Insgesamt 33 Tiere fehlen: Wolf hat im Urserntal zahlreiche Schafe getötet

Mindestens elf gerissene und 22 vermisste Schafe: Das ist die Schadensbilanz im Urserntal. Die Herden waren nicht geschützt.

Paul Gwerder und Christian Glaus
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«Wolfsichtung von einer Privatperson in Zumdorf»: Dieses Warn-SMS des Kantons Uri erreichte die Schafhalter am letzten Mittwoch, um 9.34 Uhr. Bald darauf ist in den sozialen Medien ein Video aufgetaucht, das einen Wolf zeigt, der in Zumdorf den Bahnübergang passierte. Es ist nicht das einzige Mal, dass das Raubtier in diesen Tagen für Aufsehen sorgt. Kurz zuvor hat ein Wolf schon im Brunnital in Unterschächen zugeschlagen und ein Schaf gerissen, nachdem in den Wochen davor schon mehrere Sichtungen gemeldet worden sind.

Der Wolf ist umtriebig im Urserntal.

Der Wolf ist umtriebig im Urserntal.

Archivbild: Romano Cuonz,
27. Juni 2020

Gemäss Aussage von Franz Püntener, Co-Präsident der Vereinigung zum Schutz von Jagd- und Nutztieren, hat der Wolf letzte Woche in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag im westlichen Gebiet zwischen Realp und Zumdorf eine Herde Schafe angegriffen und dabei mehrere Tiere getötet. Der Schafhalter bemerkte am anderen Tag, dass etwas nicht stimmen konnte, weil die Tiere verstört wirkten. Nach dem Zählen der vorhandenen Herde stellte er fest, dass insgesamt 20 Tiere fehlten. Bei der Suche nach diesen fand er zuerst ein verletztes Schaf, das unter grossen Schmerzen noch lebte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als dieses Tier von seinen Qualen zu erlösen. Bei der weiteren Suche nach den vermissten Tieren entdeckte er immer mehr tote Schafe. Bis Pfingstmontagabend hat er insgesamt zehn gerissene Schafe gefunden. Bis zum jetzigen Zeitpunkt fehlen immer noch zehn Stück von dieser Herde.

Kanton informierte über «vermutete» Wolfsrisse

In der Pfingstsamstagnacht hat der Wolf in einer benachbarten Herde vor Realp wieder gewütet. Das traurige Fazit: drei tote Schafe und zehn vermisste Tiere. Die Wildhut ist informiert worden und hat sich selber ein Bild vor Ort von der Lage gemacht.

Für Franz Püntener ist die traurige Geschichte brisant, denn erst am Montagabend, um 20.18 Uhr, erhielt er ein SMS von der Alarmierungsstelle Uri mit der Meldung: «Realp – vermutete Wolfsrisse in den Steinbergen». Püntener ärgert sich über den Ausdruck «vermutet». Dazu sagt er: «Nachdem bis zum jetzigen Zeitpunkt schon 13 tote Schafe gefunden worden sind, kann man nicht mehr von einer Vermutung sprechen und überdies fehlen immer noch 20 Schafe!» Püntener hält selber eine kleine Schafherde oberhalb von Erstfeld. Er erklärt: «Meine Erfahrung sagt mir ganz klar, dass leider noch mehr gerissene Tiere zum Vorschein kommen werden». Und er befürchtet, dass der Wolf durch diese Risse auf den «Geschmack» gekommen sei.

Bestandesaufnahme ist im Gang

Jagdverwalter Josef Walker gibt die Zahl der im Urserntal gerissenen und vermissten Schafe nach der gestrigen Bestandesaufnahme durch Wildhut und Schafhalter wie folgt an: Bisher seien elf tote und zweiundzwanzig vermisste Schafe gemeldet worden. Es sei möglich, dass einzelne vermisste Schafe in diesem weitläufigen Gebiet wieder unversehrt auftauchen.

Der Kanton Uri hat die Schafhalter am Mittwochmorgen über die Wolfsichtung in Zumdorf informiert. «Wir gehen davon aus, dass die ersten Schafe in der Nacht auf Donnerstag gerissen wurden», so Walker weiter. Die erste Meldung durch den Schafhalter habe die Jagdverwaltung aber erst am Freitagabend erhalten. «Es war daher nicht mehr möglich, eine DNA-Probe zu nehmen.» Auf Grund des Rissbildes ist jedoch klar, dass die Schafe von einem Wolf gerissen wurden. Ungewiss bleibt, ob es sich um eines oder um mehrere Raubtiere handelte. «Wir vermuten, dass jener Wolf, der in Zumdorf gesehen wurde, für die Schäden verantwortlich ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass aktuell weitere Wölfe in der Region sind, aber auszuschliessen ist dies auf Grund der grossen Mobilität der Wölfe natürlich auch nicht.»

Nach Angaben des Jagdverwalters waren die gerissenen Schafe in nicht geschützten Herden. «Man muss sich bewusst sein, dass es in der Schweiz mindestens 80 Wölfe gibt. Da muss man immer mit einem Wolf im Gebiet rechnen», sagt Walker und fügt an: «Der Herdenschutz ist Sache der Halter.» Ein Herdenschutzbeauftragter steht ihnen zur Seite. Bei geschützten Herden beispielsweise mit elektrifizierten Nachtzäunen oder Herdenschutzhunden, bestehe eine Gewähr, dass die Schäden durch Wölfe minimiert werden können. Solche Schutzmassnahmen seien aber nicht überall möglich und mit einem Mehraufwand verbunden. Und: «Auch bei geschützten Herden sind einzelne Schäden nicht ganz auszuschliessen, aber nicht in diesem Ausmass.» Ein Abschuss des Wolfs ist bei nicht geschützten, aber zumutbar schützbaren Herden rechtlich nicht möglich.

Schafhalter werden entschädigt

Die Halter bekommen für die gerissenen Tiere eine Entschädigung. Diese hängt unter anderem vom Alter und von der Art der Tiere ab. Wie hoch die Schafhalter im Urserntal entschädigt werden, ist Teil der exakten Bestandesaufnahme. Trotz finanzieller Entschädigung: Franz Püntener von der Vereinigung zum Schutz von Jagd- und Nutztieren befürchtet, dass die Schafhalter mit der Zeit resignieren werden. Der Herdenschutz könne nur schlecht zusammen mit dem Tourismus funktionieren. Vor allem das Halten von Schutzhunden sorge für Probleme.

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