Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

HILFSPROJEKT: Erstes Lächeln nach der Grenze

Die Urnerin Raphaela Gisler und eine Gruppe Schweizer haben in Serbien das Projekt Rastplatz ins Leben gerufen. Sie geben Flüchtlingen zu essen – und machen ihnen Mut.
Raphaela Gisler im Grenzgebiet von Serbien am «Rastplatz». Die Urnerin serviert Flüchtlingen eine Gratis-Mahlzeit. (Bild: PD)

Raphaela Gisler im Grenzgebiet von Serbien am «Rastplatz». Die Urnerin serviert Flüchtlingen eine Gratis-Mahlzeit. (Bild: PD)

Florian Arnold

Abertausende Flüchtlinge kommen in diesen Monaten nach Europa. An manchen Tagen passieren bis zu 8000 Personen die Grenze von Mazedonien nach Preschevo, Serbien. Es sind vor allem Flüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan und dem Irak. Zwei Kilometer müssen sie zu Fuss bis zum Registrierungsposten zurücklegen, wo sie eine Aufenthaltsbewilligung für 72 Stunden bekommen. Die Schlangen, in die sich die Menschen einreihen, scheinen endlos. Ein Zelt ein paar Meter nach der Grenze sorgt da für etwas Auflockerung. «Ähläm Sähläm» steht in arabischer Schrift schwungvoll aufgesprüht auf eine blaue Zeltblache, darunter die englische Übersetzung: Welcome. Es gibt gratis Tee, Süssigkeiten, Früchte und Maklube, ein traditionelles syrisches Gericht, das man ausschliesslich Gästen serviert.

«Rastplatz» heisst das Projekt, das fünf Schweizer lanciert haben, darunter auch die 25-jährige Urnerin Raphaela Gisler. Im September tauchte die Idee auf, als zwei Kollegen von ihr Ferien planten, gleichzeitig aber Flüchtlingen helfen wollten. In wenigen Wochen wurde ein Team formiert, das Geld auftrieb. Mit 8000 Franken zog ein Teil der Gruppe los ins mazedonisch-serbische Grenzgebiet, um die Flüchtlinge zu bekochen. Bald wurden für das Projekt auch Kleider- und Schuhspenden entgegengenommen. Und neben dem Essensstand richteten die Schweizer eine Wickelstation mit Damenhygiene-Artikeln für Mütter ein. Das Geld kam über eine Online-Plattform zusammen. Das System ist einfach: Die Gruppe kauft vor Ort ein, Spender übernehmen die Ausgaben: mal eine Rechnung für 500 Kilogramm Bananen, mal für eine Stereoanlage. Bis heute wurden so 20 000 Franken umgesetzt.

Ein Moment der Ruhe

«Unser Projekt ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Raphaela Gisler. «Oft haben uns die Flüchtlinge aber gesagt, dass sie bei uns zum ersten Mal in ein freundliches Gesicht blicken konnten und man sie erstmals danach gefragt habe, wie es ihnen gehe. Das ist sehr viel wert.» Kinder erhalten im «Rastplatz» Malstifte und Papier. Die Erwachsenen dürfen sich einen Moment der Ruhe gönnen. Dazu gibt es vertrautes Essen. «Das ist besser als nichts», findet Gisler. Obwohl nur wenig Zeit für die Vorbereitung zur Verfügung stand, sei das Projekt sehr durchdacht, betont die Volontärin. «Wir haben von vornherein versucht, uns gut zu vernetzen, und wir haben viel recherchiert.» Ihrer Gruppe komme entgegen, dass keine Hierarchien bestünden. «Jeder bringt seine Ideen ein.»

Mit Fragen überhäuft

Die Ideen waren das eine, die Umsetzung das andere. «Zuerst hat uns das Hygieneamt vor Ort nicht erlaubt, Essen zu kochen», erzählt Gisler. Vorderhand wurde am «Rastplatz» nur Tee serviert. Nach einem Standortwechsel gaben sich die Behörden schliesslich kulanter. Das Projekt begann zu laufen. Die Schweizer wurden mit Fragen überhäuft. Die Flüchtlinge wollten wissen, wo sie hinreisen sollten, welches Land für sie am besten sei. «Wir mussten dann jeweils zugeben, dass wir das auch nicht beantworten können», erzählt Gisler. Vielfach werde aber auch über Alltägliches wie das Wetter oder Fussball gesprochen. «Man muss sich immer bewusst sein, dass die Flüchtlinge in erster Linie ganz normale Menschen mit ähnlichen Interessen wie wir sind», sagt die Urnerin.

Eine Begegnung ging Gisler besonders nahe: «Eine Frau hatte ihren Mann und ihre Kinder verloren.» Über eine Stunde half Gisler der Syrierin bei der Suche. «Die Frau hat meine Hand so fest gedrückt, dass sie mir wehtat.» Dann die Erlösung: Nach langem Warten hätten sich die Frau, die Kinder und der Mann wieder in die Arme schliessen können. «Das war ein sehr berührender Moment», erinnert sich Gisler.

Chaos ist normal

«Mir hat das Projekt ins Bewusstsein gerufen, dass es auch noch eine andere Realität gibt als diejenige, die wir in der Schweiz leben», sagt die angehende Sozialarbeiterin, die zurzeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz studiert. Für das Projekt hat sie sich ein Semester vom Studium dispensieren lassen. Als sie nach einem ersten Einsatz für zwei Tage zurück in die Schweiz kam, fühlte sie sich wie in einer Scheinwelt. Alles sei so geordnet und sauber hier. «Für mich aber war das Chaos an der Grenze zur Normalität geworden.» Es war normal, dass sich der Müll über die ganzen Strassen verteilte. Es war normal, dass Menschen auf dem nackten Betonboden übernachten mussten. «In einer Nacht war kein einziger Arzt zu finden, der eine verletzte Frau hätte behandeln können. Wir konnten nichts machen», erzählt Raphaela Gisler. Solche Erlebnisse erschüttern sie.

«Ich kann jeden verstehen, der sich so einen Einsatz nicht antut», sagt Gisler, «denn man vernachlässigt seine eigenen Bedürfnisse.» Aber es öffne einem die Augen. An der politischen Situation könne man mit dem Engagement natürlich nichts ändern. «Aber die vielen Volontäre sind eine weitere Instanz, die eine Kontrollfunktion übernehmen und ein anderes, unabhängiges Bild der Situation vermitteln können, als das der Medien oder der Organisationen.» Besondere Herzlichkeit sei auch von den Einheimischen zu spüren gewesen. Mittlerweile konnte die Schweizer Gruppe den Einheimischen und anderen Volontären sogar die Hilfsstation in Preschevo übergeben. Ihr Projekt wollen sie allerdings noch ausweiten. Ihr nächstes Ziel ist ein «Rastplatz» im französischen Calais. Hier halten sich vor allem Flüchtlinge auf, die nach England wollen. Fallen oder stehen wird das Vorhaben mit einem: «Wir benötigen wieder viel Geld», so Raphaela Gisler.

Hinweis

Weitere Infos zum Projekt Rastplatz und Spenden unter www.rast-platz.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.