IMKER: Er ist der grösste Urner Arbeitgeber

Florian Achermann ist einer der wenigen Berufsimker in der Schweiz. Er erklärt, was seine Bienen mit Royals, Feministinnen und Kommunisten gleich haben.

Florian Arnold
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Florian Achermann begutachtet seine Bienenzucht. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

Florian Achermann begutachtet seine Bienenzucht. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

«Der hat Nerven»: Diesen Satz bekommt Florian Achermann wohl oft zu hören. Der Schattdorfer trägt bei der Arbeit weder Helm, Schutzbrille noch Handschuhe. Und das, obwohl alles, was um seinen Kopf fliegt, tödlich sein kann. Doch Achermann bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Vollstes Vertrauen hat er in seine Arbeiterinnen, die Bienen.

Florian Achermann ist Imker – und das hauptberuflich. In der Schweiz können gerade mal eine Handvoll Leute davon leben. Für Achermann ist es der schönste Job, den er sich vorstellen kann: «Bei schönem Wetter kann ich draussen arbeiten, bei schlechtem drinnen.» Die Imkerei nur als Hobby zu betreiben, kam für ihn nicht in Frage. So begann er vor sieben Jahren in der österreichischen Stadt Graz die Berufsausbildung zum Imker. Nach drei Jahren hängte er gleich noch die Meister­prüfung an.

Seither ist der 32-Jährige der grösste Urner Arbeitgeber. 10 Millionen Arbeiterinnen stehen zu seinen Diensten, aufgeteilt in 200 Bienenvölker. Doch allein von den 10 Kilogramm Honig, die es von jedem Volk jährlich gibt, kann der Urner seinen Lebensunterhalt nicht verdienen. Der Imkermeister beschäftigt sich aber auch noch mit der Zucht von Bienenköniginnen, welche er auch verkauft. Ausserdem stellt Achermann etwa Mittelwände aus Bienenwachs her, die es für die Arbeit mit den Bienen braucht.

Die Tellerwäscherkarriere

Sehr faszinierend findet Achermann, wie wandelbar die Bienen sind. Wenn das Insekt schlüpft, kennt es bereits seine Funktionen. Eine echte Tellerwäscherkarriere folgt: In einer ersten Phase putzt sich die Biene selber und die Brutzelle. Von der Putzbiene wird das Tier zur Ammenbiene, die hauptsächlich die Brut versorgt. Dann wird die Wachsdrüse aktiv, mit der sie die Waben flickt und formt. Anschliessend entwickelt sich die Giftdrüse: beste Voraussetzungen, um als Türsteher zu arbeiten. Die Wächterbienen achten darauf, dass niemand Fremdes den Bienenstock betritt. Erst dann folgt das Stadium der Trachtbiene, die Nektar und Honigtau einsammelt, den sie den Ammenbienen zum Einlagern weitergibt.

Wie im Kommunismus

«Ein Bienenvolk ist wie ein Staat aufgebaut», erklärt der Experte. Allerdings wie ein kommunistischer. «Die einzelne Biene zählt nichts. Denn das Wohl des ganzen Volks steht im Zentrum. «Wenn es allen gut geht, geht es auch den Einzelnen gut.» Eine Philosophie, die man als Imker übernimmt? «Das wäre radikal, wenn für mich nur noch das Gemeinwohl zählen würde», so Achermann. «Aber um von Bienen leben zu können, muss man ihre Bedürfnisse sehr gut kennen.» Und diese kennt der Urner. Dass er ohne Schutzausrüstung arbeiten kann, hängt einerseits von seiner ruhigen Art ab, aber auch mit seiner Königinnenzucht zusammen. Achermann hält ausschliesslich friedliche Bienen. Diese Carnica-Biene hat er in Österreich während seiner Ausbildung entdeckt. Aber auch bei dieser Art dürfe man nicht gestresst zu den Bienen kommen. Achermann ist also kein «Bienenflüsterer». «Zu den einzelnen Bienen kann man keine Beziehung aufbauen», sagt der Imker. Denn eine einzelne Biene wird im Sommer höchstens vier Wochen alt. «Aber ich habe eine Beziehung zum Volk, zum ganzen Organismus.»

