Im Kanton Uri Fuss gefasst: Gummi zieht sie von Brasilien weg

Luciane Klafke De Azeredo arbeitet als Chemikerin bei Dätwyler. Aus einer 1,5-Millionen-Stadt zog sie in den Gotthardkanton.

Claudia Naujoks
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Die Brasilianerin Luciane Klafke hat sich im Kanton Uri gut eingelebt.

Die Brasilianerin Luciane Klafke hat sich im Kanton Uri gut eingelebt.

Bild: Claudia Naujoks (Altdorf, 16. September 2019)

Nichts an ihr sei typisch: Sie sei äusserlich keine typische Brasilianerin und auch ihr Name Klafke stamme vom österreichischen Urgrossvater, der Zweitname De Azeredo aus Portugal. Auch ihr Beruf sei nicht typisch für eine Frau. Dass sie aus einer Millionenstadt ausgerechnet ins beschauliche Uri gezogen ist, erstaunt dabei schon kaum mehr.

Geboren und aufgewachsen ist die 47-jährige Luciane Klafke De Azeredo im für brasilianische Verhältnisse «kleinen 1,5-Mio-Einwohner-Städtchen» Pôrto Alegre. Hier ist die geografische Nähe zu den Nachbarländern Argentinien und Uruguay deutlich zu spüren. Wie es dort allgemein üblich ist, ergreift sie nach der Schullaufbahn zunächst einen Lehrberuf und lässt sich zur Chemielaborantin ausbilden, da sie ein besonderes Interesse an diesem Fachbereich hegt.

Ihre Eltern – der Vater ist beim Militär tätig und die Mutter Hausfrau – sind mit der Finanzierung der Schulausbildung ihrer beiden jüngeren Geschwister belastet. Deshalb sucht sie sich eine privat geführte Universität. Diese ist günstiger und bietet die Lehrveranstaltungen auch am Abend an, im Gegensatz zur staatlichen, die zwar qualitativ besser ist, jedoch nur tagsüber Vorlesungen und Seminare abhält.

Ein Studium neben einem 100-Prozent-Job

Sieben Jahre verdient sich Luciane Klafke die Studiengebühren als Chemielaborantin am Tag und besucht abends die Uni. Das bedeutet für sie, jeden Tag um 5.30 Uhr zur Arbeit aufzubrechen, denn die Wege in Brasilien sind generell sehr weit und ab 7.30 Uhr zu arbeiten. 100 Prozent, denn Teilzeitbeschäftigungen gibt es so gut wie gar nicht. Und abends gehts noch zum Unterricht an die Universität. Sie wählt den Lehramtsstudiengang, er ist günstiger als ein Bachelor oder Master. Zu unterrichten, ist allerdings nicht ihr Traum.

Trotzdem führt sie diesen Beruf zunächst sieben Jahre an einer Highschool aus und vermittelt jungen Physiotherapie-Studenten an der staatlichen Universität ihres Bundeslandes Chemiebasiswissen. All das erfüllt sie aber nicht. Sie sucht die Herausforderung und auch eine Professorin erkennt ihr Potenzial. Mit deren Hilfe wechselt sie wieder in die Gummiindustrie und beginnt das Masterstudium in Chemie mit der Spezialisierung im Bereich der Gummiherstellung (Polymere) aus dem Rohstoff Kautschuk.

Sie streckt die Fühler in der Industrie aus

15 Jahre gehen ins Land, bis sie schliesslich 2009 ihren Doktortitel in Händen hält. Im letzten Jahr ihrer Doktorarbeit – 2006 – profitiert sie von der Kooperation ihrer Universität und dem Kautschukinstitut in Hannover und hat dort im Rahmen eines Stipendiums die Möglichkeit, die von ihr entwickelte Apparatur patentieren zu lassen. «In einem Jahr passiert so einiges, womit niemand rechnen konnte», blickt sie zurück, und so werden aus einem Jahr drei Jahre. Mit dem sogenannten Postdoc, eine Anstellung im Anschluss an die Doktorandenprüfung, kann sie einerseits ihr Projekt weiterentwickeln beziehungsweise betreuen sowie in Ruhe nach einer Anstellung suchen. Ihre Fühler streckt sie vor allem in Deutschland und Brasilien aus. Eines ist klar: Im Lehramt möchte sie nicht mehr bleiben.

Schon zu diesem Zeitpunkt zeigt es sich, wie klein die Welt der Gummiindustrie ist oder wie gut das Netzwerk in dieser Branche funktioniert. «Jeder kennt jeden, es ist wie ein Geflecht aus Gummifäden», sagt sie und lacht. «Die meisten haben ihre Promotion auch noch in Hannover absolviert.» So wie der damals scheidende Chef einer Zürcher Firma, die Gummimischungen herstellt und verkauft. Er fragt in Hannover nach fertig studierten Fachkräften und so ergibt es sich, dass die damals 38-jährige Chemikerin bereits nach einem Jahr in ebendieser Firma zur Entwicklungsleiterin avanciert. Dort sitzt sie auch in der Geschäftsleitung des relativ kleinen Unternehmens.

