Interview
Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt – eine Urnerin erinnert sich

Berthe Fäh-Schön und Trudi Bissig-Kenel sprechen darüber, wie es um Frauenanliegen damals stand. Sie sagen auch, woran man heute arbeiten muss.

Elisabeth Fähndrich*
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Berthe Fäh-Schön und Trudi Bissig-Kenel im Gespräch mit Elisabeth Fähndrich (von links).

Berthe Fäh-Schön und Trudi Bissig-Kenel im Gespräch mit Elisabeth Fähndrich (von links).

Bild: Helen Bachmann

Am 7. Februar jährt sich die Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts zum 50. Mal. Das Jubiläum war Anlass für ein Gespräch mit Berthe Fäh-Schön und Trudi Bissig-Kenel. Sie erinnern sich an eine Zeit, als viele Mädchen und Frauen bei weitem nicht die Förderung erhielten, die heute selbstverständlich ist.

In was für einem Elternhaus, in was für einer Umgebung sind Sie aufgewachsen?

Bissig: Ich bin in Arth mit drei älteren Schwestern aufgewachsen. Meine Mutter hatte damals schon einen KV-Abschluss und war berufstätig. Für meine Eltern war es selbstverständlich, dass alle Töchter eine gute Ausbildung erhielten. Meine drei Schwestern besuchten die Schule Ingenbohl, was eine finanzielle Belastung war, denn damals mussten die Eltern alles selber finanzieren. Ich entschied mich nach dem Jahr im Welschland für eine Lehre als Pharma-Assistentin in Emmenbrücke. Nach einem Jahr als Au-pair in England arbeitete ich in Zürich in der Bahnhof-Apotheke.

Fäh: Ich war die Älteste von fünf Kindern. Meine Eltern hatten in Altdorf ein Textilgeschäft, meine Mutter arbeitete dort als Chefin mit. Ich war eine folgsame, bequeme Tochter mit guten Schulleistungen, die im Haushalt und in der Familie mithalf. Nach einem Instituts-Aufenthalt in Fribourg und einem halben Jahr in Lugano machte ich eine KV-Lehre im Geschäft meiner Eltern. Zwei meiner Brüder haben studiert. Das hätte ich vielleicht auch können, das Geld hätten wir sicher gehabt.

Weshalb haben Sie es nicht gemacht?

Fäh: Ich hatte meine Mutter sehr gern und sah, dass sie Verstärkung brauchte. Ich wollte sie unterstützen, deshalb blieb ich zu Hause. Im Nachhinein reut es mich manchmal ein wenig, denn ich hätte gern mehr gelernt.

Dann gründeten Sie eine Familie?

Bissig: Ich hatte meinen Mann schon während der Lehre als guten Freund kennen gelernt. Er war Drogist. Wir heirateten 1970. Ich war 24, als wir 1971 unsere erste Tochter bekamen und mein Mann aus familiären Gründen eine Drogerie in Luzern übernehmen musste. So wurden wir in unseren Arbeitsalltag hineingeworfen.

Fäh: Mein Mann und ich heirateten 1964. Er war Lehrer und Organist, wir zogen nach Lungern. Für mich war das eine gute Lösung. In Altdorf war ich sehr eingebunden in die Familie, sodass ich mich hier nie selbst hätte entwickeln können. In Lungern wurde ich selbstständig.

Hat man sich in Ihren Familien politisch interessiert?

Bissig: Bei uns hat man intensiv politisiert. Meinen Vater hat es immer gestört, wenn Leute sich gegenseitig Geschäfte zuhielten. In Gemeindeversammlungen äusserte er sich oft, später war er Schwyzer Kantonsrat. Wir durften immer mitreden und unsere Meinung sagen.

Fäh: Mein Vater war ein Chef nach alter Art, sehr autoritär. Aber er war ein Patron, der sich um die Mitarbeiter auch sozial und menschlich kümmerte. Bei uns hiess es: «Wenn man ein Geschäft hat, kann man nicht politisieren.» Aber mein Vater engagierte sich als Organisator des Lehnfests oder als Präsident der Harmonie. Meine Mutter war Präsidentin des Müttervereins. Wir waren sozial sehr aktiv und hatten einen Fürsorgefonds fürs Personal. Das prägte mich natürlich.

Haben Sie Erinnerungen daran, wie man in den 50er- und 60er-Jahren über Frauen und ihre Anliegen dachte?

Bissig: Weil unsere Mutter berufstätig war, meinten viele, die Kinder würden nicht richtig versorgt. In der Schule wurde ich einmal gefragt: «Esst ihr zu Hause überhaupt warm?» Wir vermissten nichts, wir sind gross geworden ohne Mangelerscheinungen.

Haben Sie sich damals für die Frauenbewegung engagiert?

Fäh: Ich muss gestehen, ich habe damals nichts für die Frauenemanzipation gemacht. Ich lernte meinen Mann früh kennen. Es ging mir gut, ich hatte einen Beruf, mein Mann war seriös und unterstützte mich. Leider mussten wir fünf Jahre auf unser erstes Kind warten. Unsere zweite Tochter wurde kurz vor der Abstimmung 1971 geboren. Damals wollte ich einfach mit meinen zwei Kindern zu Hause sein, sie geniessen und erziehen.

Bissig: Wir waren fünf Frauen zu Hause, die nicht abstimmen durften, aber die gleichaltrigen Männer konnten dies tun. Das fand ich immer sehr ungerecht. Ich habe in meinem Umfeld vielleicht ein wenig fürs Frauenstimmrecht geworben, aber ich wäre nicht aktiv mit Fahnen nach Bern marschiert, weil ich zu sehr mit Ausbildung und Arbeiten beschäftigt war. Als die Abstimmung 1971 kam, war ich schwanger und sagte mir, ich würde gern meinem Baby das Frauenstimmrecht in die Wiege legen. Das ist dann auch gelungen.