Eine Königin wie im Bilderbuch

Ohne Zusammenarbeit geht nichts. So reichen die Bienen, die ausgeflogen sind, gesammelten Nektar und Honigtau im Stock von Biene zu Biene weiter. Dadurch kommen verschiedene Enzyme und Inhaltsstoffe in den Honig, all das also, das ihn so gesund macht. Auf die Hilfe anderer ist vor allem die Königin angewiesen. Da sie selber nicht fressen will, wird sie von anderen Bienen gefüttert. Dafür schenkt die Monarchin ihrem Volk Eier: bis zu 2000 pro Tag. Die Aufgabe der männlichen Bienen, der Drohnen, ist lediglich, die Königin zu befruchten. Nicht einmal einen Stachel besitzt das Männchen. Ausserdem schlüpfen die Drohnen im Gegensatz zu den Bienen aus einem unbefruchteten Ei – eine doch eher seltene Eigenschaft im Tierreich.

Für jedes befruchtete Ei besteht zumindest eine kleine Chance, dass daraus eine Königin schlüpft. Denn das allein hängt vom Futter ab, welches das Bienenvolk an das Ei heranträgt. Wenn die Fruchtbarkeit der herrschenden Königin nachlässt, entscheidet das Volk, eine neue Königin nachzuziehen. Mehrere Eier werden dann mit besserem Futter bedient, dem Gelee Royal. Schliesslich wächst eine neue Königin heran. Sobald die neue geschlüpft ist, schwärmt die Alte mit einem Teil der Bienen ab. Doch das versucht Achermann zu verhindern, denn ein geschwärmtes Volk bringt nur noch einen Bruchteil der Honigleistung ein. Achermann bringt deshalb die gezüchteten Königinnen auf eine Belegstelle. Diese Königinnen werden dann in einen Käfig mit den Bienenablegern gegeben, damit die Bienen sich an die neue Königin gewöhnen können und sie nicht gleich abstechen. Sobald sich die Bienen an die neue Königin gewöhnt haben, wird sie wieder freigelassen.

In der EU wärs besser

Zurzeit hat Achermann alle Hände voll zu tun. An Ferien ist praktisch nicht zu denken. Trotz des grossen Aufwands schaut am Ende meist nicht viel heraus. Denn im Gegensatz zur EU gibt es in der Schweiz keine Subventionen – obwohl die Biene nachweislich eines der wichtigsten Nutztiere ist. «In der EU hätte ich es viel einfacher», so Achermann. Noch etwas unterscheidet Achermann von den Landwirten: «Wenn ein Bauer nicht gut zu seinen Tieren schaut, betrifft das nur seinen Betrieb. Aber wenn ein Imker seine Bienen verdirbt, hat das verheerende Konsequenzen.» Nicht umsonst ist das Bienensterben zurzeit ein grosses mediales Thema. Laut Ackermann ist Uri bislang nur schwach vom Bienensterben betroffen. Der Grund: Die Imker der Region arbeiten sehr gewissenhaft und sauber. Trotzdem kann es zu Krankheiten kommen, nämlich dann, wenn äussere Einflüsse wie Schnee und kalte Temperaturen die Völker schwächen. Und Krankheiten verbreiten sich unter Bienen sehr rasch. Etwa dieses Jahr war es bis in die Sommermonate hinein so kalt, dass die Bienen nur selten ausgeflogen sind, was wiederum zu kranken Bienen führen kann. «In solchen Situationen werde ich schon mal unruhig.» Doch wie das beim nervenstarken Florian Achermann genau aussieht, wenn er sich aufregt, kann man sich nur schwer vorstellen.

Hinweis

Die verschiedenen Honigsorten der Imkerei Achermann kann man direkt bei Florian Achermann beziehen unter der Nummer 078 854 19 69 oder im Internet unter www.urner-honig.ch. Ausserdem ist der Honig im Urner Detailhandel erhältlich.