Ich meinti
Osterraben

Franziska Ledergerber schreibt in ihrer Kolumne über zwei Raben, die ihr ans Herz gewachsen sind.

Franziska Ledergerber, Hergiswil
Merken
Drucken
Teilen
Franziska Ledergerber

Franziska Ledergerber

Bild: PD

Zwei Raben drehen seit einiger Zeit ihre Runden über unserem Garten und halten Ausschau nach etwas Essbarem. Es sind immer die gleichen. Wahrscheinlich ein Paar. Ich weiss, man sollte sie nicht füttern, aber manchmal kann ich nicht widerstehen und lege ihnen einige Nüsse auf die Mauer. Ab und zu auch Speisereste, – aber nur «es chlieses bitzeli». Krähen sind sehr intelligente Tiere.

Ein Experiment zeigt, wie eine Krähe ein geschlossenes, mit Futter gefülltes Tupperware-Gefäss aufschliessen kann. Schnell erkennt sie jeweils den Verschluss. Mit ihren Krallen hält sie das glitschige Tupperware fest und hackt mit dem Schnabel zwischen Seitenwand und Verschluss bis er aufspringt. Bereits nach wenigen Versuchen kann sie genüsslich Körner und Nüsse aufpicken, – «Sesam öffne dich!». Niveau Kindergarten.

Bei einer anderen, schwierigeren Fragestellung muss die Krähe einen schwimmenden Köder aus einer zur Hälfte mit Wasser gefüllten Plexiglasröhre fischen. Bei anfänglichen Versuchen erreicht sie das Stück nicht, weil es zu tief schwimmt. Allmählich bemerkt sie, dass neben der Plexiglasröhre Dominosteine liegen. Von ihrer Grösse her passen sie exakt in die Röhre, also nimmt sie einen davon und wirft ihn hinein. Der Wasserstand steigt und mit ihm auch das Futter obenauf. Doch es reicht noch nicht. Die Krähe wiederholt diesen Vorgang einige Male, bis die begehrte Nuss schwimmend die erwünschte Höhe erreicht hat, und dann pickt sie diese genüsslich aus dem Wasser.

So ein Experiment könnte auch im Physikunterricht für Schüler und Schülerinnen der Oberstufe durchgeführt werden. Allerdings müssten diese vor einer allfälligen Belohnung eine sauber errechnete Tabelle erstellen. Für ein Krähenhirn wäre das natürlich zu kompliziert, aber das Experiment mit der Röhre beweist eindrücklich deren Fähigkeit, Zusammenhänge zu realisieren und Folgen daraus zu ziehen.

Raben sind auch gute Architekten. Kürzlich sah ich auf einer japanischen Fotografie ein Krähennest, das schön symmetrisch aus Drahtkleiderbügeln gebaut war, ausgepolstert mit kleinen feinen Ästen und Federn. Echt cool, erinnerte mich an Herzog & de Meurons «Nest» in Peking, den Bau des chinesischen Nationalstadions für die damaligen Olympischen Sommerspiele 2008.

Morgen ist Ostersonntag, die Kinder werden ausschwärmen und andere, etwas kleinere Nester suchen. Eine schöne Tradition vom Osterhasen, der die Kinder beschenkt mit Eiern und Süssigkeiten. Eine Kindergeschichte, die von Generation zu Generation weitererzählt wird und in so vielen Kinderbüchern bunt bebildert präsent ist. An diesem Sonntag werden sich aber auch viele Erwachsene freuen und natürlich auch diejenigen Kinder, die nicht an den Osterhasen glauben und trotzdem ihre Nester finden. Ostern ist das Fest der Auferstehung Christi, das Fest der Freude und des Friedens.

Es kam allerdings auch schon vor, dass die cleveren Raben bei diesem Ereignis ihre Runde drehten und das eine oder andere Osterhasennest plünderten. Echt fiese Osterraben. Der eine schenkt, der andere stiehlt, so ist das Leben, ob man daran glaubt oder nicht.