ISENTHAL: Ein ganzes Dorf auf Entdeckungsreise

Eigentlich wollte Markus Aschwanden nur wissen, wer auf Fotos seiner Eltern abgebildet ist. Daraus ist im kleinen Dorf ein grosses Projekt entstanden.

Elias Bricker
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Mit Bildern wie diesem hat alles angefangen: Es zeigt Aschwandens Eltern Josy und Kari (hinten) mit Bekannten. Doch: Wer sind die Kinder? (Bild: PD)

Mit Bildern wie diesem hat alles angefangen: Es zeigt Aschwandens Eltern Josy und Kari (hinten) mit Bekannten. Doch: Wer sind die Kinder? (Bild: PD)

Markus Aschwanden und seine Geschwister besitzen einen immensen Schatz. Ihre Eltern haben ihnen eine Vielzahl von alten Fotos hinterlassen. Sie zeigen Familien, Vereine, Bauern oder Bauarbeiter – vorwiegend Isenthaler – meist an speziellen Anlässen. «Leider weiss ich aber oft nicht, wer auf diesen Fotos abgebildet ist oder aus welchem Anlass fotografiert wurde», sagt Aschwanden. «Das ist sehr schade. Damit geht Wissen über mein Tal verloren.»

«Bevor niemand mehr da ist»

Doch Aschwanden will nun herausfinden, wer auf den Fotos abgebildet ist. Deshalb hat er im vergangenen Jahr das Projekt «Isenthaler» lanciert. Hunderte von Fotos hat der pensionierte Lehrer in den vergangenen Monaten digitalisiert und auf die Website isenthaler.ch gestellt. Zudem hat er die Personen auf den Bildern mit Nummern versehen. Wer jemanden erkennt, kann ihm via Kontaktformular Rückmeldungen geben. «Ich hoffe, dass ich so noch einiges erfahren kann, bevor niemand mehr da ist, der noch etwas gewusst hätte», sagt der 67-Jährige. Trotzdem hat die Website ihre Tücken: «Viele ältere Leute, die noch Personen erkennen würden, besitzen überhaupt keinen Computer», so der Projektinitiant. Persönliche Gespräche sind also mit ein Weg, um noch etwas über die Abgebildeten zu erfahren.

Vater hat Tal mitgeprägt

Eigentlich begann Aschwanden sich eher zufällig mit den alten Fotografien zu befassen: Die Kulturkommission Isenthal porträtierte im vergangenen Jahr an der traditionellen Kilbi-Ausstellung (siehe Box) Persönlichkeiten, die das Tal mitgeprägt hatten. Einer davon war Aschwandens Vater Kari (1914–2007) – ursprünglich Bäcker und später Transportunternehmer. «Er hat das ganze Tal mit Brot beliefert», erinnert sich Aschwanden. Zudem hatte er Holztransporte durchgeführt. Er war auch einer der ersten Isenthaler, die einen Fotoapparat besassen. «Die Kulturkommission hatte mich angefragt, ob ich nicht Fotos von meinem Vater für die Kilbi-Ausstellung zur Verfügung stellen würde», sagt Aschwanden. «Deshalb begann ich eigentlich erst, in den Fotoalben meiner Eltern zu stöbern.» Dabei entdeckte der pensionierte Lehrer neue Seiten seines Vaters. «Als junger Mann muss er ein lustiger und wilder Kerl gewesen sein», so der Sohn. «Ich habe ihn eher als ernsten Mann in Erinnerung.»

Ausstellungsarchiv digitalisieren

Die Website isenthaler.ch soll aber keine Familiensache bleiben. Denn Markus Aschwanden sitzt neu in der Kulturkommission Isenthal, die seit 1991 jedes Jahr die Kilbi-Ausstellung organisiert. In den fast 25 Jahren hat sich im Archiv der Kommission eine riesige Menge Fotos angesammelt, für die sich auch eine breitere Öffentlichkeit interessieren könnte. Aschwanden hat nun die Aufgabe übernommen auch diese Originaldokumente zu digitalisieren. Dank der Mitarbeit von Isenthalern können die Bilder mit vielen Angaben verknüpft werden. Aschwanden möchte die Webseite isenthaler.ch auf die Kilbi hin zur offiziellen Website der Kulturkommission machen. «Damit wäre es möglich Perlen aus dem Archiv öffentlich zu zeigen», sagt er. Gern würde Aschwanden auch Fotos aufnehmen, die ihm Private zur Verfügung stellen. Somit erhält die 500-Seelen-Gemeinde ein eigenes, fein säuberlich beschriftetes Online-Fotoalbum. «Das ist ein unendliches Projekt», so der in Seedorf wohnhafte Rentner.

Von der Aussenwelt abgeschnitten

Erst wenn man die Fotos genauer betrachtet, wird klar, wie extrem sich das Tal seit den Dreissiger- und Vierzigerjahren gewandelt hat. «Das Isenthal war damals ja fast ein Entwicklungsgebiet», sagt Aschwanden mit einem Lachen. Wer das Tal verlassen wollte, musste an der Isleten auf das Schiff umsteigen. «Ansonsten war Isenthal nur zu Fuss erreichbar. Das Tal war praktisch auf sich gestellt», so der Webmaster. «Damals gab es kaum ein motorisiertes Fahrzeug.» Erst als 1951 die Strasse von Seedorf an die Isleten eröffnet wurde, hielt der Fortschritt in Isenthal Einzug.

Elias Bricker

Hinweis

Das Online-Fotoalbum findet man im Internet unter isenthaler.ch.