Interview

Spitaldirektor Fortunat von Planta: «Ich kann es kaum erwarten»

Am Freitagmorgen fällt – bei jeder Witterung – der Spatenstich für den Neubau des Kantonsspitals Uri. Spitaldirektor Fortunat von Planta erzählt, was dies für ihn bedeutet und spricht über den Wandel im Gesundheitswesen und die Chancen des neuen Baus.

Florian Arnold
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Spitaldirektor Fortunat von Planta: «Wir haben in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet.» (Bild: Florian Arnold, Altdorf, 3. April 2019)

Spitaldirektor Fortunat von Planta: «Wir haben in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet.» (Bild: Florian Arnold, Altdorf, 3. April 2019)

Fortunat von Planta, es ist endlich so weit: Jetzt fällt der Spatenstich für den Neubau des Kantonsspitals Uri. Was bedeutet das für Sie als Spitaldirektor?

Es ist ein riesiges Zeichen gegenüber der Bevölkerung, die hinter dem Spital steht, und auch gegenüber den Mitarbeitern, die heute in einer ungenügenden Infrastruktur ihre Leistungen erbringen. Jetzt geht es vorwärts. Ein kurzes Innehalten und Anstossen gehört dazu. Daneben müssen wir natürlich das Tagesgeschäft erledigen und unsere Hausaufgaben für den Neubau machen.

Was meinen Sie damit?

Die Gesellschaft, die Medizin und das Spital verändern sich. Unsere Aufgabe ist es, sich auf die mutmasslichen Veränderungen auszurichten. Der Neubau ist die einmalige Chance dazu. Unsere Organisation wird stark angepasst. Der Patient wird noch viel mehr ins Zentrum gestellt als bisher. Beispielsweise geht heute der Patient zum Arzt. Später bleibt er in einem Behandlungszimmer und die verschiedenen Leistungserbringer kommen zu ihm.

Müssen dann einfach die Mitarbeiter noch mehr laufen?

Wir wissen von anderen Branchen und Spitälern: Wenn die Wege für die Patienten kurz sind, dann ist das auch optimal für die Mitarbeiter. Unsere Strategie basiert auf einigen Grundsätzen wie kurzen Wegen, möglichst keinen Wartezeiten und wenigen Transporten von Patienten. Wir nennen das «Lean Hospital», also «schlankes Spital». Man kennt die Idee seit Jahrzehnten. Die Philosophie ist in die Infrastruktur eingebaut. Jetzt müssen noch die Prozesse angepasst werden.

Sie sprechen den grossen Wandel im Gesundheitswesen an. Gab es diesen nicht schon immer?

Bis ins Jahr 2012 gab es einen Reformstau. Damals war das Gesundheitswesen wohl behütet durch das Gesetz. Danach wurde der Wettbewerb eingeführt. Der Patient kann wählen, wohin er will. Gleichzeitig hat man die Spitalfinanzierung geändert. Beides führt zu einem höheren Druck, sich anzupassen und zu verändern. Hohe Qualität muss zu angemessenen Preisen erbracht werden. Das gelingt einigen Spitälern und andern nicht.

Zu welcher Gruppe zählt das Kantonsspital Uri?

Wir haben in Vergangenheit gute Arbeit geleistet. Unsere Abschlüsse sind positiv. Andernorts werden enorm hohe Defizite geschrieben. Gerade in den Zentren.

Das erstaunt.

Es ist aber auch bezeichnend. Die Politik sucht das Unheil immer in den Regionen. Auf die Probleme der Grossen, wie etwa dem Triemli oder dem Zentrumsspital in Fribourg, geht man gar nicht ein.

Was sind die Gründe für die schlechten Abschlüsse?

Teilweise hat man baulich zu viel investiert. Zum andern wurde auf der Personalseite zu wenig auf die Kosten geschaut. Unsere Ausgangslage ist komfortabler. Zudem stützen uns die lokale Politik und die Bevölkerung. Und durch den Neubau schaffen wir die Grundlage, künftig eine qualitativ hochstehende Grundversorgung zu tragbaren Kosten zu erbringen.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Spitäler von Ärzten geleitet wurden. Auch Sie sind Ökonom. Verstehen Sie Leute, die das skeptisch sehen?

Ich glaube, es gibt immer einen Prozentsatz von Personen, der Veränderungen gegenüber skeptisch eingestellt ist, weil das Bestehende sich bewährt hat. Um vorwärtszukommen, müssen aber Veränderungen passieren. Die meisten sind dem positiv gegenüber eingestellt. Für den Neubau haben wir mit den späteren Nutzern Gespräche geführt. Zudem werden Teststationen eingerichtet, wo die neuen Abläufe erprobt werden können. Wir möchten die Philosophie pflegen, nicht immer alles zu planen, sondern auch mal zu experimentieren, solange die Patientensicherheit nicht darunter leidet.

Haben die Ökonomen Einfluss auf die ständig steigenden Kranken­kassenprämien?

Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen hat verschiedene Faktoren. Ein Grund ist, dass die Prozesse ineffizient sind. Dort kann mit wirtschaftlichem Denken Gegensteuer geben werden. So profitiert auch der Patient. Bei uns äussert sich das so, dass Prozesse ohne Patientenkontakt möglichst standardisiert ablaufen, damit wir mehr Zeit haben, am Patienten Leistungen zu erbringen. Im Hintergrund muss alles schlanker werden.

