In Uri finden die Maturaprüfungen dieses Jahr nur schriftlich statt – Schüler sind enttäuscht

Die Urner Maturanden müssen keine mündlichen Tests ablegen. Schülervertreter hätten wegen des Fernunterrichts aber lieber ganz auf Prüfungen verzichtet.

Lucien Rahm
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Die kantonale Mittelschule Uri.

Die kantonale Mittelschule Uri.

Bild: Florian Arnold (Altdorf, 2. November 2016)

Für sie sei es gleich ein doppelter Stress gewesen: Jene Schülerinnen und Schüler im Kanton Uri, die sich momentan auf ihre Matura vorbereiten. «Die anstehenden Maturaprüfungen bedeuten für uns ohnehin eine stressige Zeit» sagt Moritz Lisibach, Präsident der Schülerorganisation der kantonalen Mittelschule Uri, auf Anfrage. Für viele Maturanden habe «die lange Unklarheit bezüglich der Durchführung der Prüfungen für zusätzliches Kopfzerbrechen» gesorgt.

Seit Freitag herrscht nun aber Klarheit für die 44 Maturaschüler, die dieses Jahr unter den Coronamassnahmen ihren Abschluss machen. «Für Maturandinnen und Maturanden der kantonalen Mittelschule entfallen die mündlichen Prüfungen», wird Bildungsdirektor Beat Jörg in einer Mitteilung des Kantons zitiert. Es finden also nur schriftliche Prüfungen statt, und dies vom 15. bis 19. Juni. «Die Übergabe der Maturaausweise ist auf den 1. Juli anberaumt».

Lisibach, der die Vertreter aller Maturaklassen dazu konsultiert habe, sagt:

«Diese Entscheidung stösst bei uns Maturandinnen und Maturanden auf Unverständnis.»

«Vor allem diejenigen Schülerinnen und Schüler, welche selbst einer Risikogruppe angehören oder die mit gefährdeten Menschen einen Haushalt teilen, machen sich grosse Sorgen.» Es bestehe die Befürchtung, sich bei einer Prüfung mit über 40 Mitschülern anzustecken, so Lisibach.

«Traubenbildung» im Auge behalten

Hygienemassnahmen werden aber auch während der schriftlichen Prüfungen umgesetzt. «Die wichtigste Massnahme ist das Einhalten der Distanzregeln», sagt Christian Mattli, Generalsekretär der Urner Bildungsdirektion, auf Anfrage. «Wir haben in diesem Jahr glücklicherweise einen eher kleinen Jahrgang, so dass wir das ‹Social Distancing› während der Prüfungen problemlos regeln können.» Auch würden die Desinfektionsmassnahmen «selbstverständlich umgesetzt». Allerdings sei die «Traubenbildung» durch sich begegnende Schüler vor und nach den Prüfungen im Auge zu behalten, so Mattli.

Die Schülervertreter hätten aber auch aus einem anderen Grund gerne auf alle Maturaprüfungen verzichtet. Ob die Vorbereitung, die der Unterricht von zu Hause aus ihnen ermögliche, ausreichend sei, daran hätten sie Zweifel, sagt Lisibach. Der Fernunterricht könne jenen in der Schule nicht ersetzen. «Es fehlt der persönliche Kontakt zu Lehrpersonen und Mitschülern und die Barrieren bei Unklarheiten sind deutlich höher.» Auch das Lernklima sei daheim ein anderes. «Familien sitzen fast durchgehend aufeinander, etwa durch das Homeoffice der Eltern, was einem unterstützendem Lernklima sehr abträglich ist.»

Mattli hält hierzu fest: «Die Unterstützung durch die Lehrpersonen ist gewährleistet, mittels Mail, Telefon oder Videokonferenz.» Allerdings würden die Tagesstruktur und der informelle Austausch innerhalb der Klasse fehlen, ist auch Mattli der Meinung. «Die gegenseitige Unterstützung, der gegenseitige Zuspruch ‹Wir können das!› trägt viel dazu bei, mit der Nervosität vor einer Prüfung gut umgehen zu können.» Grundsätzlich würden jedoch alle Fächer auch von zu Hause aus gut vorbereitet werden können. Bei Fremdsprachenfächer brauche es zwar «mehr Selbstdisziplin bezüglich Konversation» und im bildnerischen Gestalten mangle es daheim an der professionellen Infrastruktur. «Aber die Prüfung ist damit nicht in Frage gestellt.»

Schüler hoffen auf angepasste Gewichtung

Stossend sei für die Schüler laut Lisibach auch, dass andere Kantone gänzlich auf Maturaprüfungen verzichten wollen. Gemäss NZZ beabsichtigt dies beispielsweise der Kanton Zürich. Dort soll die Maturanote stattdessen aus den Erfahrungsnoten, welche die Schüler während des Jahres erhalten haben, hergeleitet werden.

Das hätten gemäss Lisibach auch die Maturaklassen begrüsst: «Unter den gegebenen Umständen hätten wir eine Notensetzung mithilfe der bestehenden Noten als sinnvollste Variante erachtet.» Mit der Durchführung der schriftlichen Prüfungen hoffen die Schüler nun, dass immerhin die Berechnung der Maturanote angepasst wird. Normalerweise würden die über das Jahr erarbeiteten Noten zu 50 Prozent, die schriftlichen und mündlichen Maturaprüfungen zu je 25 Prozent zählen. Sie seien dafür, dass die Gewichtung der schriftlichen Prüfungen nun nicht einfach auf 50 Prozent angehoben, sondern bei 25 Prozent belassen wird, sagt Lisibach. So würden die Erfahrungsnoten 75 Prozent zum Maturaergebnis beitragen. «Andernfalls würde die Tagesverfassung an der Prüfung einen unverhältnismässigen Einfluss auf die Schlussnote und eventuell auch den Erhalt der Maturität haben.»

Die Gewichtung von je 50 Prozent für Erfahrungsnote und Prüfungen ist jedoch in der Verordnung über die Maturitätsanerkennung des Bundes vorgegeben, sagt Rektor Daniel Tinner. «Noch ist offen, ob der Bundesrat diese Verordnung und gar die Berechnung anpassen will.» Der Kanton Uri werde sich an diese Vorgaben halten. Der Mittelschulrat werde den Notenschlüssel Mitte Mai festlegen.

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