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Kolumne

«Ürner Asichtä»: Urner vermitteln zwischen verschiedenen Hüten

Maria Egli, Stellenleiterin des Hilfswerks der Kirchen Uri philosophiert in ihrer Kolumne über die Eigenheiten, die die heutigen «Ürner» ausmachen.
Maria Egli

Die Anfrage für ein paar Kolumnen in der Rubrik «Ürner Asichtä» hat mich überrascht. Mutet man mir, die schon seit einigen Jahren als man könnte sagen «Teilzeit-Lachonigi» im Urkanton präsent bin, zu, zu wissen, was eine «Ürner Asicht» ist? Aber ehrlich, ich weiss es nicht! Ob etwa die den Urnern nachgesagten Prägungen Hinweise liefern können: der Behauptungswille, wie er durch die immer wieder unbarmherzige Natur gestählt wurde, das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, das die alten Mythen in ihren vielseitig wachgehaltenen Erzählflüssen – und wider aller gegenläufiger Tendenzen – munter weiter transportieren; die Aufgeschlossenheit, welche die schon früh über den Gotthard gekommenen Fremden in die Herzen der da Sesshaften pflanzte.

Nun, es bleibt dabei alles ein bisschen vage. Und ich stelle fest, dass ich es ja in der Tat nicht immer einfach finde, herauszufinden, was mein Urner Gegenüber wirklich meint und denkt.

Eine mögliche Antwort, warum das so sein könnte, glaube ich jüngst an einem Theaterabend mit Frölein Da Capo gefunden zu haben. Die Kabarettistin überlegte sich in einem ihrer Lieder, wie die Geschichte vom Wilhelm Tell wohl ausgegangen wäre, wenn nicht der Tell und der Gessler, sondern deren Ehefrauen sich gegenübergestanden wären und wenn statt des alten Schlapphuts von Gessler ein aprikosenfarbiger Damenhut die Stange geziert hätte. Dann – so spintisierte das Frölein Da Capo ideenreich weiter, wären sich die beiden Frauen wohl nicht wegen des urnerischen Freiheitsdrangs, sondern wegen eines Streits um das begehrenswerte Accessoire in die Haare geraten. Lustig war sie, diese Geschichte, doch etwas schien mir daran falsch, ganz abgesehen davon, dass ich schon den Geschlechtertausch reichlich unwahrscheinlich fand: Die Urner haben – modisch oder nicht – ganz bestimmt kein Manko an Hüten.

Der Kanton Uri muss bei all seiner Kleinheit seine Aufgaben so vielfältig erfüllen wie andere Kantone auch. Das bedeutet, dass es für seine Bewohner und Bewohnerinnen oft gleich mehrfach anpacken heisst. Man sitzt im Gemeinderat und ist Mitglied der kantonalen Forstaufsicht. Daneben amtet man als Präsident des Tourismusvereins und hat auch noch ein Mandat in der Korporation. Bleibt noch der eigene Betrieb, der gewinnbringend geführt werden will. Mit anderen Worten, viele Urner (und Gott sei Dank inzwischen auch etliche Urnerinnen) zählen zahlreiche Hüte zu ihrem Besitz, und die Herausforderung besteht nicht darin, an den einen Hut heranzukommen, sondern vielmehr, den gerade passenden zu fassen zu kriegen. Doch damit nicht genug! Kaum hat man den einen Hut aufgesetzt, melden sich die Protagonisten von zwei, drei anderen, mit der Klage, dass man ihre Bedürfnisse vergessen habe und ihnen gegenüber unsolidarisch sei. Und so sitzt der vielseitig loyale Urner, die umsichtige Urnerin dann da und versucht, in einer stummen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Hüten zu vermitteln.

Zugegeben, die Fantasie ist jetzt vielleicht auch mit mir ein bisschen durchgegangen. Doch über verschiedene Interessenlagen in unterschiedlichen Funktionen können sicher manche ein Lied singen. So scheint es mir nur verständlich, wenn sich viele engagierte Urner und Urnerinnen in ihrer Meinungsäusserung etwas zurückhalten, weil sie erst einen Ausgleich finden möchten zwischen den verschiedenen Anliegen. Da kann ich nur sagen: Hut ab, dass trotz dieser harten Arbeit die Hüte nicht reihenweise an den Nagel gehängt werden. Und mit Blick auf die schweizweit erodierende Kompromissbereitschaft in politischen Auseinandersetzungen kann darin doch auch ein gutes Stück urnerischer Selbstbehauptung erkannt werden.

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