Im Kampf gegen Wassermassen

In der Nacht vom 24. auf den 25. August 1987 führten sintflutartige Regenfälle zu einer Unwetterkatastrophe. Unsere Zeitung weckt Erinnerungen an damals.

Drucken
Teilen
Das Ausmass des Reussdamm-Bruchs bei Attinghausen wird aus der Luft erst richtig ersichtlich (Archivbild Neue UZ).

Das Ausmass des Reussdamm-Bruchs bei Attinghausen wird aus der Luft erst richtig ersichtlich (Archivbild Neue UZ).

Am 24. August 1987 ereignen sich wolkenbruchartige Regenfälle im Urserntal. Die Reuss schwillt an und donnert mit Getöse durchs Oberland zu Tal. Am 25. August um 22.40 Uhr geht in Erstfeld die erste Meldung wegen hohen Wasserstands der Reuss ein. Um 23 Uhr wird in Wassen der Feuerwehralarm ausgelöst: Ein Bach war über das Ufer getreten, floss am Bahnhof vorbei und überschwemmte die Post, das EWA-Gebäude, die Sustengarage und floss in die Reuss. Diese steigt in der Folge immer höher, und um 2 Uhr geschieht es: Eine Flutwelle fegt an zwei Stellen die Kantonsstrasse weg, spült Teile der Sägerei Albert Walker weg und beschädigt die Schluchenbrücke.

Um 1.30 Uhr bleibt der Schnellzug Rimini–Frankfurt in Göschenen stecken. Die 250 Passagiere werden in Restaurants untergebracht. Die Wassermassen überschwemmen den Bahnhof. In der Schöne werden Brücken, Häuser sowie militärische Anlagen zerstört. Grossalarm wird ausgelöst. «Es waren halbe Teufelssteine, die da in der Schöllenen die Reuss herunterkamen», erklärt der Göschener Posthalter und Urner Finanzdirektor Carlo Dittli ein paar Tage später dem Journalisten der damaligen Wochenzeitung «Gotthard-Post».

Andermatt 1,5 Meter unter Wasser

Der Alarm war um Mitternacht auch in Ursern losgegangen. In der Zwischenzeit sind die Telefonkabel in Uri unterbrochen. In Andermatt fallen auch Fernseh-, UKW-Sender und die Elektrizität aus. Aus Andermatt, Hospental und Realp starten Feuerwehren und militärische Truppen zum Einsatz. In der Ausgabe von Samstag, 29. August 1987, lässt die «Gotthard-Post» Einsatzleiter Heiri Walker die Situation umreissen: «Im Dorf trat die Unteralpreuss über die Ufer und trug das ihre bei, den Boden bis zu 1,5 Metern Höhe zu überfluten. Das ganze Militärareal stand unter Wasser, auch die Bodenstrasse. Im Dorf unterspülte der reissende Bach Häuser. Wir mussten 20 Menschen evakuieren – wenn auch nur vorsorglich –, 20 Stück Vieh konnten wir retten, und 200 trieben wir aus der Unteralp. Von dort holten wir auch eine Schulklasse in Sicherheit.»

Um 2.30 Uhr bricht in Seedorf der Damm. Eine Flutwelle ergiesst sich Richtung Schloss A Pro bis zum Tennisplatz. Auch die Autobahn wird überflutet. Aus der Gefahrenzone des Reussdamms werden 250 Personen evakuiert und in der Kreisschule sowie im Feuerwehrlokal untergebracht.

Eine halbe Stunde später geht es auch in Attinghausen richtig los: Der Reussdamm wird auf einer Länge von
über 150 Metern überschwemmt und flutet das gesamte Gebiet im Plätzli/Schwändi.

