Gotthard-Reduit liefert Stoff für Forschung an Urner Institut

Beim Urner Institut Kulturen der Alpen kann zurzeit nur eingeschränkt gearbeitet werden. Die Forschung steht aber nicht still.

Markus Zwyssig
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Ein 600 Meter langer Tunnel führt zur Truppenunterkunft bei der Kanonenstellung in der ehemaligen Armee-Festung Sasso da Pigna auf der Gotthard-Passhöhe.

Ein 600 Meter langer Tunnel führt zur Truppenunterkunft bei der Kanonenstellung in der ehemaligen Armee-Festung Sasso da Pigna auf der Gotthard-Passhöhe.

Bild: Keystone / Gaetan Bally (21. Juni 2013)

Bibliotheken und Archive sind geschlossen. Feldforschung und Befragungen von Studienteilnehmern sind nicht oder nur beschränkt durchführbar. Trotzdem sagt Andreas Bäumler, der am Institut Kulturen der Alpen an einer Doktorarbeit über das Reduit am Gotthard schreibt: «Es ist nicht viel anders als vor der Coronakrise.»

Bäumler arbeitet zurzeit vor allem von Basel aus. Momentan ist es für ihn nicht zwingend notwendig, in Uri zu sein. Der Zugriff auf die Bibliotheken funktioniert. Lehrveranstaltungen wie Seminare und Vorlesungen sowie auch wissenschaftliche Gespräche zwischen Professoren und Lernenden, so genannte Kolloquien, finden online statt.

Gespür für die Topografie ist für die Arbeit wichtig

Trotzdem ist es für Bäumler von grosser Bedeutung, dass er für seine Arbeit Uri kennt: «Für mich als Literaturwissenschaftler ist es wichtig, ein Gespür für die hiesige Topografie zu bekommen», so Bäumler. In seiner Doktorarbeit zeigt er auf, welche ganz unterschiedlichen Ideologien über die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte mit dem Reduit am Gotthard verbunden waren und sind. Er zeigt diese «Poetik des Reduits», wie er es nennt, anhand politischer Rhetorik und literarischer Texte auf. Auch der Bund misst dieser Forschung eine grosse Bedeutung zu. Das beweist die Tatsache, dass Bäumlers Doktorarbeit ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds ist.

Hört man vom Reduit, so denkt man wohl zuerst an den Zweiten Weltkrieg. In einer beispiellosen Bedrohungslage wendet sich die Schweizer Armee im Sommer 1940 von ihrem Schutzauftrag ab und zieht sich in die Alpen zurück. Die Berge werden zu einem immensen Festungswerk ausgebaut, Grenzen und Mittelland aber kaum noch verteidigt. Der Bevölkerung wurde zunächst nur zögerlich kommuniziert, dass der Gotthard nicht als letzte Zuflucht gedacht war, sondern vor Beginn des Kampfes ausgebaut und bezogen werden sollte.

Die Armee erweitert das Schweizer Territorium massiv und baut 250 Kilometer Stollen in den Berg hinein. «Es ist da, aber weder zugänglich noch erprobt», fasst es Bäumler zusammen. Diese geheimgehaltene Alpenfestung ist für die Literatur ein spannender Schauplatz. Bäumler erwähnt die Literatur von Friedrich Dürrenmatt, Hermann Burger und Christian Kracht, in der dieser besondere Untergrund zum Zentrum eines riesigen Imperiums wird.

Mit dem bahnbrechenden internationalen Grossprojekt des Baus des Gotthardtunnels habe die Schweiz 1882 ihre traditionelle Rolle als «Hüterin der Alpenpässe» in Europas Mitte nochmals ganz neu einnehmen können, sagt Bäumler. Im Zweiten Weltkrieg war die Armee umgekehrt in der Lage, die wichtigste Infrastrukturlinie der Achsenmächte jederzeit mit Sprengungen zu schliessen. Dieses Druckmittel, so Bäumler sei entscheidend für die Reduitstrategie gewesen.

Gehe man weiter zurück, in die Epoche der Aufklärung, hatten die Alpen eine ganz andere Bedeutung. «Das Idyll ist ein zivilisationsferner, unberührter und naturhafter Raum», erklärt Bäumler. Im 18. Jahrhundert wurde das Reduit als geschichtsphilosophische Quarantäne gesehen.

Im 19. und 20. Jahrhundert werden die Alpen dann verschiedentlich als Mittelpunkt, Kern und Keimzelle eines grösseren, meist kontinentalen Raumes gesehen. Jeremias Gotthelf, Gonzague de Reynold oder Meinrad Inglin setzen sich intensiv mit dieser Thematik auseinander.

Im Institut kümmert man sich um die Beschaffung der finanziellen Mittel

Auch Geschäftsführer Romed Aschwanden und Institutsdirektor Boris Previšic arbeiten zurzeit im Homeoffice. Beschäftigt sind sie vor allem mit der Projektplanung für die Pilotphase des Instituts, welche bis Ende 2022 dauert. Eigene Projekte sollen lanciert werden. Umsetzen will man aber auch Projektideen aus der Bevölkerung. «Zurzeit sind wir sehr stark mit der Budgetierung und der inhaltlichen Ausrichtung der Forschungstätigkeiten beschäftigt», sagt Aschwanden. In den kommenden zwei bis drei Monaten sollen Gesuche um Gelder des Schweizerischen Nationalfonds ausformuliert werden.

Das könne er gut im Homeoffice machen. «Die notwendige Literatur finde ich meist online. Die Unterlagen aus der Bibliothek kann ich mir auch nach Hause schicken lassen.» Beim ebenfalls lancierten Seilbahnprojekt sei die Arbeit zurzeit hingegen schwierig, ebenso die Recherche im Staatsarchiv. So sei es gegenwärtig unmöglich, dort vor Ort entsprechende Schriften zu lesen. Feldforschung in den Landwirtschaftsbetrieben, beispielsweise mit Befragungen, könne man ebenfalls nicht betreiben. «Das Projekt ist nicht ganz auf Eis gelegt, aber die Arbeit hat sich verlangsamt», so Aschwanden.

Bereits vor 8000 Jahren wurde nach Kristallen gegraben

Ein weiteres geplantes Projekt soll sich der Stremlücke unterhalb des Oberalpstocks widmen. Dort machte der Strahler Heinz Infanger aus Amsteg 2013 einen aussergewöhnlichen Fund. Auf einer Höhe von 2800 Metern entdeckte er prähistorische Werkzeuge. Eine Untersuchung mit der C-14-Methode legte an den Tag, dass diese aus der Zeit 6000 vor Christus stammen. Der Kanton Uri hat zusammen mit dem archäologischen Dienst Graubünden bereits einiges an Fundmaterial untersucht. Daran beteiligt waren der Kantonsarchäologe Christian auf der Maur und der Archäologe Marcel Cornelissen.

Beim Institut Kulturen der Alpen will man nun die notwendige Finanzierung aufgleisen, um ein umfassendes Forschungsprojekt zur Stremlücke durchzuführen. Angeschrieben werden sollen dafür der Schweizerische Nationalfonds und verschiedene Schweizer Stiftungen.

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