Österreich oder Uri, lautete die Frage

«Nach sieben Jahren war ich nicht mehr zufrieden, weil ich nicht einverstanden war mit der dort praktizierten Strategie. Ich konnte diese auch nicht mehr gegenüber den Mitarbeitern vertreten», resümiert Luciane Klafke. Und wieder sind es die Gummifäden des Netzwerks, die ihr den Weg weisen. Eine Chemikerkollegin, die sie aus Hannover kennt und bei der Dätwyler AG in Altdorf arbeitet, bittet sie um ihre Bewerbungsunterlagen, und so ergibt es sich, dass sie sich am Ende zwischen zwei Angeboten, daneben einem aus Österreich, entscheiden muss.

Die Entscheidung fällt auf das Urner Unternehmen, weil sie hier die Möglichkeiten hat, sich mit ihrer Qualifikation einzubringen. Und nicht zuletzt weil «die Gegend hier atemberaubend schön ist», wie sie sagt. 2017 zieht Luciane Klafke nach Altdorf.

Sie fasst Fuss im Urner Vereinsleben

Zürcher Kollegen warnen sie bei der Wohnungssuche noch vor den «verschlossenen Urnern». Sie erlebt aber das Gegenteil: Die Wohnungssuche sei sehr angenehm verlaufen und sie sei auf offene Herzen gestossen. «Ich fühle mich nach zwei Jahren hier schon mehr zu Hause als in Zürich nach den sieben Jahren, und dort war ich auch in einer dörflichen Gegend», so Luciane Klafke.

Aber im Gegensatz zu dort sei hier ein Plausch am Gartenzaun oder im Hausflur – auch für sie – selbstverständlich. Auch die Begrüssungskultur auf der Strasse vermittle eine positive Grundstimmung und schaffe eine friedliche Atmosphäre, sagt Luciane Klafke. Aber es helfe natürlich auch, dass sie aktiv am Vereinsleben teilnehme: «Ich singe in einem Gospelchor und ...», sie macht eine spannungsreiche Pause, lächelt verschmitzt und fährt fort: «... bin Feuerwehrmitglied.»

Feuerwehrfrau mit Doktortitel in der Gummiindustrie: Neue Bekanntschaften staunen darüber. Luciane Klafke schmunzelt. Als sie in die Berufswelt eingestiegen sei, wäre sie als Frau allein unter Männern gewesen. Das sei heute etwas anders – sie habe hier immerhin eine Arbeitskollegin in der Gummiverarbeitung.

Die Brasilianerin hat sich im Kanton Uri gut eingelebt. An manches musste sie sich gewöhnen, zum Beispiel an die Ladenöffnungszeiten am Samstag. Anderes dagegen sei ihr auch von zu Hause vertraut, wie beispielsweise die Mülltrennung. In Brasilien sei dies zwar noch nicht verbreitet, aber vor allem ihre Mutter, die selber auf einer Internatsschule war und auf Disziplin und Ordnung wert legt, hätte sie und ihre Geschwister dazu erzogen. Dieses Ethos verinnerlicht zu haben, habe ihr es sicher auch leichter gemacht, sich hier schnell zurechtzufinden. Auch wenn ihr bewusst sei, dass sie hier immer die Ausländerin bleiben werde.

Ein grosser Wunsch bleibt noch unerfüllt

Gerne hätte sie ihre Familie um sich. Auch in Brasilien würde Luciane Kafte mit Sicherheit einen guten Job finden. Aber Geld mache dort nicht frei, sondern zwinge zu einem Leben wie im Gefängnis hinter Schutzgittern, Alarmanlagen am Haus und schusssicheren Gläsern am Auto. Leben müsste man in ständiger Angst davor, ausgeraubt und an Leib und Leben bedroht zu werden. Deshalb würde sich Luciane Klafke freuen, wenn ihre Eltern näher zu ihr ziehen würden, zum Beispiel nach Portugal. Aber bis dahin wünscht sie sich für die Zukunft, dass sie sich die Reisen in die Heimat weiterhin leisten kann, denn ihre Mutter ist überhaupt nicht gerne unterwegs. In den zwölf Jahren, seit sie von Brasilien weggezogen ist, wären sie einmal in Deutschland und einmal in der Schweiz bei ihr zu Besuch gewesen, erzählt Luciane Klafke mit leisem Bedauern. Zum Glück gibt es die digitalen Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben.

Hinweis: Die Autorin Claudia Naujoks porträtiert in loser Folge Personen, die aus dem Ausland stammen und in Uri Fuss gefasst haben.