Welche Ungerechtigkeit hat Sie damals am meisten gestört?

Bissig: Damals konnte der Mann über das Vermögen, das die Frau in die Ehe gebracht hatte, bestimmen. Ich finde das entwürdigend. Und dass die Frau fragen musste, ob sie arbeiten dürfe!

Fäh: Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir damals passte, wie es war. Ich vertraute meinem Mann blind. Wir machten alles gemeinsam. Hätte ich arbeiten wollen, hätte ich nicht um Erlaubnis gefragt, sondern wäre einfach gegangen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich gesellschaftlich und politisch engagierten?

Fäh: Ich kam zum Frauenbund und übernahm nach einigen Jahren das Präsidium des Kantonalverbands die Leitung des Fonds für werdende Mütter in Bedrängnis. Dort begegnete ich ganz vielen Müttern und Kindern, denen es schlecht ging. Es gab damals keine Mutterschaftsversicherung, weil die Männer glaubten, das sei eine private Angelegenheit, der Staat müsse nicht helfen. Wir sammelten viel Geld für den Fonds, wir mussten uns in diese schwierige Problematik hineinknien. Nachher kam ich für die CSP in den Landrat.

Bissig: 1980 wurde ich im Geschäft angesprochen, ob ich nicht dem Luzerner Business and Professional Women (BPW) beitreten wolle. Dort mischte ich mich ein, kam bald in den Vorstand und wurde Präsidentin. So wird man abgeholt zu etwas, was vorher gar nicht geplant war. Es ist immer ein Schritt zur Eigenentwicklung.

Warum sind Frauen in vielen Bereichen noch untervertreten?

Bissig: Ich mag es kaum mehr hören, wenn man sagt, man finde keine Frauen. Frauen haben alle Chancen, aber sie müssen es wollen, sie müssen sich engagieren. Man legt ihnen den roten Teppich aus, damit sie in die Politik gehen. Ich war Parteipräsidentin der FDP der Stadt Luzern. Es gibt viele gute Frauen, und wir wollten sie holen, erhielten aber oft Absagen.

Wenn Sie zurückschauen, auf welchen politischen Erfolg sind Sie stolz?

Fäh: Ich habe im Landrat einen überparteilichen Anlass zum Thema Familienpolitik organisiert. Alle Landrätinnen zogen am gleichen Strick. Wir haben Tagesmütter, Mittagstisch und Kinderhort aufgezogen, obwohl viele Männer vorerst nicht darauf einsteigen wollten. Wenn Frauen arbeiten wollen oder müssen, müssen die Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Waren Sie ebenfalls familienpolitisch engagiert?

Bissig: Familienpolitik ist etwas, was uns Frauen liegt. Wir konnten erreichen, dass in der Stadt Luzern jedes Schulhaus einen Mittagstisch hat. Jede berufstätige Frau muss die Gewissheit haben, dass ihr Kind über den Mittag im Schulhaus bleiben kann.

Schauen wir auf die Gegenwart. Was ist gelungen, wo muss noch gearbeitet werden?

Bissig: Frauen, die etwas erreichen wollen, haben heute alle Chancen. Es stehen ihnen Tür und Tor offen. Die Frauen müssen die Gleichstellung jetzt einfordern. Sie müssen halt auch hinstehen und an den Schlüsselstellen arbeiten. Frauen, ihr müsst wollen!

Fäh: In meinem Umfeld sind heute die Familienstrukturen anders. Die jungen Eltern verteilen die Aufgaben jetzt «fifty-fifty» und ihre Kinder danken es ihnen. Manchmal denke ich, den Jungen geht vieles ein wenig zu einfach. Man kämpft wenig, weil alles auf dem Tablett präsentiert wird.

Bissig: Ja, es ist den Jungen alles gegeben. Unsere Generation hat ihnen alle Ausbildungen erlaubt und ermöglicht. Die jungen Frauen müssen in ihre Aus- und Weiterbildung investieren. Also nicht auf den Märchenprinzen warten! Das müssen sie selber machen, lebenslang. Das ist mein Anliegen. Macht mehr aus eurem Leben!

* Dieses Interview wurde uns von Business and Professional Women Uri (BPW Uri) zur Verfügung gestellt. Schweiz- und weltweit handelt es sich um den bedeutendsten Verband berufstätiger Frauen. Die Autorin dieses Interviews ist Mitglied des BPW Uri.

Die Gesprächsteilnehmerinnen

Trudi Bissig-Kenel ist 1947 in Arth geboren. Sie machte eine Ausbildung als Pharma-Assistentin und verbrachte Sprachaufenthalte in Fribourg und England. Zusammen mit ihrem Ehemann führte sie eine Drogerie in Luzern, wo sie heute noch wohnt. Sie war Präsidentin des BPW-Clubs Luzern, Grossstadträtin für die FDP in der Stadt Luzern sowie Parteipräsidentin der FDP Stadt Luzern.

Berthe Fäh-Schön ist 1942 in Altdorf geboren. Nach Sprachaufenthalten in Fribourg und Lugano machte sie im elterlichen Textilgeschäft eine KV-Lehre. Sie war Präsidentin des SKF Uri (Schweizerischer Katholischer Frauenbund) und Präsidentin des SOFO (Sozialfonds für werdende Mütter in Bedrängnis, eine Stiftung des SKF). Von 1996 bis 2004 war sie Landrätin für die CSP.