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ISENTHAL: Bei ihm entscheiden oft Zehntelmillimeter

Seit über 30 Jahren fertigt der Bauer und Älpler Gusti Zurfluh im Nebenerwerb Weid- und Fahrtreicheln. Seine Schaftreicheln scheinen offenbar sogar den Wolf abzuschrecken.
Christof Hirtler
Der Kunsthandwerker Gusti Zurfluh beim Schweissen einer Treichel. (Bild: Christof Hirtler (Isenthal, 28. Februar 2017))

Der Kunsthandwerker Gusti Zurfluh beim Schweissen einer Treichel. (Bild: Christof Hirtler (Isenthal, 28. Februar 2017))

Christof Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

Jeweils im Frühsommer zieht Gusti Zurfluh mit seiner Frau ­Vreni vom Heimen Schluchen in Isenthal auf die Oberalp. 15 Kühe, 30 Rinder und Kälber werden dort gesömmert. «Auch die Geissen, Enten, Wachteln, Hasen und Katzen müssen mit», erzählt Gusti Zurfluh. Das ist für ihn und die Familie die strengste Zeit im Jahr. Das Pendeln zwischen Alp- und Talbetrieb, die Arbeit auf der Alp, das Heuen im Tal und die Fertigung von Treicheln («Tryychlä»), die – von Älplern und Bauern bestellt – noch vor dem Alpabzug termingerecht ausgeliefert werden müssen.

An diesem Januarmorgen schneit es kräftig, 20 Zentimeter Neuschnee sind im Tal gefallen, eine schwarz-gelbe Tafel an der Hauptstrasse warnt vor Lawinengefahr. 2,5 Kilometer entfernt vom Dorf Isenthal befindet sich der Hof Schluchen der Familie Zurfluh-Püntener. Nach dem Hirten der Kühe, Rinder und Mastkälber arbeitet Gusti Zurfluh in seiner kleinen Werkstatt: «Ich schätze es, dass ich im Winter nicht auswärts zur Arbeit fahren muss, sondern mich auf dem eigenen Hof ganz aufs Herstellen von Treicheln konzentrieren kann.»

Glocken und Treicheln mit perfektem Klang

Grundsätzlich kennt man, je nach ihrer Machart, zwei Typen von Viehgeläut: die runden, aus einer Bronze-Messing-Legierung gegossenen Glocken und die aus Stahlblech geschmiedeten Treicheln. Die grossen, bauchigen Exemplare nennt man Fahrtreicheln, die kleinen Weidtreicheln. Die Weidtreicheln, im Kanton Uri viereckig geformt und mit eckiger Klangöffnung (Maul), bezeichnet man als «Bissä», nach dem Urner Dialektwort für Gebiss.

Zurfluh fertigt seit über 30 Jahren «Bissä» und grosse, bauchige «Fahrtryychlä»: «Diese Produkte verkaufen sich über Mundwerbung fast von selbst – ein Zeichen, dass die Qualität stimmt.» Die Zurfluh-Treicheln mit dem kleinen «z» sind nicht nur bei Bauern und Älplern begehrt, sondern auch bei Glockensammlern und -kennern.

Die Weidtreicheln sind in 42, die Fahrtreicheln in fünf Grössen erhältlich. «Die kleinste Weidtreichel ist eine 3, die grösste eine 24. Die Grössenangaben beziehen sich auf die Breite des Lederriemens. Das heisst: Eine Treichel mit der Zahl 5 hat eine Bügelbreite von 5 Zentimetern, durch den ein 5 Zentimeter breiter Riemen gezogen wird. Diese Zahlen sind unterhalb des «z» in die Treicheln eingeschlagen.

«Wichtig ist, dass meine Treicheln immer gleich tönen», sagt Zurfluh. «Ein gutes Gehör ist für einen Treichelmacher Voraussetzung. Eine 10 muss immer tönen wie eine 10. Darum arbeite ich mit einem Mikrometer, messe die Dicke der Stahlbleche. Es gibt Differenzen bis zu 2 Zehntelmillimeter.»

Je grösser, desto schwieriger

«Für die Herstellung einer Treichel muss das ganze Blech exakt gleich dick sein, sonst stimmt der Ton nicht», erklärt Zurfluh. Die Grösse der Treichel und die Dicke des Stahlblechs bestimmen, neben der Form der Schallöffnung, den Ton. Je grösser eine Treichel, umso schwieriger ist es, den exakten Klang zu schmieden. «Eine einzige Treichel herzustellen, ist keine Kunst, aber die Qualität und das Level zu halten, schon.»

Seine Treicheln entstehen mit Hammer und Elektroschweissgerät im Kaltverfahren, das Blech wird nie in einer Esse erhitzt und verformt. Im ersten Arbeitsschritt zeichnet er mit Reissahle und Meter die Form auf das Blech. Zwischen 2 und 5 Millimeter dick sind die Stahlbleche, je nach Grösse der Treichel. Kleinere Treicheln entstehen aus einem Blech, grössere aus zwei Teilen. Danach wird das «z» eingeschlagen, das Markenzeichen der Zurfluh-Treicheln.

Ist die Treichel in Form gebracht, wird sie seitlich verschweisst und je mit einer runden kleinen Niete auf den Schweissnähten versehen – auch das ein weiteres Kennzeichen einer Zurfluh-Glocke. Nach der Weiterbearbeitung der Treichel mit dem Hammer schweisst Zurfluh den Bügel an die Treichel. Schliesslich wird sie an der Schleifmaschine feingeschliffen, danach wird der Klöppel befestigt. Sämtliche Treicheln werden galvanisch behandelt oder lackiert. Besonders die vermessingten, vernickelten und verchromten Treicheln bleiben länger schön und rosten nicht.

Nur Schafe ohne Treicheln vom Wolf gerissen

Das Handwerk hat sich Zurfluh durch jahrelanges Pröbeln und Tüfteln selber erarbeitet. Dieses Wissen und Können, wie etwa die Formgebung der Treicheln, wird nur innerhalb der Familie weitergegeben. «Mein Sohn Armin konnte bei mir lernen. Zurzeit macht er ausschliesslich Schaftreicheln», sagt Zurfluh. «Die Bauern haben festgestellt, dass sämtliche vom Wolf gerissenen Schafe keine Treicheln trugen. Treicheln scheinen Schafe zu schützen. Es ist möglich, dass Wölfe durch das Geläut irritiert werden.» Im Unterschied zu seinem Vater Gusti stellt Armin Zurfluh auch die passenden Lederriemen her.

Das Kunsthandwerk bleibt in der Familie. Armin Zurfluh ist Schreiner, angehender Bauer und ebenfalls Treichelmacher. Er setzt unter anderem auch auf moderne Kommunikationsmittel und lud kürzlich ein Foto seiner Treicheln auf Whatsapp. Innert Minuten konnte er damit fünf Treicheln verkaufen. Sein Vater konnte dies kaum glauben.

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