HALDI: Das Schiff muss auf den Berg

Bauern vom Haldi schleppen mit Manneskraft ein Holzboot auf den Berggipfel der Burg – und werden so Teil einer ganz besonderen Kunst-Performance.

Elias Bricker
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Männer vom Haldi zogen das über acht Meter lange Boot über die steilsten Bergflanken von der Stafelalp Richtung Burg. (Bilder Christian Schnur)

Männer vom Haldi zogen das über acht Meter lange Boot über die steilsten Bergflanken von der Stafelalp Richtung Burg. (Bilder Christian Schnur)

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Die Szene könnte nicht absurder sein: Keuchende Bauern ziehen ein Boot auf einen Berg. Wanderer, die das eigenartige Geschehen beobachten, kommen aus dem Staunen nicht heraus oder beginnen laut zu lachen.

Ereignet hat sich die Szene am Samstag vor einer Woche oberhalb von Schattdorf. Rund fünfzehn Männer – mehrheitlich Bauern vom Haldi – schleppten das über acht Meter lange Holzboot vom Haldi auf die Burg. Denn oben auf dem Berggipfel der Burg auf 2243 Metern über Meer gibt es zwei winzige Seen. Das Boot wird aber keine Touristenattraktion für Wanderer. Denn die ganze Aktion war Kunst – eine Performance, ein Happening.

Kindheitserinnerungen an die Burg

Hinter der Aktion steckt eine Urner Künstlerin: Iris Beatrice Ganz-Baumann. Die 40-Jährige ist in Bürglen aufgewachsen, lebt aber seit fünfzehn Jahren in der Stadt Basel und arbeitet als freischaffende Künstlerin und Dozentin an einer Kunsthochschule. Gleichzeitig holt sie jetzt auch noch ihren Master an der Kunsthochschule nach. Zur Burg ob Schattdorf hat sie eine ganz spezielle Beziehung. «Wanderungen auf die Burg gehörten früher als Kind bei uns zum Sonntagnachmittags-Programm», erinnert sich Ganz-Baumann. «Dass es dort oben beim Gipfel Seeli hat, fand ich schon immer speziell.»

Wie Wikinger oder «Fitzcarraldo»

Die Idee, ein Boot im Burg-Seeli zu wassern, ist Ganz-Baumann schon lange im Kopf herumgeschwirrt. «Mich faszinieren Geschichten, in denen Männer riesige Schiffe über Land ziehen», sagt Ganz-Baumann. Und solche Geschichten gibt es in der Literatur zuhauf. Da wären etwa die unzähligen Geschichten über Wikinger, die ihre Schiffe über Berge schleppten, um die Seefahrt zu verkürzen oder Feinde aus dem Hinterhalt anzugreifen – oder der Filmklassiker «Fitzcarraldo» mit Claudia Cardi­nale aus dem Jahr 1982, in dem ein reicher Exzentriker mitten im Urwald ein Opernhaus bauen will und dazu ein Dampfschiff quer durch den Dschungel schleppen lässt. «Die Geschichten sind alle extrem absurd», sagt Ganz-Baumann. «Doch bei allen Geschichten brauchte es immer Leidenschaft, damit das Unmögliche möglich wurde.»

Die Kunstaktion von Iris Beatrice Ganz-Baumann soll nun ebenfalls als Film verarbeitet werden – ein Kurzfilm, in dem man sieht, wie urwüchsige Bergler ein Boot auf einen Berg ziehen. «Die ganzen Strapazen sollen sichtbar sein», sagt Ganz-Baumann. Der Film soll dann später einmal in verschiedenen Kunstausstellungen gezeigt werden – zusammen mit dem Boot.

Denn das Boot blieb nicht lange auf der Burg, sondern wurde nach der Aktion mit dem Helikopter wieder aufs Haldi zurückgeflogen. «Das Boot im See zu lassen, wäre schon cool gewesen», sagt die Künstlerin. «Doch irgendwie scheute ich den administrativen Aufwand mit den Bewilligungen.»

Das Atelier war zu klein

Das acht Meter lange Boot, das die Haldibergler auf die Burg schleppten, hatte Iris Beatrice Ganz-Baumann selber gezimmert – zusammen mit ihrem Mann, der Schreiner ist. «Eigentlich wollte ich ein viel grösseres Schiff bauen», sagt die Urnerin mit einem Lachen beim Interview in der Redaktion der «Neuen Urner Zeitung». «Doch mein Atelier in Basel war einfach zu klein.»

Damit sie das Boot mit einem Kleintransporter von Basel nach Uri transortieren konnte, musste die Künstlerin es aber wieder in die Einzelteile zerlegen und auf dem Haldi, wo ihre Eltern ein Haus besitzen, neu zusammensetzen.

Helikopter übernahm den Schluss

Am Samstag vor einer Woche transportierten die angeheuerten Männer das Boot schliesslich mit einem Landwirtschaftsfahrzeug vom Haldi bis zur Stafelalp, wo die Schotterstrasse endet. Ab dort war dann Manneskraft gefragt. Mit Seilen und zum Teil auch mit einer Motorwinde wurde das schwere Boot über die steilsten Berghänge hinaufgezerrt. Kurz vor der so genannten «Plattistägä» war jedoch Schluss. Ein Helikopter flog die Holzkonstruktion wie geplant die letzten Höhenmeter. Denn das lange Boot hätte unmöglich den schmalen Felsenweg passieren können.

Mehrere Ausstellungen geplant

«Ohne die Helfer vom Haldi wäre die Aktion undenkbar gewesen», sagt Iris Beatrice Ganz-Baumann. Um die Leute für ihre Aktion zu gewinnen, benötigte sie aber schon einige Überredungskünste. Der erste Haldibergler habe aber spontan im Winter bei einem Gespräch auf dem Skilift Kellerberg zugesagt. Und obwohl die meister Haldibergler sonst mit Kunst wenig oder nichts anfangen können, liessen sie sich für das Projekt begeistern. «Der Stolz hätte es ihnen nicht zugelassen, das Boot nicht nach oben zu bringen», sagt die Künstlerin.

Begleitet wurden die Männer von rund zwanzig Kunstschaffenden, welche die Schleppaktion beobachteten. Einige von ihnen machten Fotos, drehten Videos oder zeichneten die Szene. Andere liessen sich von der Aktion inspirieren und werden ihre gewonnenen Impressionen in eigene Projekte einfliessen lassen. Dabei sind Welten aufeinandergeprallt: die Künstler aus der Stadt und die urwüchsigen Bergler vom Haldi. «Ich war erstaunt, wie super sie sich verstanden haben», sagt Ganz-Baumann.

Die Werke der verschiedenen Künstler, das Boot und der Kurzfilm über das Kunst-Happening sollen in mehreren Ausstellungen gezeigt werde. Frühestens im Jahr 2016 soll die «Boot-Ausstellung» voraussichtlich im Haus für Kunst Uri in Altdorf gezeigt werden.