Herdenschutz ist vielerorts im Kanton Uri nicht möglich

Ohne Schafe in den Bergen würden die Alpen bald verlottern. Lamas könnten eine Alternative zu den Herdenschutzhunden sein.

Paul Gwerder
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Schafhalter Max Müller bringt den Schafen Zusatznahrung auf die Alp.

Schafhalter Max Müller bringt den Schafen Zusatznahrung auf die Alp.

Bild: Paul Gwerder (Unterschächen, 14. August 2020)

«Herdenschutz in diesem Gebiet ist in Gottes Namen nicht so einfach», sagt der 30-jährige Schafhalter Max Müller zu den Medienleuten auf der Schafalp und fügt an: «Ich mache alles, was mit vernünftigen Mitteln hier möglich ist».

Trotz regnerischen und nebligen Wetters schafften alle den rund einstündigen steilen Aufstieg von Wannelen hinauf bis unterhalb des Wäspen. Dort sagte der Bauernverbandspräsident Wendelin Loretz am vergangenen Freitag zu den Medienvertretern: «Hier wird genauso gut zu den Schafen geschaut wie in einer geschützten Herde. Nur ist in dieser Gebirgslandschaft ein Herdenschutz nicht möglich, den wir sonst gerne umsetzen würden.»

Medienleute waren oft noch nie auf einer Alp

Ein Riss durch einen Wolf ist für einen Schafhalter und dessen Familie immer ein sehr emotionales Ereignis. «Und für die Medien ist es oft das Wichtigste, berichten zu können, ob die Schafherde geschützt oder ungeschützt war, ohne die Gegend zu kennen», ärgert sich Loretz. Deshalb sei die Medienorientierung für einmal nicht in einem Büro, sondern auf einer Schafalp. Denn viele Berichterstatter seien wohl noch nie auf einer solchen Alp gewesen. Sie sollten sich selber einmal ein Bild davon machen, wie schwer an dem Ort der Herdenschutz zu bewerkstelligen sei, so der Bauernpräsident. Für den Schafhalter auf einer ungeschützten Weide hat ein Wolfsriss finanzielle Folgen, denn gegenüber einem Riss auf einer geschützten Weide wird dieser nach Annahme des Jagdgesetzes nicht vergütet.

«280 Sömmerungsbetriebe gibt es im Kanton und von diesen haben deren 71 Schafe. Das sind 18000 Tiere, von denen wiederum die Hälfte im Kanton Uri ihre Ferien verbringen», sagt Damian Gisler, Vorsteher des Urner Amts für Landwirtschaft. Weiter führt er aus, dass ein Drittel der 180 Urner Landwirtschaftsbetriebe Schafe hielten, insbesondere in den Seitentälern. «Wir beraten die Schafbauern proaktiv zum Herdenschutz, müssen aber selber feststellen, dass dieser nur bedingt überall umzusetzen ist.» Als Herdenschutz gelten Zäune, die wolfsicher angelegt sind oder Herdenschutzhunde, die gefördert werden. «Lamas oder Esel, die es auch auf einigen Schafalpen zu sehen gibt, gelten nicht als Herdenschutz», betonte Gisler.

Schafhirt und zwei Lamas schauen zu den Tieren

«Insgesamt habe ich zusammen mit zwei anderen Bauern rund 100 Schafe hier und dazu zwei Lamas zum Schutz vor dem Wolf», erzählt Schafhalter Max Müller. Seine Schafe könnten auf insgesamt fünf Koppelweiden grasen. Sie seien somit nie lange am gleichen Ort und hätten immer gutes Gras.

Das hat auch seinen Nachteil, denn Max Müller muss mit seinem gleichnamigen Vater an mindestens sechs Tagen «hagen». Obwohl Max Müller mit viel Arbeit ausschliesslich einen elektrischen Zaun gebaut hat, ist dieser nicht wolfssicher. An vielen Orten wird der Fels zur natürlichen Grenze. Für einen hungrigen Wolf wäre das allerdings kein Hindernis. «Bis zum heutigen Tag hatten wir Glück, was den Wolf angeht», betont Max Müller. Die Lamas hätten gegenüber Herdenschutzhunden den grossen Vorteil, dass sie das ganze Jahr bei den Schafen sein könnten und das gleiche Gras frässen. «Herdenschutzhunde könnten in diesem Gebiet problematisch werden, da ein blau-weisser Wanderweg durch dieses Gebiet führt» glaubt Müller. Mindestens zweimal pro Woche gehen die Müllers zu den Schafen und bringen «Gläck» mit und sehen nach, ob die Tiere alle gesund sind.

Nur etwa ein Dutzend Herden gelten als geschützt

«Ich mache nichts anderes, als abzuklären, ob eine Alp schützbar ist oder nicht», sagt Herdenschutzberater Jörg Haller. Dazu klärt er ab, ob ein Hund auf einer Alp in Frage kommt oder nicht. Zur Alp im Schächental sagt er: «Eine solche Alp in dieser zerklüfteten Felslandschaft zu schützen ist fast unmöglich.»

Bauernpräsident Wendelin Loretz sagt abschliessend: «Mit diesem Anlass wollten wir die Bevölkerung aufklären, weshalb der Herdenschutz nicht überall so leicht umzusetzen ist.» Im Kanton Uri gelten nur etwa ein Dutzend Schafherden als geschützt. Glücklich wären die Schafhalter schon, wenn Lamas gleich wie Hunde als Herdenschutz gelten würden.