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GURTNELLEN: «Der Felsen ist im Innern faul»

Der aktuelle Steinschlag hat sich am selben Hang ereignet wie der grosse Felssturz 2012. Nun wollen die SBB reagieren: Das Gestein soll zusätzlich gesichert werden.
Anian Heierli
Seit Montagmittag fahren die Züge an der Abbruchstelle (im Bild) wieder einspurig. (Bild Urs Hanhart)

Seit Montagmittag fahren die Züge an der Abbruchstelle (im Bild) wieder einspurig. (Bild Urs Hanhart)

Anian Heierli

Ein Steinschlag hat am Samstagabend in Gurtnellen die Nord-Süd-Verbindung der Bahn unterbrochen. 180 Reisende wurden deshalb nach Erstfeld evakuiert (siehe «Zentralschweiz am Sonntag»). Laut SBB ist das Gebiet mittlerweile gesichert, und seit Montag fahren die Züge wieder einspurig. Brisant ist aber, dass es unweit der Abbruchstelle bereits 2012 einen grösseren Felssturz gegeben hat, bei dem während der Sicherungsarbeiten eine Person tödlich verschüttet wurde. Der aktuelle Steinschlag ereignete sich am gleichen Hang wie damals an direkt benachbarter Felsnase in rund 50 Metern Entfernung.

Geologen hätten Gebiet geprüft

«Es handelt sich hier um einen Felsen, der umgangssprachlich gesagt im Innern faul ist», erklärt Albert Müller, Verantwortlicher für Naturgefahren bei den SBB. Der Felsen sei 2012 von Geologen geprüft worden. Trotzdem hätten sie keine Anzeichen für einen Abbruch gefunden. Momentan bauen die SBB die beschädigten Auffangnetze wieder auf. Zusätzlich müssen 2,2 Kilometer Schiene erneuert sowie der Zug und die Fahrleitung repariert werden. Bis Donnerstagmittag soll auch das zweite Gleis wieder befahrbar sein. Zu einem späteren Zeitpunkt wollen die SBB weitere Schutzmassnahmen ergreifen: Konkret werden Felspartien vernagelt und neue Hangnetze montiert. Laut Müller sind die Möglichkeiten, Felsstürze zu verhindern, beschränkt. Obwohl die SBB dafür eine beträchtliche Summe investieren, bleibt immer ein Restrisiko. Jährlich 53 Millionen Franken fliessen schweizweit in den Bereich Natur und Naturrisiken. Wie gross der finanzielle Schaden des Steinschlags vom Samstag ist, kann noch nicht beziffert werden.

«Lose und voller Wurzeln»

Doch was genau führte dazu, dass am Samstag rund 50 Kubikmeter Gestein nahe am Gleis ausbrachen? «Es hat sich um eine Felsschicht gehandelt, die lose in der Wand eingebunden war», sagt Müller. «Diese Felsschicht war tiefgründig verwittert. Sie war aufgelockert und von Wurzeln durchzogen.» Deshalb sei das Gestein beim Absturz in Stücke zerbrochen. Ein Schutznetz wurde aufgerissen. Das Netz bremste die enorme Masse aber und verhinderte, dass die Felsbrocken das talseitige Gleis beschädigten.

Todesfallrisiko ist sehr klein

Als das Geröll ins Schutznetz donnerte, wurde der automatische Alarm ausgelöst – genau in dem Moment, als der ICN-Zug von Lugano nach Zürich den Abschnitt durchquerte. «Es blieb keine Zeit, den Zug zu stoppen», weiss Müller. Statistisch sei dieser Fall aber sehr selten. Normalerweise bleibe bei Alarm genug Zeit, den Bahnverkehr anzuhalten. SBB-Sprecher Christian Ginsig machte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA folgende Rechnung: Das individuelle Todesfallrisiko liegt bei 0,00001%. Das heisst, ein Passagier kann theoretisch im Laufe eines Jahres 100 000-mal durch eine Gefahrenzone fahren, ohne dabei zu sterben.

Frühling birgt grösste Gefahr

Nun ist die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Felsabbruch wegen der fallenden Temperaturen aber kleiner geworden. Entgegen anderen Vermutungen sind im Winter Felsabbrüche eher selten. «Die grösste Gefahr besteht im Frühling», erklärt der Urner Kantonsingenieur Stefan Flury. «Dies ist der Fall, wenn Wasser in Klüften wegen Temperaturschwankungen auftaut und gefriert und so eine grössere Sprengwirkung bekommt, die dann zu Ablösungen führen kann.» Gerade deshalb werden im Frühjahr die meisten Felsreinigungen durchgeführt, um loses Gestein zu beseitigen. Gemäss Flury können auch starke Niederschläge zu Felsstürzen führen: «Ich vermute, dass es am Samstag wegen der heftigen Regenfälle in der vorangegangenen Woche zum Steinschlag gekommen ist», sagt er. Das sei an einem warmen November nicht ungewöhnlich. Häufig wird dem Klimawandel die Schuld für Murgänge und Felsabbrüche gegeben. Flury geht jedoch nicht davon aus, dass der Klimawandel Einfluss auf die jüngsten Ereignisse hatte.

SBB-Sprecher Ginsig verweist zudem auf den Gotthard-Basistunnel, der die Sicherheit erhöhen soll. «Der Basis­tunnel, der 2016 eröffnet wird, vermindert das Risiko zusätzlich», sagt er. Die alpine Zone werde gar nicht mehr befahren und nur noch für regionale Züge und als Ausweichroute genutzt.

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