Ein Leser unserer Zeitung hat uns gemeldet, rund um den OP werde immer mehr auf Einwegprodukte gesetzt, statt Operationsbesteck zu reinigen. Was ist dran am Gerücht?

Eine Zentralsterilisation wird es auch weiterhin geben. Es ist aber so, dass wir unseren Materialeinkauf im Verbund mit 34 anderen Spitälern abwickeln. Ziel ist es dort, hohe Qualität so günstig wie möglich zu erhalten. Ab und zu sind Einwegprodukte wirtschaftlicher, was man als störend ansehen kann. Wir machen aber nicht alles mit, und so kommt für uns etwa Wegwerf-Wäsche für den OP nicht in Frage.

Ist denn ein Ende des Kostenwachstums absehbar?

Persönlich bin ich pessimistisch. Denn bald wird die personalisierte Medizin Einzug halten, bei der zum Beispiel Medikamente für den einzelnen Patienten hergestellt werden. Da frage ich mich, wer das zahlen soll.

Stichwort: ambulant vor stationär.

Im Jahr 2030 werden wir doppelt so viele ambulante Eingriffe haben, von heute 30 auf 60 Prozent. Das ist zu begrüssen, aber die Listen, welche die Politik eingeführt hat, sind das falsche Mittel. Sie sind nicht patientenfreundlich. Besser wäre es, das relative Preisgefüge anzupassen. Heute erhalten wir für einen stationären Eingriff bis zu fünfmal mehr als für einen ambulanten, auch wenn der Patient nur eine Nacht bleibt.

Das fördert «blutige Entlassungen».

Ich kann nur für das Kantonsspital Uri sprechen, wo es keine solchen Entlassungen gibt. Wir stehen ebenso ein für eine konservative Medizin. Eingriffe werden dann vorgenommen, wenn sie wirklich begründet sind. Das ist hier Tradition und typisch für ein öffentliches Haus. Deshalb tut es uns weh, wenn darauf gedrängt wird, die Leistungen konsequent in den Zentren zu erbringen.

Alles andere als konservativ soll der Betrieb im neuen Spital werden. Sie sprechen gar davon, dass es neue Berufe gibt. Wie meinen Sie das?

Heute ist zum Beispiel die Pflege auch mit Logistik und dem Servieren von Mahlzeiten beschäftig. Künftig werden wir das aufsplitten. Das Hotellerie- und das Logistik-Team werden verstärkt, sodass sich die Pflege auf ihre angestammten Aufgaben konzentrieren kann. Letztlich wird der Patientenkontakt erhöht.

Werden also mehr Mitarbeiter benötigt?

2015 haben wir dem Volk gesagt, dass wir die 434 Vollzeitstellen auch in Zukunft halten möchten. Gleichzeitig sollen zusätzliche Patienten aufgenommen werden können. Das geht nur, wenn wir die Supportprozesse industrialisieren können. Einen Ausbau des Personals wird es erst geben, wenn die Patientenzahlen deutlich anziehen.

Optimierungen bringt auch die Digitalisierung. Welchen Trend macht man mit und welche lässt man lieber bleiben?

Das ist die entscheidende Frage. Wir wissen vielerorts nicht, wohin die Reise geht. Darum machen wir nicht mehr, als notwendig ist. Wir sind am Entwickeln und Abtasten. Wir investieren aber nicht Geld, ohne zu wissen, was der Nutzen daraus ist. Der Patient wird sich vorläufig nicht per App anmelden müssen wie am Flughafen. Aber wir führen komplett elektronische Patientenakten, im Stationären jetzt schon, später auch im Ambulanten. Gearbeitet wird mit Tablets. Intelligente Software hilft etwa der Logistik dabei, was als Nächstes zu tun ist.

Es kommen grosse Veränderungen auf die Mitarbeiter zu.

Ja, sogar grössere, als man erwarten darf. Aber wir haben auch darauf geschaut, dass man ihre Bedürfnisse aufnimmt. Eine Arbeitspsychologin vertritt die Mitarbeiter im ganzen Projekt. So entstehen im Neubau zum Beispiel ein Gymnastikraum oder Rückzugsmöglichkeiten.

Bis dieser bezugsbereit ist, dauert es noch. Was bedeuten die Bauarbeiten für den Spitalbetrieb?

Die Ausgangslage ist deshalb ideal, weil wir zuerst das neue Spital stellen, umziehen und schliesslich das Alte abreissen. Wir benötigen kein Provisorium und haben kaum Rochadenkosten. Das Alltagsgeschäft kann problemlos weiter gehen. Staub und Lärm lassen sich nicht vermeiden. Wir gehen aber davon aus, dass zumindest der Neubau relativ leise erstellt werden kann, lauter wird es beim Umbau des Gebäudes D. Es gibt Beeinträchtigungen, andererseits ist der Bau auch eine spannende Sache, die sich von den Patientenzimmern aus beobachten lässt. Zudem gibt es auch eine Webcam.

Freuen Sie sich auf den Juni 2022, wenn der Neubau in Betrieb geht?

Ich kann es kaum erwarten.