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«Hristos se rodi! – Unterwegs mit den Serbisch-Orthodoxen im Kanton Uri

Am 6. Januar begehen Katholiken und Protestanten den Dreikönigstag. Die serbisch Orthodoxen feiern an diesem Tag ihren Heiligabend. Wo feiert diese Glaubensgemeinschaft in Uri? Welches sind ihre Weihnachtsbräuche? Ein Augenschein.
Christof Hirtler
Kapelle zum Unteren Heiligen Kreuz in Altdorf: Vor dem Gottesdienst entzünden serbisch-orthodoxe Gläubige Kerzen zu Ehren der Lebenden und Verstorbenen. (Bild: Christoph Hirtler (Altdorf, 6. Januar 2019)

Kapelle zum Unteren Heiligen Kreuz in Altdorf: Vor dem Gottesdienst entzünden serbisch-orthodoxe Gläubige Kerzen zu Ehren der Lebenden und Verstorbenen. (Bild: Christoph Hirtler (Altdorf, 6. Januar 2019)

In den Altdorfer Allmendgärten hat Savo Stevanovic ein Gärtchen gemietet. Seit Jahren ist er der Grillmeister der serbisch-orthodoxen Familien im Kanton Uri. Am 6. Januar feiern die Serben «Badnji dan», Heiligabend (siehe Box). Es gilt das traditionelle Weihnachtsessen vorzubereiten. Savo Stevanovic ist bereits um 6 Uhr früh aufgestanden und hat seinen selber gebauten Grill installiert. Um 9 Uhr drehen sich zwei Spanferkel langsam am Spiess, eines für seine Familie und eines für einen Freund. Eine Autobatterie liefert den Strom.

Im Garten haben sich mehrere Männer versammelt. Savo Stevanovic giesst in kleinen Plastikbecher selbst gebrannten Zwetschgenschnaps: «Rakija», das serbische Nationalgetränk. Nebojsa Gavric hat eine Flasche Quittenschnaps mitgebracht –von seinem Onkel in Bosnien. Man wünscht sich schöne Festtage, giesst ein Becherchen Schnaps nach. «Sechs Stunden müssen die beiden Spanferkel grillieren, nur so wird es innen zart und durchgebraten», sagt Stevanovic. «Das Fleisch werde ich morgen nach dem Weihnachtsessen an meine Gäste verteilen.»

«Wir wollen unseren Kindern die serbische Kultur weitergeben.»
Nebojsa Gavric

Am 7. Januar feiern die Serben Weihnachten, und die 40-tägige Fastenzeit geht zu Ende. Die meisten Serben fasten jedoch nur am 6. Januar. «Wir verzichten auf tierische Produkte, wie Fleisch, Käse, Milch oder Eier», erklärt Nebojsa Gavric. «Am 6. Januar bereitet meine Frau mit unseren Töchtern die traditionellen Speisen zu: ‹Pasulj›, weisse Bohnen, dazu gibt es Fisch und Pita mit Kartoffel- oder Apfelfüllung.»

Bereits eine Stunde vor Liturgiebeginn

Am «Badnji dan» fällen Männer frühmorgens im Wald einen jungen Eichenbaum, den «Badnjak». Die Eiche steht für das Holz, welche die Hirten zur Geburt Christi mitgebracht hatten, um es mit einem Feuer im Stall zu wärmen, so die Legende. Anstelle eines Eichenbaums werden heute meist einige Eichenäste gesammelt, oder man kauft die «Badnjak»-Zweige am Heiligabend, nach dem Gottesdienst. Am «Badnji dan» strömen die Gläubigen bereits um 16 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Liturgie, in die Kapelle zum Unteren Heiligen Kreuz in Altdorf. Still ist es nicht, Freunde und Familien treffen sich, die Begrüssung ist herzlich. Beim Eingang sind Bienenwachskerzen in verschiedenen Grössen zu haben. Diese werden zu Ehren der Lebenden und den Toten bei den Ikonen vor dem Altar angezündet. Um bis zum Altar zu kommen, müssen sich die Gottesdienstbesucher geduldig in die Menschenschlange einreihen. Die beiden Ikonen, eine zeigt Maria mit dem Jesuskind, die andere, Christus, werden von den Gläubigen geküsst. Auf einem grossen Metallgestell mit zwei Tablaren brennen Kerzen. Die untere Ebene ist für die Verstorbenen reserviert, die obere für die Lebenden. Jede Kerze wird geküsst, bevor sie angezündet wird.

Von rechts: Grillmeister Savo Stevanovic, Nebojsa Gavric sowie Gast und Anwohner Fridolin Rauch beim Zubereiten der Spanferkel im Altdorfer Allmendgarten. (Bild: Christof Hirtler, Buchrain, 7. Januar 2019)

Von rechts: Grillmeister Savo Stevanovic, Nebojsa Gavric sowie Gast und Anwohner Fridolin Rauch beim Zubereiten der Spanferkel im Altdorfer Allmendgarten. (Bild: Christof Hirtler, Buchrain, 7. Januar 2019)

Um 17 Uhr eröffnet Priester Dragan Stanojevic mit dem Verteilen von Weihrauch die rund zweistündige Weihnachtsfeier. Die Gläubigen stehen auf. Zirka 500 Personen befinden sich im Kirchenraum, im Mittelgang stehen sie dicht gedrängt, die Kirchentüre steht offen, auch unter dem Vorzeichen wohnen Menschen dem Gottesdienst bei. Sämtliche Gebete werden gesungen, eine Chorsängerin antwortet im Wechselgesang auf die Gebete des Priesters. Die Gläubigen sind still und stehen während der gesamten Andacht. Erst als Stanojevic den Brief des orthodoxen Patriarchen Irinej verliest, dürfen sich die Gläubigen setzen.

