GOTTHARD: Hier sitzt das Gehirn der Neat

Der Basistunnel ist mit 200 000 Sensoren aus­gestattet. Damit soll der bald längste Eisenbahntunnel der Welt für jegliche Notfälle gewappnet sein.

Florian Arnold
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Peter Müller, Projektmanager (hinten), begutachtet mit Siemens-Mitarbeiter Martin Linggi das Kontrollsystem des Gotthard-Basistunnels in Pollegio (TI). (Bild: PD)

Peter Müller, Projektmanager (hinten), begutachtet mit Siemens-Mitarbeiter Martin Linggi das Kontrollsystem des Gotthard-Basistunnels in Pollegio (TI). (Bild: PD)

Es brennt im Zug. Das ganze Abteil füllt sich mit Rauch. Der Zug hält, die Passagiere müssen aussteigen. Auf offener Strecke ist dies keine allzu grosse Sache, doch wenn sich dasselbe mehrere Kilometer im Berginnern abspielt, ist das eine äusserst delikate Angelegenheit. Von Anfang an war klar, dass der längste Eisenbahntunnel der Welt hohen Sicherheitsanforderungen gerecht werden muss. Damit dies bis 2016 der Fall ist, wird zurzeit neben den Gleisen auch die ganze Bahnlinientechnik für die Steuerung und Überwachung des Zugverkehrs eingebaut. Bereitgestellt wird diese vom Grosskonzern Siemens. Dieser hat kürzlich eine umfangreiche Testphase abgeschlossen. Erste Erkenntnisse sind positiv.

Lüftung 19 Kilometer im Innern

Es ist warm und stickig. Einzig ein paar Neonröhren spenden fahles Licht. Ein lautes Rauschen lässt den Anschein erwecken, man befinde sich mitten in einem Schlauch eines Staubsaugers. Verursacht wird das Geräusch von der Lüftung, die rund 19 Kilometer im Innern des Tunnels dem Berg, so gut es geht, die Hitze entzieht und frische Luft nach unten bringt. Gelüftet wird nur in den beiden Multifunktionsstellen, welche die beiden Tunnels in jeweils drei Abschnitte teilen. Die Multifunktionsstellen sind dazu da, dass Züge einerseits über Spurwechsel in die andere Tunnelröhre wechseln können. Andererseits sind sie auch auf einen Nothalt eines Zuges ausgerichtet. So ist es hier möglich, dass bis zu 1000 Passagiere zwischenzeitlich evakuiert werden können, bis sie schliesslich von einem Ersatzzug wieder aus dem Tunnel befördert würden.

Pollegio, Tessin, am Südportal des Tunnels: Hier befindet sich das Gehirn der Neat. Pult reiht sich an Pult, Bildschirm an Bildschirm. Der gesamte Zugverkehr zwischen Chiasso und Arth-Goldau wird von hier aus koordiniert. Im Mai ist die südlichste Betriebszentrale der SBB eingeweiht worden. Brennt am Bahnhof Altdorf eine Lampe nicht, wird die Reparatur von hier aus eingeleitet. Hat der Zug in Erstfeld Verspätung, wird die Lautsprecherdurchsage von hier aus eingeschaltet. Im sechsstöckigen Betonbau wird nun auch das Tunnelleitsystem untergebracht, mit dem später der Betrieb des Basistunnels kontrolliert und gesteuert wird.

Alles im Blickfeld

Von einem Arbeitsplatz aus kann ein Mitarbeiter des Kontrollzentrums den ganzen Tunnel überblicken, sich aber gleichzeitig in die feinsten Details hineinklicken. Im Tunnel sind über 200 000 Sensoren untergebracht. Über das Netzwerk kann der Operator auf sämtliche Systeme zugreifen.

Für den Notfall sind im System Routineprogramme installiert. Völlig automatisch wird zum Beispiel im Brandfall die Lüftung aktiviert, das Licht in der nächsten Nothaltestelle eingeschaltet und die Türen geöffnet. Allenfalls wird Wasser aus dem Rückhaltebecken im Norden oder Süden entleert, um verschmutztes Löschwasser aufnehmen zu können. Ausserdem würde die Belüftung der technischen Räume im Tunnel so umgestellt, dass die Anlagen nicht durch verrauchte Abluft beschädigt werden.

Die Mitarbeiter des Kontrollzentrums werden im Notfall vom System zusätzlich mit Checklisten unterstützt. Festgehalten ist dort etwa, wen es zu alarmieren gilt und welche Entscheidungsschritte durchlaufen werden müssen. Diese Checklisten und Routinen wurden in Zusammenarbeit mit Experten definiert. Um das Notfallverhalten im Tunnel aber genaustens zu studieren, wurden sogar Statisten beigezogen.

Zentrum vierfach abgesichert

Viel Technik sorgt somit für die Sicherheit. Doch was, wenn diese einmal ausfällt? «Alle wichtigen Systeme sind mindestens doppelt abgesichert», erklärt Peter Müller, Projektmanager bei Siemens Schweiz, der für die Arbeiten am Tunnelleitsystem zuständig ist. Fällt das Hauptsystem des Kontrollzentrums aus, gibt es in Pollegio ein unabhängiges zweites System, das den Ausfall überbrücken kann. Fällt ganz Pollegio aus, kann das System vom Interventionszentrum in Erstfeld aus aufrechterhalten bleiben. Sämtliche wichtigen Sensoren geben ihr Signal an zwei unabhängige Leitungen ab. Und auch die Stromquelle ist mehrfach abgestützt. «Ein kompletter Stromausfall im Tunnel ist sehr unwahrscheinlich», sagt Müller. Im schlimmsten Fall aber liessen sich sämtliche Türen auch von Hand aufdrücken. «Unser Überwachungssystem ist auf eine sehr hohe Verfügbarkeit ausgelegt», erklärt Müller. Denn der Betrieb des längsten Eisenbahntunnels der Welt solle schliesslich nicht aufgehalten werden, weil das Kontrollsystem nicht funktioniert.