Flüelen komplett überflutet

Waisenvogt Xaver Huber führt einen Konvoi mit verängstigten ausländischen Automobilisten aus Altdorf über den Klausenpass in die «Freiheit». Nirgends jedoch gab es so viel Wasser wie in Flüelen.
Die «Gotthard-Post» zitiert Landrat Remigi Niederberger folgendermassen: «Es ist eine Katastrophe: Von der Eggbergebahn bis zum ‹Flüelerhof› ist alles überflutet. Als ich um halb acht von der Kirchstrasse bei der ‹Rose› ins Dorf wollte, fuhr mir die Feuerwehr mit einem Motorboot entgegen. Das Wasser stand mindestens 1 Meter hoch. Später strömte ein reissender Bach durchs Dorf, der mit dem Schiff nicht mehr zu befahren war, dafür schwammen Tische und Stühle des neu eröffneten ‹Urnerhofs› herum.»
In Gurtnellen fegt das Wasser die Strasse weg, welche einst zur «Schmelzmetall» führte. Das Pfarrhaus und der halbe Friedhof werden in die Tiefe gerissen.

Umsichtiger Krisenstab

Gurtnellen verkehrsmässig wieder zu erschliessen, bleibt in den Folgetagen, neben der Wiederherstellung des Nord-Süd-Verkehrs, eines der wichtigsten Ziele des kantonalen Krisenstabs (Kafur). Dass beim Unwetter von 1987 kein einziges menschliches Todesopfer zu beklagen war, ist dem umsichtigen und raschen Handeln zu verdanken. Bereits um 1 Uhr nachts vom 25. auf den 26. August trifft sich der Krisenstab zur ersten Sitzung. Am nächsten Morgen um 10 Uhr wird Nationalrat Franz Steinegger eingeflogen, der den Krisenstab in der Folge führt. Als Glücksfall erweist sich die Tatsache, dass das Inf Rgt 73, welches zur Zeit des Unwetters im Kanton Uri Dienst leistete, sofort Spontanhilfe zusagt.

Mit Helikopterflügen werden in den überfluteten Gebieten von Seedorf, Attinghausen und Ursern 80 Menschen, darunter zwei hochschwangere Frauen und ein Patient des Kantonsspitals, evakuiert. In späteren Flügen werden Tierkadaver aus dem Wasser geholt. Aus dem Kafur-Lagebericht vom 26. August um 21 Uhr geht hervor, dass insgesamt 810 tote Tiere – 650 Schweine, 110 Ziegen und 50 Kühe – geborgen werden. Der grösste Teil der toten Tiere stammt aus Attinghausen.

Schäden von 500 Millionen Franken

Insgesamt stehen zwölf Helikopter zur Verfügung – sieben Privat- und fünf Militärmaschinen. Daneben sind teilweise bis zu fünfzehn Flugzeuge der Medien in der Luft. Der Helikopter-Einsatzleiter, Landschreiber Max Clapasson, erweist sich als improvisationsstarke Führungsperson, der sich zum Schutze der Bevölkerung über strenge Sicherheitsvorschriften hinwegsetzt: Umarmt von zwei Helfern, wird ein 84-jähriger Mann am Seil des Helikopters hängend ins Spital geflogen.

In den Wochen nach dem Unglück stehen Hunderte von Soldaten, Zivilschützern und freiwillige Helfer im Einsatz. Die ganze Schweiz nimmt Anteil.

Der Bundesrat stellt dem Kanton Uri bereits einen Tag nach der Unwetterkatastrophe 3,8 Millionen Franken zur Verfügung. In einer von der Migros lancierten Sammelaktion kommen innerhalb von drei Wochen mehr als 3 Millionen Franken zusammen. Zusammen mit der Glückskette, Caritas und Spenden von Kantonen, Gemeinden, Unternehmungen sowie Privaten gehen fast 13 Millionen Franken Spendengelder ein. Ein Tropfen auf den heissen Stein. Im Abschlussbericht des Kafur wird die Gesamtschadenssumme des Unwetters mit rund 500 Millionen Franken beziffert.

Mario Wittenwiler