Nach der Messe werden «Badnjak»-Zweige verkauft, und jede Familie geht zur Weihnachtsfeier nach Hause. Zuerst weiht der Vater die Ikonen mit Weihrauch. Erst dann setzt sich die Familie an den Tisch. Das Essen folgt an diesem Abend streng den kirchlichen Regeln des Fastens, Brot wird nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit den Händen gebrochen. Das fleischlose Abendessen besteht traditionell aus Fisch, Bohnen und Kabissalat.

Zusätzliches Gedeck gilt als Zeichen

Am frühen Morgen wird in vielen Familien die «Česnica», der serbische Weihnachtskuchen, gebacken. In der «Česnica» sind eine Münze, eine Bohne und ein Weizenkorn versteckt. Sie verheissen Reichtum, Glück und Erfolg im neuen Jahr. Jeder bricht, wie bei einem Dreikönigskuchen, ein Stück ab. Neben dem Brot werden Fleisch des gegrillten Spanferkels, Krautsalat und «Sarma» (Kohlwickel) gegessen. Immer steht ein zusätzliches Gedeck als Zeichen der Gasfreundschaft bereit. Der Weihnachtstag beginnt mit der Ankunft und dem Gruss des ersten Gasts, dem «Položajnik». Er betritt mit dem rechten Fuss die Stube und streut Korn über die Familie und spricht die Worte: »Hristos se rodi!» («Christus ist geboren»). Die Familie antwortet mit «Vaistinu se rodi!» (Wahrlich, er ist geboren).

Auf den beiden Nebenaltären der heutigen serbisch-othodoxen und ehemaligen römisch-katholischen Kirche in Buchrain stehen zahlreiche Ikonen. (Bild: Christof Hirtler, 7. Januar 2019)

Auf den beiden Nebenaltären der heutigen serbisch-othodoxen und ehemaligen
römisch-katholischen Kirche in Buchrain stehen zahlreiche Ikonen. (Bild: Christof Hirtler, 7. Januar 2019)

Am 7. Januar, dem serbischen Weihnachtstag, haben sich die Gläubigen um 9 Uhr in der ehemals katholischen Kirche St. Agatha in Buchrain zur Weihnachtsmesse versammelt. 2006 wurde das Kircheninnere für orthodoxe Messen umgestaltet. Mit den Worten «Hristos se rodi!» begrüsst der Sigrist die Gläubigen. In seinem Devotionalienladen können neben Kerzen auch Rosenkränze, Ikonen oder Weihrauch gekauft werden. Die Messe wird in Serbisch gehalten. Der Pfarrer steht, meist von der Gemeinde abgewandt, in der mittleren Öffnung der Ikonenwand. Die Bilder der Seitenaltäre sind mit grossen Ikonen zugedeckt: Maria mit dem Jesuskind und Christus als Pantokrator (Weltenherrscher). Davor brennen Dutzende von Opferkerzen zu Ehren der Lebenden und der Toten. In der Mitte steht ein hölzernes Pult mit dem serbischen Doppeladler, darauf eine Ikone, ein Gebetsbuch, ein Kreuz und ein kleiner Korb für die Kollekte. Nach der Messe gibt es Glühwein.

In Buchrain kamen 2000 Gläubige zum Gottesdienst

Am 6. Januar hielt Dragan Stanojevic Messen in Altdorf, Baar und in der Pfarrkirche St. Agatha in Buchrain. In Baar erschienen rund tausend, in Buchrain sogar rund zweitausend Gläubige zum Gottesdienst, darunter sehr viele junge Familien. Drei Messen an drei Orten ist selbst für den engagierten Dragan Stanojevic zu viel. Er möchte alle serbisch-orthodoxen Gläubigen der Zentralschweiz in einer Kirche versammelt.

Nebojsa Gavric aus Tuzla (Bosnien) flüchtete 1992 vor dem Bürgerkrieg in die Schweiz. Hier lernte er seine Frau Ljubinka kennen. Sie kam 1989 aus Belgrad in die Schweiz. «Obschon wir schon seit Jahren in Schattdorf leben, sind uns die serbischen Traditionen sehr wichtig. Wir wollen unseren Kindern die serbische Kultur weitergeben», sagt Nebojsa Gavric. So wird in der Familie ausschliesslich Serbisch gesprochen. Am 6. und 7. Januar feiert die Familie Gavric das serbische Weihnachtsfest daheim in Schattdorf und mit dem Besuch der Messe in Altdorf.

Familie Gavric feiert zweimal Weihnachten

Zu Hause steht jeweils auch ein Christbaum: Die Familie Gavric feiert neben dem serbisch-orthodoxen auch das römisch-katholische Weihnachtsfest. «Unsere Kinder sind in Uri aufgewachsen, in einer katholisch geprägten Kultur», erklärt Gavric. «Sie sind hier verwurzelt, haben die Primarschule und das Gymnasium besucht.» Ljubinka und Nebojsa Gavric haben einen grossen Bekanntenkreis, dazu gehören auch viele Urner.

«Selbstverständlich feiern wir auch am 24. Dezember Weihnachten.»
Nebojsa Gavric

Die Familie fühlt sich in Uri zuhause. «Selbstverständlich feiern wir auch am 24. Dezember Weihnachten. Das war uns stets wichtig, besonders als die Kinder klein waren. Sie waren damit nicht ausgegrenzt, konnten mitreden.» Die inzwischen erwachsenen Kinder freuen sich über die doppelte Weihnachtsfeier. «Sie erhalten zweimal Geschenke», sagt Nebojsa Gavric – und lächelt.

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