite Röhre ist als wichtiges politisches Geschäft auf der regierungsrätlichen Agenda. Wir müssen diese Diskussion weiterhin führen.

Unter welchen Vorzeichen?

Dittli: Der Kanton Uri hat sich bisher bei sämtlichen nationalen und kantonalen Abstimmungen gegen eine zweite Röhre ausgesprochen. Es ist die Aufgabe der Regierung, dem Volkswillen konsequent nachzuleben.

Das heisst: Sie haben ein Nein zu einer zweiten Röhre zu vertreten. Wie schwer fällt Ihnen das, nachdem der Regierungsrat bei der Abstimmung vom Mai 2011 selber den Bau einer zweiten Röhre vorgeschlagen hat?

Dittli: Wir haben damals – als Gegenvorschlag zur Initiative der Jungen SVP – den Bau einer Ersatzröhre mit zwei Fahrspuren im Gegenverkehr ohne anschliessende Sanierung des bestehenden Tunnels respektive dessen vorläufige Stilllegung vorgeschlagen. Damit wollten wir nicht zuletzt auch ein regionalpolitisches Zeichen gegen die Abschottung unserer Nachbarn im Tessin setzen. Und vergessen wir nicht: Auch der Landrat hat sich damals für den regierungsrätlichen Ersatzröhre-Vorschlag ausgesprochen. Das Volk wollte aber weder von der Standesinitiative, der immerhin 43 Prozent zustimmten, noch von der Variante der Regierung, die nur 31 Prozent Anhänger fand, etwas wissen. Das heisst im Klartext: Die Regierung hat die Aufgabe, diese Volksmeinung zu vertreten.

Auch wenn immer wieder spekuliert wird, dass sowieso mehr als die Hälfte der Urner Regierung für eine zweite Röhre sei?

Dittli: Das ist tatsächlich Spekulation. Die persönliche Meinung eines Regierungsrats tut diesbezüglich nichts zur Sache. Aufgabe der Regierung ist es einzig und allein, die Meinung der Mehrheit des Volks zu vertreten. Punkt. Und das ist ein Nein zur zweiten Röhre.

Was schlägt die Regierung demnach vor, um den Gotthardtunnel ohne den vom Bundesrat vorgeschlagenen Bau einer zweiten Röhre zu sanieren?

Dittli: In Anlehnung an das vom Bund vor wenigen Jahren selber erarbeitete Sanierungskonzept vertritt die Urner Regierung folgende Lösung: Sperrung des Gotthard-Strassentunnels für je 8 bis 9 Monate während 3 bis 5 Jahren; stärkerer Einbezug der Gotthard-Passstrasse, unter anderem mit längeren Öffnungszeiten; stärkerer Einbezug der anderen Nord-Süd-Transitrouten durch die Alpen; Einrichtung eines leistungsfähigen Bahnverlads für PW zwischen Göschenen und Airolo; Einrichtung einer Rollenden Landstrasse für die Lastwagen mit mehreren Verladestationen, wobei eine Verladestation im Kanton Uri sein kann, diese aber viel kleiner und auch kostengünstiger sein muss, als es die heute vom Bund geplante Verladestation im Rynächt ist.

Der Bund ist aber mittlerweile von diesem von der Regierung bevorzugten Sanierungskonzept abgekommen und schlägt eine zweite Röhre vor. Auch in Uri machen sich breite Kreise für diese Variante stark. Ist das nicht Wasser auf die Mühlen all jener, die immer wieder sagen, die Urner wüssten nicht, was sie wollten?

Dittli: Es ist in Tat nicht ganz einfach, die «Urner Haltung» zu vertreten. Diese wird vom Urner Pro-Komitee und auch von ausserkantonalen Kreisen stark bekämpft. Zudem ist meine Wahrnehmung dahingehend, dass sich seit der Urner Abstimmung vom Mai 2011 am Gesamtrahmen doch einiges verändert hat.

Inwiefern?

Dittli: Dies vor allem aufgrund einiger Entscheide auf Stufe Bund. Zum Zeitpunkt der Abstimmung vom Mai 2011 im Kanton Uri fuhr der Bundesrat noch auf der Schiene «Sanierung ohne Bau einer zweiten Röhre». Er hat erst im Januar 2012, also ein gutes halbes Jahr nach der letzten Urner «Tunnelabstimmung», bekannt gegeben, dass für eine Verladestation am Rynächt 5 Hektaren Land benötigt würden und dass der Bau und der Betrieb der notwendigen Infrastrukturanlagen 500 Millionen Franken kosten würden – dies wohlverstanden für eine Dauer von drei bis fünf Jahren. Des Weiteren hat der Bundesrat seinen Entscheid für den Bau einer zweiten Röhre als Sanierungsvariante erst im Juni 2012 beschlossen. Auch die Realisierung des 4-Meter-Korridors für die Bahn schwebte im Mai 2011 noch in den Lüften. Und noch eine Feststellung: Die Frage der Sanierung ist in den letzten beiden Jahren immer stärker in den Vordergrund gerückt. Bei der Urner Abstimmung vom Mai 2011 war die Sanierung erstmals ein Thema. Bei allen bisherigen nationalen Abstimmungen aber, wie etwas bei der Avanti-Initiative, ging es immer nur um die Frage «Wollen wir grundsätzlich eine zweite Röhre bauen oder nicht, um vier Spuren zur Verfügung zu haben?». Heute geht es national um die beste Lösung für die Sanierung des Tunnels.

Müsste Uri heute über die Vorlage vom Mai 2011 abstimmen: Welches Resultat würden Sie prophezeien?

Dittli: Das ist schwierig zu sagen. Möglicherweise würden sich die prozentualen Ja- und Nein-Anteile noch mehr annähern. Aber das Ganze ist so oder so rein hypothetisch. Fakt ist: Uri hat im Mai 2011 Nein gesagt. Daran haben wir uns als Urner Regierung zu orientieren.

Doris Leuthard wird am 14. November in Altdorf eine andere Meinung vertreten als die Urner Regierung. Wie wichtig ist es für Sie grundsätzlich, dass sich Bundesrätin Doris Leuthard höchstpersönlich im direkt betroffenen Kanton Uri dieser Diskussion stellt?

Dittli: Frau Leuthard begibt sich in die Höhle des Löwen. Das ist ihr hoch anzurechnen. Sie stellt sich damit einerseits einer doch äusserst kontrovers und emotionsgeladen geführten Diskussion. Anderseits leistet sie mit ihrem Auftritt auch einen aktiven und wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung der Urner.

Hinweis

Die «Neue Urner Zeitung» hat das Medienpatronat für die Veranstaltung vom 14. November übernommen. Im Vorfeld des Anlasses werden deshalb mehrere Beiträge zur Thematik «Gotthard – wie weiter» publiziert. Den Anfang machte in der Ausgabe vom 14. Oktober die Botschaft des Bundesrats zur Änderung des Bundesgesetzes über den Strassentransitverkehr im Alpengebiet.